22.12.2011 / Kommentar

Zu viel Liebe für zu wenig Weihnachtszeit

Es ist schön, anderen zu Weihnachten eine Freude zu machen. Ein Zuviel an weihnachtlicher Nächstenliebe kann aber kontraproduktiv sein.

Sie hat wieder zugeschlagen, die rührselige Weihnachtszeit. Ganz unschuldig ist sie daher gekommen, in Form eines Adventsliedes für Kinder. Und trotzdem hat sich mir nach den ersten Zeilen – pardon – schon fast der Magen umgedreht. Das arme Kind, denke ich mir beim Zuhören. So viel Liebe, wie der kleine Sänger in der Weihnachtszeit laut diesem Text verschenken will – da muss es sich wohl vorher noch kurz in einen Engel verwandeln: Freunde lieben, Feinden vergeben, Einsame besuchen, auf Fremde zugehen. Selbst mit der Hilfe Gottes ein ziemlich anspruchsvolles Programm für die 24 Tage vor dem Heiligen Abend…

Nur noch schnell die Welt retten?

Gut, zum einen fühle ich mich natürlich ertappt! Ich habe noch keine Feinde geliebt, noch keinem Obdachlosen ein freundliches Wort geschenkt und auch sonst fällt mein diakonisches und karitatives Wirken in dieser Adventszeit recht karg aus. Mein schlechtes Gewissen sagt mir schon seit drei Wochen, dass ich einer älteren Dame aus Anlass der Jahreszeit eigentlich einen Besuch abstatten könnte und ob ich all die geplanten Weihnachtskarten an liebe und einsame Menschen verschicken werde, ist auch noch fraglich.

Zum anderen fällt mir aber auch noch ein anderes Adventslied ein. Wenn ich mich richtig erinnere heißt es darin: “Jetzt kommt wieder die Zeit der Nächstenliebe auf Befehl” und “Warum nur einmal im Jahr? So viele brauchen Dich und mich, nicht nur einmal im Jahr”. Das bringt meines Erachtens gut auf den Punkt, dass wir in der Weihnachtszeit völlig unrealistische Erwartungen an uns haben. So viel Liebe, wie wir laut Liedgut und Predigten in dieser Zeit verschenken sollten, passt gar nicht in den Advent. Da müssten wir Sonderschichten einlegen, um das alles zu schaffen! Mal ganz abgesehen davon, dass wir Weihnachten nicht bräuchten, wenn wir das könnten. Weihnachten bedeutet doch: Da kommt einer, um einer verlorene Welt zu retten und nicht, um die Menschen alle ein bisschen besser und liebeswütiger zu machen.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Die Weihnachtszeit bietet sich dafür an, anderen Menschen eine Freude zu machen. Und natürlich fordert uns Jesus dazu auf, unseren Nächsten zu lieben und einander zu helfen. Er gibt uns auch die Kraft dazu.

Was machen wir mit der restlichen Zeit des Jahres?

Aber vielleicht können wir das Ganze etwas entzerren? Ich glaube nicht, dass Jesus von uns erwartet, dass wir in der Weihnachtszeit auf einmal vor Liebe und Hilfsbereitschaft geradezu überfließen und dabei keine Zeit mehr haben, uns auf das Wesentliche des Festes zu konzentrieren. Er hat nirgends einen Katalog an Forderungen aufgestellt, der von uns Christen verlangt, in der Weihnachtszeit mindestens drei alten Menschen eine Freude gemacht zu haben und doppelt so viel zu spenden wie sonst.

Ja, das Fest lädt uns mit seiner Symbolik dazu ein, Geschenke zu machen und  – wie Gott – Liebe zu verschenken. Aber darf es auch ein kleines bisschen weniger sein? So viel weniger, dass wir  am 24. Dezember nicht abgehetzt sind und schuldbewusst vor die Krippe treten, weil wir – wieder einmal – viel zu wenig Zeit für das Geburtstagskind hatten? Der Rest des Jahres bietet uns doch schließlich auch noch Zeit, um Liebe zu verschenken.

Deswegen, liebe Weihnachtslieder-Dichter: Bevor Ihr das nächste Mal einen Text schreibt, in dem die weihnachtliche Nächstenliebe aus allen Ecken und Enden trieft, denkt bitte daran, dass wir auch im Advent nicht Übermenschliches leisten können und brauchen. Bringt uns lieber dazu, uns an der schenkenden und rettenden Liebe Gottes zu freuen und hier und da – so wie es uns in unserem Alltag möglich ist – etwas davon weiterzuschenken. Nicht, weil es uns die Jahreszeit vorgibt, sondern weil Gott unser Herz dafür frei gemacht hat.

Autor/-in: Hanna Willhelm