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Wunderschöne Gemeinschaft

Der Bibeltext Epheser 4,1-6 – ausgelegt von Jan-Peter Graap.

So ermahne ich euch nun, ich, der Gefangene in dem Herrn, dass ihr der Berufung würdig lebt, mit der ihr berufen seid, in aller Demut und Sanftmut, in Geduld. Ertragt einer den andern in Liebe und seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens:[...]

Epheser 4,1–6

Gemeinschaft zwischen Klappstühlen und Thermoskannenkaffee

Stellen Sie sich einen ganz normalen Abend vor. Gemeindesaal. Klappstühle. Thermoskannenkaffee. Vorne wird diskutiert. Die einen sagen: „Wir müssen moderner werden“. Die anderen: „Wir dürfen das Bewährte nicht verlieren“. Einer redet viel. Eine schweigt. Einer denkt: „Warum ist das eigentlich immer so anstrengend mit der Gemeinschaft?“

Oder stellen Sie sich ein Orchester vor. Die erste Geige hebt an. Klar, deutlich, führend. Daneben sitzt die zweite Geige. Leiser. Unauffälliger. Aber wenn sie fehlt, kippt die Harmonie.

Gemeinschaft ist wunderschön. Und sie ist empfindlich.

In genau so eine Wirklichkeit hinein schreibt Paulus seinen Brief an die Gemeinde in Ephesus. Keine Idealtruppe. Keine homogene Gruppe. Sondern Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen. Judenchristen, die in den alten Verheißungen Israels zu Hause sind. Heidenchristen, die aus ganz anderen religiösen Welten kommen. Paulus hat die Stadt auf seiner zweiten Reise nur kurz besucht. Später bleibt er mehr als zwei Jahre dort. Es ist eine pulsierende Metropole. Es gibt Widerstand. Es gibt Spannungen. Und irgendwann sitzt Paulus im Gefängnis und schreibt – vermutlich um das Jahr 57–60.
 

Würdig leben – Demut, Sanftmut und Geduld

Und aus der Haft heraus sagt Paulus: „So ermahne ich euch nun, dass ihr der Berufung würdig lebt, mit der ihr berufen seid – in aller Demut und Sanftmut, in Geduld. Ertragt einer den andern in Liebe und seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens.“

Das ist kein moralischer Zeigefinger. Das ist seelsorgerliche Klarheit. Paulus weiß: Einheit fällt nicht vom Himmel. Und sie entsteht nicht dadurch, dass alle gleich werden. Sie muss bewahrt werden – mitten in der Vielfalt.

Lebt würdig der Berufung.“ Würdig heißt hier nicht: perfekt. Es heißt: passend. Ihr seid gerufen. Ihr seid von Gott gesegnet. Ihr gehört zu Christus. Und euer Umgang miteinander soll dazu passen.

Dann nennt Paulus drei Haltungen, die wie Grundpfeiler wirken: Demut. Sanftmut. Geduld.

Demut ist kein Wort, das in unserer Zeit Karriere macht. Wir leben von Selbstvermarktung, von Profil, von Sichtbarkeit. Ein Bekannter sagt manchmal mit einem Augenzwinkern: „In der Demut, da macht mir keiner was vor.“ Man merkt sofort, wie schief das klingt. Echte Demut spricht nicht über sich. Sie dient. Jesus hat das radikal vorgemacht. Er hat seinen Jüngern nicht den Kopf gewaschen, sondern die Füße. Mit Schüssel und Schürze. Wer der Größte sein will, soll dienen, sagt Jesus. In unserer Welt gehören Größe und Macht zusammen. Bei Jesus gehören Größe und Dienst zusammen.

Sanftmut heißt nicht Schwäche. Es heißt: Kraft unter Kontrolle. Nicht jedes Argument wie ein Schwert führen. Nicht jedes Recht sofort einfordern. Und Geduld heißt: „Ich halte aus, dass der andere anders ist. Ich gebe Zeit. Ich bleibe.“

Dann kommt dieser ehrliche Satz: „Ertragt einer den andern in Liebe.“ Ertragen. Das klingt nicht romantisch. Es ist realistisch. Gemeinde besteht nicht aus Menschen, die immer einer Meinung sind. Sondern aus Menschen, die gelernt haben, sich nicht beim ersten Konflikt abzuwenden.

