/ Bibel heute
Der Druck der Familie
Der Bibeltext Johannes 7,1-13 – ausgelegt von Bernd Seidler.
Danach zog Jesus umher in Galiläa; denn er wollte nicht in Judäa umherziehen, weil ihm die Juden nach dem Leben trachteten. Es war aber nahe das Laubhüttenfest der Juden. Da sprachen seine Brüder zu ihm: Mach dich auf von hier und geh nach Judäa, auf dass auch deine Jünger die Werke sehen, die du tust.[...]
Auf Spurensuche: Warum zögert Jesus?
Ich weiß nicht, wie es Ihnen mit dieser Geschichte von Jesus geht. Ich jedenfalls war anfänglich etwas verwirrt über das Hin und Her, das geschildert wird. Deshalb habe ich mich auf Spurensuche begeben und lade Sie ein, mir dabei zu folgen.
Meine erste Frage lautet: Warum will Jesus nicht nach Jerusalem gehen?
Im ersten Vers unseres Bibeltextes heißt es: Jesus wollte nicht nach Jerusalem, weil die Menschen dort ihm nach dem Leben trachteten. Äh? Wie? – Ist nicht Jesus später ganz bewusst nach Jerusalem gereist – wohlwissend, dass die Menschen ihn dort kreuzigen wollten?
Im Johannesevangelium, Kapitel 7,8 sagt Jesus: „meine Zeit ist noch nicht erfüllt.“ Ich entde>Gottes für sein Leben, er fragt auch nach dem Zeitplan Gottes, dem Timing.
Das Laubhüttenfest und der Druck der Familie
Frage 2: Was hat es mit dem Laubhüttenfest auf sich?
Das Laubhüttenfest ist ein riesiges Volksfest in Israel. Aus allen Teilen des Landes strömen die Menschen nach Jerusalem, um zu feiern. Dieses Fest findet im Herbst statt und es ist ein fröhliches Fest in Israel. Eine Woche lang erinnert man sich an die Wüstenwanderung des Volkes Gottes und an Gottes Schutz und Versorgung in diesen schweren Zeiten. In dieser Festwoche verlassen die Menschen ihre festen Häuser und leben in Zelten und Hütten, wie auf der Wüstenwanderung. Und es ist zeitgleich auch ein Erntefest und die Feier der Weinlese.
Frage 3: Wer sind hier die Brüder Jesu?
Hier melden sich seine leiblichen Brüder zu Wort. Ja, Jesus hat nach Aussage der Bibel vier Brüder und mindestens zwei Schwestern. Seine Brüder heißen Jakobus, Josef, Simon und Judas. Sie versuchen Jesus zu überzeugen, auch auf das Laubhüttenfest zu gehen. Dieses große Fest in Israel ist doch ein geeigneter Ort, sich zu präsentieren. „Jesus“, so denken und sagen seine Brüder, „da kannst Du groß rauskommen, da kannst Du Dir einen Namen machen, da kannst Du noch mehr Anhänger gewinnen.
Jesus folgt Gottes Willen – nicht dem Willen der Menschen
Meine letzte Frage lautet: Warum folgt Jesus nicht dem Rat seiner Brüder, nach Jerusalem zu gehen?
Weil sich Jesus am Willen Gottes, nicht am Willen von Menschen orientiert.
Und hier, so meine ich, sind wir an einem ganz wichtigen Merkmal des Lebens von Jesus angekommen: Nicht was Menschen von ihm wollen und erwarten, ist sein Leitfaden, sondern was Gott von ihm will. So kommt es immer wieder zu Konflikten mit anderen Menschen, sogar mit seinen engsten Verwandten und seinen besten Freunden.
Da ist seine Mutter Maria. Auf einer Hochzeitsfeier fordert sie Jesus auf, für mehr Wein zu sorgen. Jesus entgegnet ihr: „Was habe ich mit dir zu schaffen. Meine Stunde ist noch nicht da.“
Da ist sein Jünger Petrus, der Jesus davon abbringen will, am Kreuz zu sterben. Jesus entgegnet ihm: „Petrus, Du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist.“
Jesus hat es nie darauf abgesehen, alle Wünsche und Ideen seiner Mitmenschen zu erfüllen. Sein Lebensziel ist: Gott zu ehren, Gottes Willen zu tun und den Menschen zu dienen – in genau dieser Reihenfolge.
