28.08.2015 / Kommentar

Wir sind mitschuldig

Warum Entsetzen über das Schicksal der 71 toten Flüchtlinge allein nicht weiterhilft.

Wie können Menschen anderen Menschen so etwas antun? Diese Frage stellt sich nach dem Fund von 71 Leichen in einem Kühltransporter an einer österreichischen Autobahn. Nach jetzigem Stand der Ermittlungen sind die Flüchtlinge vermutlich im Inneren des LKW erstickt. Wahrscheinlich haben die Schlepper dies bemerkt und das Fahrzeug deshalb in einer Pannenbucht stehen lassen. Angesichts dieser Tatsachen bin ich als Mensch und Christ berührt und entsetzt und damit keineswegs allein. In allen Medien wird über diesen Schreckensfund berichtet, aber ich frage mich ernsthaft: Wieso mein Entsetzen? Wieso berührt mich diese Nachricht so sehr?

Nicht, dass das Schicksal dieser Menschen nicht unbeschreiblich erschreckend ist. Doch gleichzeitig weiß ich als informierte Journalistin: Das sind nicht die einzigen 71 Menschen, die bis jetzt auf der Balkanroute gestorben sind. Es ist allgemein bekannt, dass bei Schleppertransporten viele Menschen ums Leben kommen: Ein nicht geringer Teil der Flüchtlinge erstickt oder verhungert eingepfercht in den Lastwagen der Schlepper. Genauso ist es längst kein Einzelfall mehr, dass Flüchtlinge in untauglichen und überfüllten Booten auf dem Mittelmeer in Seenot geraten und ertrinken. Der einzige Unterschied, den dieser Flüchtlingstransport zu vielen anderen hat, ist der: Es passiert quasi vor unserer Haustür. Nicht irgendwo im Mittelmeer an den europäischen Grenzen, sondern mittendrin – in Österreich, unserem direkten Nachbarland.

Schlepperbanden schlagen Profit aus unseren Einwanderungsgesetzen

„Es hätte auch in Deutschland passieren können“, denken wir uns und sind erschreckt. Nicht so sehr, weil da wieder einmal Flüchtlinge in der Hoffnung auf ein besseres Leben gestorben sind, sondern weil es bei uns passiert. Doch sieht man sich die erschreckende Lage in der Welt an, war es doch schon lange absehbar, dass sowas passieren musste. Irgendwann, irgendwie musste der Schrecken auch zu uns kommen. Warum überrascht uns das jetzt so sehr?

Vermutlich, weil wir Deutschen bisher der Ansicht waren, dass die Kriege in Syrien und Irak sowie die dauerhaften Konflikte in Afrika uns letztlich nichts angehen. Ob in anderen Ländern der Welt Krieg herrscht, war uns lange Zeit eher gleichgültig. Jetzt aber rächt sich diese Haltung und wir merken: Die Menschen, die dort ihre Heimat verlieren, kommen zu uns und wir sind damit völlig überfordert. Wir wissen nicht, wohin mit diesen Menschen. Schließlich haben wir sie nicht eingeladen. Selbst die Politik hat keine Lösungen. Es herrscht Fassungslosigkeit.

Profit daraus schlagen die Schlepperbanden. Sie organisieren Transporte aus Kriegsregionen nach Europa. Doch nicht aus Wohltätigkeit, sondern aus reiner Profitgier. Sie nutzen Menschen aus, die eine neue Heimat suchen, und profitieren dabei von unseren restriktiven Einwanderungsgesetzen. Denn wenn es legale Routen aus Syrien, Afrika und vielen anderen Staaten hinein ins reiche Europa gäbe, bräuchte es keine Schlepperbanden mehr. Dann würde sich ihr Geschäftsmodell nämlich nicht mehr lohnen. Aber wir wollen diese Menschen nicht in Europa – allein deshalb machen Schlepperbanden Riesenumsätze mit dem Leid von Menschen. Allein deshalb kommt es zu solchen Funden wie gestern.