Die Liebe, von der Paulus spricht, ist Agape. Keine Stimmung. Keine Sympathie. Sondern eine bewusste Entscheidung zum Wohl des anderen. Die Liebe, mit der Gott uns liebt, soll unser Umgangston werden. Das ist hoch. Aber alles andere trägt nicht.
 

Siebenmal „ein“ – die Mitte der Gemeinde

Und dann setzt Paulus den Rahmen. Siebenmal sagt er „ein“: ein Leib, ein Geist, eine Hoffnung; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; ein Gott und Vater aller. Das sind die kleinsten gemeinsamen Nenner. Darauf kann sich die Gemeinde einigen.

Ein Leib. Wir gehören zusammen wie Glieder an einem Körper. Unterschiedlich, aber verbunden.

Ein Geist. Nicht viele konkurrierende Geister treiben uns Christen, sondern Gottes Geist.

Eine Hoffnung. Wir leben auf dasselbe Ziel zu.

Ein Herr. Nicht ich bestimme die Mitte. Nicht du. Christus.

Ein Glaube. Eine Taufe. Ein Gott und Vater aller.

Paulus sucht das Gemeinsame. Er lenkt den Blick weg von Nebensätzen – hin zur Mitte. Im ganzen Brief taucht immer wieder diese kleine Formulierung auf: „in ihm“. In Christus. Dort liegt die Einheit.
 

Die zweite Geige – ein Bild für Gemeinde

Ich dachte dabei an meine Zeit früher im Posaunenchor. Ich spielte lange erste Trompete. Das macht Freude. Ich hatte die Melodie.

Eines Tages wurde ich gebeten, in die zweite Trompetenreihe zu wechseln. Ich war nicht begeistert.

Doch ich habe gelernt: Die zweite Stimme ist anspruchsvoll. Sie trägt die Harmonie. Sie verbindet. Sie füllt die Lücken. Und wenn sie fehlt, klingt alles dünn. Außerdem – ganz praktisch – schont sie den Ansatz. Man hält länger durch.

Leonard Bernstein wurde einmal gefragt, welches Instrument das schwierigste sei. Er antwortete: die zweite Geige. Erste Geigen findet man viele. Aber jemanden, der mit Begeisterung die zweite Geige spielt – das ist selten. Und doch: Ohne zweite Geige keine Harmonie.

Vielleicht ist das ein Bild für Gemeinde. Wir brauchen nicht nur erste Stimmen. Wir brauchen zweite. Menschen, die nicht glänzen müssen, sondern tragen. Menschen, die nicht dominieren, sondern dienen.

Paulus schreibt an eine junge, spannungsvolle Gemeinde. Er weiß um die Unterschiede. Aber er weiß auch um die Mitte. Und deshalb ruft er: „Bewahrt die Einheit im Geist.“

Das gilt bis heute. Unsere Kirchen und Gemeinden sind vielfältig. Unterschiedliche Generationen. Unterschiedliche Frömmigkeitsstile. Unterschiedliche Erwartungen. Das ist kein Problem – solange die Mitte klar ist.

Ein Leib. Ein Geist. Ein Herr.

Vielleicht ist die entscheidende Frage heute nicht: „Setze ich mich durch?“ Sondern: „Diene ich?“ Nicht: „Werde ich gehört?“ Sondern: „Trage ich bei?“ Gemeinschaft wird nicht dadurch stark, dass alle erste Trompete spielen. Sondern dadurch, dass jede Stimme ihren Platz findet.

Und wenn alle sich an Christus orientieren, entsteht etwas, das größer ist als wir selbst. Ein Klang. Eine Harmonie. Ein Zeugnis.

Ein Leib. Ein Geist. Eine Hoffnung.

Suchen wir diese Mitte neu. In ihm, in Jesus.

Dann wird aus vielen Stimmen ein Klang. Und dieser Klang trägt.

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