Noch im gleichen Kapitel sagt Jesus: „Ich suche die Ehre dessen, der mich gesandt hat“ – Gott selbst. Sich bei den Menschen einen großen Namen zu machen, ist nie sein Ziel. Deshalb der Konflikt mit seinen leiblichen Brüdern: denn die wollen, dass Jesus nach Jerusalem geht, um groß rauszukommen. „Jesus Christ Superstar“ mag ein erfolgreiches Musical sein, eine zutreffende Beschreibung von Jesus ist es jedenfalls nicht.
Ich bin begeistert von der inneren Stärke Jesu. Er lässt sich nicht von anderen vorschreiben, was er zu tun hat. Ich bewundere die klare Ausrichtung Jesu auf Gottes Willen und auf seine Wege.
Warum kann er sein Leben so klar auf Gott ausrichten? Was macht Jesus so stark?
Der himmlische Vater ist für Jesus die Quelle seines Lebens.
Annahme, Wert, Beachtung und Liebe empfängt Jesus in der Beziehung zu seinem himmlischen Vater. Die Zusage Gottes an Jesus: „Du bist mein geliebter Sohn“ hat Jesus geprägt wie nichts anderes auf der Welt. Deshalb muss er nicht den Ratschlägen anderer folgen.
„Wer vor Gott kniet, kann vor Menschen aufrecht stehen“ – Diesen Satz hat der Evangelist und Jugendpfarrer Wilhelm Busch geprägt. Wer vor Gott kniet, kann vor Menschen aufrecht stehen, das ist ein Wort, das auch das Leben von Jesus kennzeichnet. Und es steht auch über dem Leben von diesem Jesus-Nachfolger. Wilhelm Busch lässt sich nicht von den Nationalsozialisten vorschreiben, was er zu tun, was er zu glauben und was er zu predigen hat.
Jesus selbst hat sein Leben vollständig und radikal auf Gott ausgerichtet.
Und doch ist er wenig später auf dem Laubhüttenfest. Also tut er doch das, was Menschen ihm sagen? Auf den ersten Blick scheint es so, aber bei genauerem Hinsehen ist sein Weg nach Jerusalem ganz anders als es seine Brüder vorgeschlagen haben.
Die Brüder wollen, dass er zum Laubhüttenfest geht, um öffentlich etwas zu gelten. Er geht auf das Laubhüttenfest, um Gott zu ehren. „Aber nicht von mir selbst aus bin ich gekommen, sondern von dem, der wahrhaftig ist, der mich gesandt hat.“ (Johannes 7,28)
Jesus geht auf das Laubhüttenfest nicht, um als Star in Erscheinung zu treten, sondern er geht dorthin, um die Menschen zu sich und zum himmlischen Vater zu rufen.
Was können wir aus dieser Geschichte für unser Leben mitnehmen?
Wir erfahren in diesem Bibeltext Wichtiges über Jesus. Können wir auch für unser Leben aus dieser Geschichte etwas mitnehmen? Ja!
Für Jesus-Nachfolger ist es gut und tut es gut, sich nicht von Menschen abhängig zu machen, sondern aus der Beziehung zu Jesus heraus zu leben.
Mit der Zusage Jesu: „Du bist meine geliebte Tochter, du bist mein geliebter Sohn“, können auch wir mutig und aufrecht unser Leben nach Gottes Plan und Willen gestalten.
Wenn ich mir von Gott zusprechen lasse, wer ich bin, woher mein Wert kommt, dass ich geliebt und wertvoll bin, dass ich gesehen werde, dann werde ich in den Begegnungen mit anderen Menschen nicht verzweifelt nach Bestätigung, Wert, Wahrnehmung und Wertschätzung suchen.
Jesus ist dieser Gefahr, sich von Menschen und Menschenmeinung abhängig zu machen, nicht erlegen. Er ruht in der Liebe Gottes und lebt nach Gottes Plan und Timing.
Wir dürfen es auch tun.
© Ruth Schneider / ERF
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