Das Leid dieser Menschen ist für uns nicht nachvollziehbar

Doch wie sollen und können wir als Christen mit dieser verfahrenen Situation umgehen? Müssen wir unsere Staatsgrenzen komplett öffnen, damit Tragödien wie diese nicht mehr vorkommen? Meines Erachtens wäre schon viel den Menschen, die zu uns kommen, schon geholfen, wenn wir sie mit dem gleichen Respekt behandelten, den wir uns an ihrer Stelle wünschen würden. Doch das passiert leider noch viel zu selten. Da werden Flüchtlinge aus Kriegsregionen als Schmarotzer dargestellt. In Landratsversammlungen spricht man darüber, wie man das „Problem“ lösen kann und vergisst dabei, dass es hier um Menschen geht.

Wenn ich ganz ehrlich bin, schockiert mich das mehr als die 71 Leichen aus Österreich. Mich schockiert, dass Flüchtlingsheime von bislang „unbescholtenen“ Bürgern attackiert und angezündet werden. Mich schockiert der Hass, mit dem über Flüchtlinge gesprochen wird, die sich nichts sehnlicher wünschen als eine sichere Heimat. Und mich schockiert die Gleichgültigkeit, mit der wir mit dem Schicksal dieser Menschen umgehen. Die Gleichgültigkeit, die ich sogar bei mir selbst beobachte. Letztens kam ich zum ersten Mal an einem Auffanglager in meiner Stadt vorbei und fragte mich: „Wie würde ich mich fühlen, wenn ich an der Stelle dieser Menschen wäre?“ Ich konnte es mir nicht einmal vorstellen. Ich kann weder den seelischen Schmerz noch die körperlichen Belastungen von Flucht und einem Leben in Auffanglagern nachvollziehen. Zu gut geht es mir selbst.

Im Kleinen helfen

Doch wieso fällt es uns so schwer, aus unserem Luxus abzugeben? Warum gönnen wir diesen Menschen nicht ein ebenso gutes Leben in Frieden und Wohlstand wie uns selbst? Wenn ich ehrlich bin, ist es vor allem Angst, die uns daran hindert, Flüchtlinge in unserem Land willkommen zu heißen. Obwohl wir noch nie in unserem Leben hungern mussten, haben wir Angst, dass nicht mehr genug für uns übrig bleibt, wenn wir mit anderen teilen. Wir haben Angst, dass diese Menschen sich nicht unserer Kultur anpassen, sondern ihre Kultur behalten wollen. Doch ist Angst ein guter Ratgeber?

Meines Erachtens nicht. Die Bibel zumindest lehrt uns anders mit schutzbedürftigen Menschen umzugehen. In 2. Mose 22,20 sagt Gott zum Volk Israel: „Ihr dürft die Fremden, die bei euch leben, nicht ausbeuten oder unterdrücken. Vergesst nicht, dass ihr selbst in Ägypten Fremde gewesen seid.“ Und in Matthäus 25,31-46 macht Jesus deutlich, dass unser Mitgefühl für andere einer der Punkte ist, nach denen Gott uns richten wird. Dort, wo wir andere willkommen heißen, ihnen Essen und Kleidung geben, dort dienen wir Gott. Und das ist etwas, was wir unabhängig von allen Diskussionen um Schlepperbanden, Asylrecht und Flüchtlingspolitik machen können.

Denn sich empören und schockiert sein, das ist einfach. Auch sich über untätige Politiker aufregen fällt leicht. Aber sich im eigenen Ort für Flüchtlinge engagieren, ist viel schwieriger. Dabei muss es gar nicht kompliziert sein. Vielleicht hat man abgetragene Kleidung, die man weiterverschenken kann, oder es steht noch ein ungenutztes Fahrrad im Keller. Es gibt viele Möglichkeiten, im Kleinen zu helfen. Man muss sie nur ergreifen – und das fällt auch mir selbst häufig schwer. Zu viele andere Verpflichtungen und Aktivitäten stehen in meinem Terminkalender. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Autor/-in: Rebecca Schneebeli