/ 51:50 Min. / ERF Mensch Gott
„Ich suchte Liebe und verlor mich selbst“
Sie sucht Liebe und verliert sich in Alkohol, Spielsucht und der Swingerszene.
Katja hat jahrelang in Beziehungen nach Liebe und Nähe gesucht – und dabei sich selbst verloren. Aus Angst, verlassen zu werden, gab sie eigene Grenzen auf: Mit ihrem zweiten Mann Oleg ging sie fast sechs Jahre lang in Swingerclubs, obwohl sie das, wie sie sagt, innerlich zerstörte. Um die Abende auszuhalten, trank sie. Über zehn Jahre verlor sie außerdem sehr viel Geld in Spielhallen. Der Wendepunkt kam für Katja in zwei Nächten, in denen sie betete: Nach dem ersten Gebet, sagt sie, war das Verlangen zu spielen am nächsten Morgen weg – nach einem weiteren Gebet 2022 das Verlangen nach Alkohol. Heute lebt Katja ohne Alkohol, hat eine Therapie bei einer Suchtberatungsstelle abgeschlossen und beschreibt sich als „geliebte Königstochter“.
Der Ursprung dieser Verlustangst liegt für Katja in ihrer Kindheit in Kasachstan: Mit sieben Jahren erlebte sie, wie ihr Vater an einem Herzinfarkt starb. Danach wurde sie fünf Tage lang bei einer Cousine in einem Kinderzimmer untergebracht, ohne mit ihrer Mutter sprechen zu können – ein Moment, der sie ihr Leben lang geprägt hat. Zu ihrer Mutter erlebte Katja wenig Nähe und regelmäßig Schläge. Mit 14 zog die Familie nach Deutschland, wo Katja in der Schule ausgelacht wurde. Wer selbst Verlustangst, Selbstaufgabe in Beziehungen oder eine Suchtgeschichte kennt, findet in Katjas Erzählung nachvollziehbar beschrieben, wie eine unerfüllte Sehnsucht nach Geborgenheit Entscheidungen über Jahrzehnte prägen kann – und wie ein Ausstieg für sie möglich wurde.
Warum geben Menschen in Beziehungen eigene Grenzen auf?
Weil die Angst, verlassen zu werden, größer sein kann als der eigene Widerstand. Katja beschreibt das für sich so: Sie stand vor der Wahl, ihren Traum von Familie aufzugeben oder sich selbst – und entschied sich gegen sich selbst. „Aus meiner Liebe heraus zu dieser Person und nicht verlassen zu werden, war für mich gar keine andere Option als mitzumachen.“ Das ist ihre persönliche Erfahrung, keine allgemeine Erklärung für alle Betroffenen.
Kann ein Verlust in der Kindheit das Beziehungsverhalten als Erwachsene prägen?
Katja erlebt es rückblickend so. Sie verbindet ihre Angst vor dem Verlassenwerden direkt mit dem Tod ihres Vaters, als sie sieben Jahre alt war, und mit den fünf Tagen danach, in denen sie mit ihrer Trauer allein blieb. In der Therapie erkannte sie, dass sie in der Sehnsucht nach ihrem Vater „stecken geblieben“ ist und in Beziehungen nach einem Ersatz suchte. Ob das im Einzelfall so zusammenhängt, lässt sich nur mit fachlicher Begleitung klären.
Warum trinken manche Menschen, obwohl sie nach außen funktionieren?
Weil Alkohol innere Zustände betäuben kann, während das Leben äußerlich weiterläuft. Katja arbeitete, machte Kirchendienste und ging zu Elternabenden – und trank täglich acht bis neun Flaschen Bier, am Wochenende bis zu 15. Sie sagt, sie sei mit ihrer Sucht offen umgegangen, aber ihr Umfeld habe es ihr nicht glauben wollen, weil ihr Leben nach außen perfekt wirkte.
Was hilft, wenn man allein nicht aus einer Sucht herauskommt?
Für Katja waren zwei Dinge entscheidend: der Gang zur Ärztin und die anschließende Suchtberatung – und ihr Glaube. Sie ging zweimal pro Woche abends in die Therapie und verlängerte dreimal, mit Gruppensitzungen und Einzelgesprächen. Wichtig ist ihr, dass Abstinenz allein nicht gereicht hätte: Sie wollte verstehen, „was ist der kleinen Katja damals passiert“. Eine erste Anlaufstelle kann die Hausärztin oder eine Suchtberatungsstelle sein.
Kann man den Kontakt zu einem Elternteil wiederaufbauen, von dem man geschlagen wurde?
Bei Katja war das möglich, aber es war ein langer Weg über Therapie und Glauben. Ihre Mutter lebt inzwischen pflegebedürftig bei ihr. Katja betont ausdrücklich, dass Vergebung das damalige Verhalten nicht rechtfertigt: „Es ist passiert, die Gefühle sind nun mal entstanden.“ Ob und wann ein solcher Schritt guttut, kann niemand von außen entscheiden.
Wie kann man lernen, allein zu sein, ohne sich einsam zu fühlen?
Katja beschreibt es als etwas, das sie erst lernen musste – nachdem sie jahrzehntelang durchgehend in Beziehungen war, weil sie das Alleinsein nicht aushielt. In der Therapie übte sie, Nein zu sagen, konsequent zu sein und Gefühle zuzulassen, ohne sie zu betäuben. Heute fährt sie allein in Urlaub und sagt: „Mir geht's trotzdem immer gut.“
Wo kann man Hilfe finden?
Wenn du unter Alkohol, Glücksspiel oder Gewalt in deiner Beziehung oder Familie leidest: Du musst damit nicht allein bleiben. Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr kostenlos erreichbar unter 0800 1110111 und 0800 1110222. Auch beim ERF kannst du dich melden – Gebet beim ERF.
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