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/ Bibel heute

Jesus betet für Einheit

Der Bibeltext Johannes 17,11b-26 – ausgelegt von Uli Limpf.

Und ich bin nicht mehr in der Welt; sie aber sind in der Welt, und ich komme zu dir. Heiliger Vater, erhalte sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, dass sie eins seien wie wir. Solange ich bei ihnen war, erhielt ich sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, und ich habe sie bewahrt, und keiner von ihnen ist verloren außer dem Sohn des Verderbens, damit die Schrift erfüllt werde. Nun aber komme ich zu dir, und dies rede ich in der Welt, auf dass meine Freude in ihnen vollkommen sei.[...]

Johannes 17,11b–26

Das hohepriesterliche Gebet Jesu

Heute geht es um den zweiten Teil des Gebets von Jesus kurz vor seinem Tod. Es geht um das Gebet, das in vielen Bibeln das Hohepriesterliche Gebet Jesu genannt wird. Es ist ein besonderer Abschnitt, den der Jesus-Biograph Johannes hier überliefert. Als Jesus wusste, dass seine letzte Stunde auf Erden bald schlägt, da hat er das getan, was ihm wirklich wichtig war. Er hat noch einmal ausführlich mit seinen Jüngern geredet, er hat ihnen die Füße gewaschen. Und dann hat er unter allen letzten Dingen ein allerletztes getan, das Letzte, bevor sie ihn wie einen Verbrecher in Ketten gelegt haben. Er hat gebetet.

Kein anderes Gebet wird in den Evangelien von Jesus in dieser Ausführlichkeit und Länge wiedergegeben. Keines! Warum dann dieses? Warum überhaupt wird hier der intimste Vorgang, den es gibt, das ganz persönliche Gespräch, das Jesus mit dem Vater führt, in dieser Ausführlichkeit erzählt? Für mich gibt es dafür nur einen Grund. Als Jünger Jesu sollen wir wissen, was der Vater und Sohn über uns denken und reden, was sie beschließen und sich vornehmen, was ihr Anliegen ist, wenn es um uns geht.
 

Kindheitserinnerung – Zuhören bei den Eltern

Mein Vater war Orthopädieschuhmacher. Unsere Wohnung lag direkt über seiner Werkstatt und ich kann mich gut erinnern, dass ich als kleines Kind, wenn ich abends eigentlich schon schlafen sollte, aus dem Bett gekrochen bin und mich oben an die Treppe gestellt habe, um zu hören, was mein Vater und meine Mutter miteinander reden. Als kleines Kind wollte ich wissen, ob es ihnen gut geht, ob sie vielleicht über mich reden und wenn ja, was sie dann über mich reden.

Hier beim hohepriesterlichen Gebet dürfen Sie und ich zuhören, wie Jesus und der Vater über die Jünger reden und auch über uns, weil wir zu denen gehören, die durch das Wort der Jünger zum Glauben an Jesus gefunden haben. Dieses Gebet ist uns deshalb überliefert, dass wir, die wir Jesus unser Vertrauen geschenkt und unser Leben gewidmet haben, mithören, wie sehr wir umsorgt und geliebt werden. Jesus bespricht mit dem Vater, was jetzt mit uns werden soll und er sagt ihm: Vater, jetzt musst du sie bewahren und keinen verlieren, jetzt musst du sie heiligen, einigen und senden. Spüren Sie die Fürsorge und das Mitgefühl Jesu für die, die er jetzt nach seinem Tod, seiner Auferstehung und Himmelfahrt zurücklässt?

Dass Jesus für uns betet, ist wohl nötig. Warum ist das nötig? Weil wir es alleine nicht packen, weil wir ihn dringender brauchen als die Luft zum Atmen. Wer bringt uns ans Ziel? Der Vater! Wer heiligt und bewahrt uns? Der Vater! Wer baut und eint die Gemeinde? Der dreieinige Gott! Der frühere bayerische Bischof Hermann Bezzel hat es einmal so formuliert: „Die Abhängigkeit von Gott ist unser Glück.“

Werfen wir einen kurzen Blick auf die wichtigsten Gebetsanliegen, die Jesus hier mit seinem Vater bespricht.
 

Die Gebetsanliegen Jesu

1. Erhalte sie in deinem Namen

Das ist zunächst einmal die Bitte Jesu um Bewahrung. Diese Bitte erinnert stark an die Hirtenrede Jesu im Johannesevangelium, Kapitel 10. Da sagt Jesus, dass niemand die Jünger aus seiner Hand reißen kann. Solange Jesus bei ihnen war, hat er sie bewahrt. Aber jetzt geht er weg. Jetzt muss der Vater diese Aufgabe übernehmen. Erhalte sie, das heißt Jesus bittet darum, dass der Vater selbst die Nachfolger Jesu bewahrt, beschützt, versorgt und ans Ziel bringt.

In Vers 14 macht Jesus deutlich, wie er das bewerkstelligt hat, dass er seine Jünger bewahrt hat. Er hat ihnen sein Wort und uns die Bibel gegeben. Das ist ja in der Tat so, dass die Bibel für meinen Weg wertvoll, hilfreich, wegweisend ist.

