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/ Bibel heute

Das Scherflein der Witwe

Martin Siehler über Markus 12,41-44.

Und Jesus setzte sich dem Gotteskasten* gegenüber und sah zu, wie das Volk Geld einlegte in den Gotteskasten. Und viele Reiche legten viel ein. Und es kam eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein; das ist ein Heller. Und er rief seine Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben.[...]

Markus 12,41–44

Der Tempel in Jerusalem ist ein gewaltiges Bauwerk voller Glanz und Pracht. Tausende von Menschen kommen jeden Tag, um zu opfern und zu beten. Am Eingang steht der sogenannte Gotteskasten, er ist offen, alle können sehen, wie hoch die Spenden sind. Bei einem großen Opfer sind die Umstehenden beeindruckt. Gesehen werden ist eine starke Motivation, Gutes zu tun. Wenn es heute eine Spendengala bei einer Katastrophe gibt, inszenieren z. B. Rockstars Spendenkonzerte für Erdbebenopfer, geben Geld für Katastrophengebiete und Menschen in Not. Bei der „Ein Herz für Kinder“-Gala spenden Firmen und Einzelne Millionen und lassen sich werbewirksam ins Bild setzen. „Ein Herz für Kinder“ macht alle Spenden sichtbar und gibt damit auch denen einen Wert, die weniger geben können.

Aber zählen zwei Euro, die ein Kind von seinem Taschengeld spendet, genauso viel wie das, was ein Großspender investieren kann? Vom Bedarf des Opferprojektes ist es nicht dasselbe. Jesus nimmt aber eine andere Perspektive ein. Ihm geht es nicht um das Projekt, sondern um die Person, die spendet. Jesus lehrte in dem Teil des Tempels, wo 13 Opferkästen standen. Jeder war für einen eigenen Zweck bestimmt, für Tempelsteuer, für Armenpflege, einer für die Darbringung von Brandopfern usw. Die Besucher konnten das Geld aber nicht selbst in den Opferkasten werfen, sondern mussten es einem Priester aushändigen. Dabei nannten sie den Geldbetrag und den Verwendungszweck. Erst dann wanderte das Geld in den Opferkasten. Diskretion war nicht gewährleistet. Jesus saß beim Gottes-Kasten. So konnte er beobachten, was die Frau gegeben hat. Zunächst fällt auf: Spenden war keine Übung für besonders fromme Leute, sondern gesellschaftlich üblich. Es war keine Frage, ob gespendet wird, sondern nur wieviel. Die Menschen wussten, dass ihr Leben von Gott abhängt. Ein Leben ohne Gott und ohne Glauben war für sie nicht vorstellbar. Heute ist es oft umgekehrt. Viele Menschen kehren den Kirchen den Rücken zu. Wer nicht glaubt, dass es Gott gibt, gibt auch kein Geld für den Gotteskasten aus.

Wenn überhaupt, wird für humanitäre Hilfe gespendet. In unserer Geschichte geht es nicht ohne Grund um den Gottes-Kasten. Es geht nicht um den Armen-Kasten, den Umwelt-Kasten oder den Kinder-Kasten, sondern allein um den Gottes-Kasten. Wer hier etwas gibt, tut das wegen seiner Beziehung zu Gott. Es ist wertvoll für die Sache Gottes, wenn sich viele mit ihren Spenden beteiligen. Spenden können für die Gemeinde viel Gutes bewirken! Jesus wendet seinen Blick von den vielen Spendern zu der einen armen Witwe.

Vielleicht hatte die Witwe ja eine besondere Erfahrung mit der Nähe Gottes gemacht. Vielleicht war sie so dankbar, dass sie Gott alles Wertvolle, was sie hatte, schenken wollte. Sie hat nicht viel, nur zwei kleine Münzen. Aber sie gibt sie restlos weg. Es waren zwei Münzen. Sie hätte auch nur eine geben können. Diese Frau war wirklich arm. Es gab damals keine Witwenrente, keine Altersversicherung und keine Sozialhilfe. Jesus sieht die Witwe, die von den Umstehenden nicht beachtet wird. Er sieht ihre Hingabe und ihr Herz. Diese Szene berührt ihn so sehr, dass er seine Unterweisung unterbricht und seine Jünger auf die arme Witwe aufmerksam macht. Er erklärt ihnen, dass die arme Spenderin mehr gegeben hat als alle anderen. Begründung: „Jene haben nur etwas von ihrem Überfluss gegeben. Diese Frau aber, die kaum das Nötigste zum Leben hat, gab alles, was sie besaß, ihren ganzen Lebensunterhalt.“

