/ Anstoß - Gedanken zum Tag
Geheimsache Gebet
Ute Heuser-Ludwig zu Matthäus 6, Vers 5
Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.
Es gibt da diesen Moment vor dem Gottesdienst. Bevor ich mich setze, bleibe ich stehen und spreche ein kurzes Gebet. So habe ich das gelernt. Das ist in meiner evangelischen Kirche auch für viele andere ein gewohntes Ritual.
Dieser Moment hat aber auch den Effekt: ich werde gesehen, wie ich da stehe und bete. Manchmal streift mich dabei der eitle Gedanke, dass das sehr ernsthaft wirkt. Dass ich damit als Christin einen guten Eindruck mache. Dabei weiß ich, dass es darum beim Beten am allerwenigsten geht.
Jesus macht seine Freunde eindringlich darauf aufmerksam. Im Matthäusevangelium, Kapitel 6, in der Bergpredigt also, da sagt Jesus: "Wenn ihr betet, dann tut es nicht wie die Scheinheiligen! Sie beten gern öffentlich in den Synagogen und an den Straßenecken, damit sie von allen gesehen werden. Ich versichere euch: Sie haben ihren Lohn bereits bekommen."
Zum Glück fügt Jesus gleich die bessere Haltung an: "Wenn du beten willst, dann geh in dein Zimmer, schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist. Dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird dich dafür belohnen." Ich denke, damit meint Jesus: Das Gebet ist ein kostbares, inneres Geschehen, etwas Geheimesvolles und Persönliches zwischen mir und meinem Schöpfer; es soll nichts sein, was ich künstlich zur Schau stelle.
Auf mein kurzes Gebet vor dem Gottesdienst, um innerlich anzukommen, will ich künftig trotzdem nicht verzichten. Ich werde üben, es nur für mich zu tun, und will ausblenden, dass ich dabei auch gesehen werde.
Ihr Kommentar
Kommentare (2)
Hi, Ihr,
bleibe auch kurz stehen, nur ein paar Sekunden, um mich innerlich zu versammeln, zur Ruhe zu kommen.
Ob das wie ein Gebet aussieht - ist mir wurscht. Eine/r sieht das Herz, die anderen nur die Hülle.
Merci vielmals, liebe Ute.
Liebe Ute Heuser-Ludwig,
Ihre Andacht hat mich angeregt, über meine Gebetspraxis vor dem Gottesdienst nachzudenken. Ich komme auch aus der lutherischen Tradition, im Stehen ein sammelndes Gebet zu … mehrsprechen.
Durch meinen Mann kam ich in die Methodisten Kirche. Dort ist dieses sammelnde Gebet im Sitzen üblich.
Ist das besser? Nein, denn oft ist es so, dass sich im selben Moment jemand zu mir setzt und beginnt zu erzählen, bis zum Beginn des Gottesdienstes. Das Sammelnde Gebet fiel aus.
So versuche ich zu Hause, schon meine Gedanken auf den Gottesdienst zu lenken.
Also ist das stehende Eingangsgebet gar nicht so schlecht.
Haben Sie einen guten Tag.
Sigrid