Dann macht Jesus aber auch deutlich, wie nötig es ist, dass der Vater die Jünger bewahrt. Denn die sogenannte Welt hat eine andere Gesinnung, ja Jesus sagt sogar, dass auch Hass eine mögliche Erfahrung der Jünger sein kann.

Die Bewahrung der Jünger könnte so einfach sein. Gott könnte sie doch einfach aus dieser Welt herausnehmen, sie zu sich holen (Vers 15) – dann wäre doch alles gut. Aber genau das will Jesus nicht. Er braucht sie doch in der Welt. Er braucht sie dort als seine Zeugen. Er braucht sie dort als Licht und als Salz. Damit hat Jesus eine grundsätzliche und eine unfassbar wichtige Aussage gemacht. Wir sollen in der Welt sein – aber nicht von der Welt. Von diesem Augenblick an durchzieht diese Spannung „in der Welt – aber nicht von der Welt“ die ganze Kirchengeschichte. Aber nicht nur die Kirchengeschichte, auch mein eigenes Leben.

Jesus nimmt mich nicht aus dieser Welt heraus. Ich lebe mitten im Alltag: im Büro, in der Schule, in der Familie, im Freundeskreis. Ich begegne denselben Herausforderungen wie alle anderen – Leistungsdruck, Versuchungen, Sorgen, gesellschaftliche Strömungen. Christsein bedeutet nicht Rückzug in eine geistliche Parallelwelt. Und gleichzeitig habe ich eine neue Identität. Meine Herkunft, meine Werte, meine Hoffnung kommen aus dem Reich Gottes. „Nicht von der Welt“ heißt:

• Meine Maßstäbe kommen aus Gottes Wort.

• Meine Hoffnung hängt nicht an Karriere oder Besitz.

• Meine Identität gründet sich nicht auf Anerkennung, sondern auf Christus.

Ich schwimme nicht bewusst gegen alles – aber ich lasse mich auch nicht treiben.

Das zweite Gebetsanliegen Jesu hier heißt:
 

2. Lass sie eins sein

Die Einheit von Vater und Sohn ist hier der Maßstab und das Vorbild. Vater und Sohn sind durch den Heiligen Geist verbunden. Deshalb kann es auch nur derselbe Heilige Geist sein, der die Jünger zu einer Einheit formt.

Vielleicht reiben Sie sich an dieser Stelle die Augen und sagen: Jesus, das ist aber gewaltig schiefgegangen. Denn mit der Einheit deiner Jünger scheint es ja nicht weit her zu sein. Gibt es nicht allein bei uns in Deutschland, ja in der ganzen Welt eine Vielzahl, ja geradezu eine Unzahl von Kirchen, Gemeinden, Gruppierungen, Meinungen? Hat sich in den vergangenen zweihundert Jahren die Christenheit nicht immer mehr zersplittert? Ich denke, wir sitzen da einem Missverständnis auf. Einheit in Jesus besteht nicht darin, dass wir alle gleich denken und es nur eine richtige Lehrmeinung geben darf. Vielfalt gehört zu Gottes Schöpfung und zu Gottes Wesen. Schließlich hat Gott ja auch nicht nur Rosen erschaffen, sondern zigtausend andere wunderschöne Blumen und Pflanzen. Einheit hat ihr Fundament einzig und allein in dem, was Jesus für uns getan hat. Wer auf Jesus sein ganzes Vertrauen setzt, gehört zu ihm und seiner Familie. Überall, wo Menschen sich zu Jesus als ihrem Retter und Herrn bekennen, begegne ich Kindern Gottes, meinen Brüdern und Schwestern. Ich kann nicht weniger, aber auch nicht mehr Brüder und Schwestern haben, als mein Vater im Himmel Kinder hat. Wenn das unser Kern, unser gemeinsamer Glaube ist, dann können wir in Randfragen ruhig unterschiedlicher Meinung sein.

Einheit ist also zuallererst Einheit mit dem Vater und dem Sohn. Wir untereinander, das ist zu wenig. Wir müssen nach oben angebunden sein. Und Einheit hat auch nichts damit zu tun, dass wir als Christen es untereinander kuschelig haben. Denn Einheit hat ein Ziel und einen Sinn und dieser Sinn ist die Sendung in die Welt. Wir sollen eins sein in der Mission, die nicht unsere Mission, sondern Gottes Mission ist.
 

Das Ziel – bei Jesus sein

Die dritte und letzte Bitte Jesu an seinen Vater ist die, dass wir als seine Jünger einmal dort sind, wo er jetzt schon ist (V 24). Der Himmel ist für uns Christen in erster Linie nicht ein Ort mit viel Pracht und Glück, nicht das Schlaraffenland, sondern der Ort, wo wir mit Jesus und dem Vater zusammen sind. In einem seiner Briefe beschreibt das Johannes so: „Wir werden ihn sehen, wie er ist“ (1. Johannes 3,2).

Das alles also sollen und dürfen wir hören, wenn Jesus hier so innig mit seinem Vater spricht. Wir sollen hören, wie sehr wir umsorgt und geliebt sind. Vom Vater, vom Sohn und vom Heiligen Geist.

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