Diese Frau muss ein ganz großes, ein unbändiges Vertrauen auf Gott gehabt haben. Sie schenkt mit dem letzten Kreuzer nicht nur ihr ganzes Hab und Gut, sondern sich selbst. Sie vertraut Gott die Sorge für ihr Leben an. Die Witwe hat nicht nur geglaubt, dass Gott für ihr Leben sorgt. Sie vertraute genauso fest darauf, dass ihre Gabe wichtig ist. Zwei Scherflein macht einen Cent. Ist das wirklich eine Hilfe?

Vielleicht stellen Sie sich auch manchmal die Frage, was kann ich schon Wertvolles in die Gemeinde einbringen? Vielleicht denken Sie auch, meine Spenden machen keinen Unterschied, meine Gesangsbegabung ist überschaubar und auch sonst fehlen mir herausragende Gaben. Wenn es um Mitarbeit in der Gemeinde geht, überwiegen die Zweifel. Kann ich das überhaupt? Habe ich nicht zu wenig Zeit? Andere machen das bestimmt besser usw.

Die Witwe dachte nicht „auf mich kommt es doch nicht an“. Vieles in der Gemeinde und in der Gesellschaft funktioniert nicht, weil viele denken, „auf mich kommt es nicht an“. Jesus schätzt jede Gabe und gebraucht sie auch. Die Witwe hat ihre Gabe in den Gotteskasten gegeben. Sie vertraute darauf: Gott kann aus Kleinem Großes machen. Was ich bringe, ist nicht zu wenig, wenn Gott seinen Segen dazu gibt. Martin Luther hat dazu gesagt: »Oft macht Gott einen Strohhalm schwerer als 100 Zentner Blei.«

Die Geschichte der Witwe will uns ermutigen, unsere Gaben und Begabungen einzusetzen. Wer sich einbringt und hingibt, wird erfahren, wie Gott ihn wachsen lässt und aus wenigem viel macht. Mit welcher Haltung gebe ich? Fröhlich, mit Hingabe, aus Liebe zu Jesus oder nur aus Verpflichtung? Mit welcher Haltung arbeite ich mit? Jesus sieht den Glauben und das Vertrauen dieser Frau, das zählt bei Gott. Wie reich muss jemand sein, wenn er sich so hingeben kann! Das ist es, worauf Jesus seine Jünger aufmerksam machen will. Und er stellt damit die Regeln „des immer mehr haben Wollens“ infrage, nach denen unser Leben funktioniert.

Vor Gott entscheidet nicht die Größe der Gabe, sondern die Selbstlosigkeit der Liebe; nicht Ab-gabe, sondern Hin-gabe; nicht krampfhaftes An-sich-selbst-Festhalten, sondern die Übereignung des Herzens. Auf der kleinen Gabe der Witwe liegt der heimliche Glanz einer großen Liebe und eines unendlichen Vertrauens. Warum ist Jesus von der Witwe so fasziniert? In ihr sieht Jesus ein Bild für sich selbst. Die arme Witwe hat alles gegeben, wie er selbst alles gegeben hat, aus Liebe. Für die Erlösung der vielen reichen Menschen wird Jesus arm und gibt sein Leben hin. Nach dieser kurzen Szene im Tempel beginnt bei Markus die Leidensgeschichte Jesu. Die Hingabe der Frau weist hin auf die Passion. Wir sind Gott so viel wert, dass Jesus sein Leben gibt. Dieses Opfer ist unendlich mehr wert als alle unsere Gaben und Begabungen. Wir können uns nichts davon verdienen – doch Gott schenkt es uns in seiner vergebenden Liebe. Das ist es, was bei Gott zählt.

Ein Mönch formulierte in einem Gebet seine Hingabe an Gott so: „Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir! Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich fördert zu dir! Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir!“

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Kommentare (1)

Margret Z. /

Grüss Gott,
„Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir! Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich fördert zu dir! Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mehr