25.03.2026 / Serviceartikel

Wie kann ich vergeben?

Tipps zum Umgang mit Kränkungen und Bitterkeit.

Immer wieder erleben wir Kränkungen oder fühlen uns von anderen verletzt. Dabei merken wir, dass es oft gar nicht so leicht ist, zu vergeben. Wenn wir eine Kränkung nicht loslassen, dann gärt es in unserem Inneren. Negative Gefühle wie Wut, Angst oder Schmerz führen schließlich zu Bitterkeit, und das macht Körper und Seele krank.

In den letzten Jahren sind diese schädigenden Folgen immer mehr ins Bewusstsein gekommen, sodass dutzende von wissenschaftlichen Studien durchgeführt wurden.

Medizinische Untersuchungen belegen, wie gesundheitsfördernd es ist, wenn jemand verzeihen und Schuld loslassen kann.

Vergeben wirkt heilsam

Frederic Luskin von der Stanford University hat im Rahmen eines Forschungsprojekts ein psychologisches Training entwickelt, bei dem verbitterte Menschen lernen, ihren Tätern zu verzeihen. Es geht ihm dabei nicht darum, die verletzende Erfahrung aus dem Gedächtnis zu löschen, sondern die zerstörerische Wirkung der Verbitterung zu stoppen. Luskin setzt dabei auf die Kraft der Vergebung und hat folgende Ergebnisse:

Wenn ich jemandem etwas nachtrage, bestrafe ich mich nur selbst. Wenn mir das bildlich bewusst wird, dass ich einem anderen eine Schuld und damit eine Last sinnlos hinterher trage, dann kann mir das die nötige Motivation geben, endlich aus meinem selbstschädigenden Verhalten auszusteigen.

Vergeben wird blockiert

Was hält uns davon ab, vergeben zu können oder zu wollen?

Vergebung hat etwas mit Schuld zu tun, die bezahlt werden muss. Wenn sie nicht beglichen wird, tragen wir offene Rechnungen mit uns herum und eine dauernde Last bleibt bestehen.

Vergeben ist möglich

Es hilft nur eines: sich den eigenen Gefühlen stellen: Der Zorn muss verarbeitet werden, die Angst will verstanden werden und die Trauer braucht Zeit. Es hilft, herauszufinden, warum dich etwas so verletzt hat – wenn nötig mit fachlicher Hilfe. Oft ist ein Vergebungsprozess notwendig, damit du nicht fremde Schuld weiter in dir trägst.

Das heißt nicht, mal schnell alles zu markieren und auf „Entfernen“ drücken, sondern einzeln „abzurechnen“, indem du jeden Punkt aufschreibst, würdigst und dann löscht beziehungsweise vergibst. Das darf dauern.

Überlege dir auch, was dein eigener Anteil daran war. Wie hast du dazu beigetragen, dass dies passieren konnte? Versetz dich in die Lage des anderen und finde heraus, was dazu geführt haben könnte, dass er/sie sich so verhalten hat.

Wenn es allerdings um Missbrauch oder Ähnliches geht, ist diese Überlegung nicht angebracht und eine Schuldzuweisung durch den Täter musst du abweisen.

Vergeben heißt nicht gutheißen, sondern loslassen, überlassen und frei werden. Das ist ein zentrales Thema in der Bibel. So ermöglicht der christliche Glaube noch eine ganz andere Perspektive als ein rein psychologisches Training, das nützliche Erkenntnisse vermittelt und auch die Wichtigkeit der Vergebung bestätigt.

Jesus hat das Schuldproblem radikal gelöst, indem er alle Schuld(en) auf sich genommen und mit seinem Leben bezahlt hat. Er ist also der, mit dem wir alles abrechnen können. Mit vielen Tätern ist das nicht möglich, weil sie zu mächtig, uneinsichtig oder schon tot sind.

Jesus lädt jeden Menschen ein, mit fremder und eigener Schuld zu ihm zu kommen, um die Sache zu klären, loszulassen, ganz zu überlassen und wirklich frei zu werden.

Eigenverantwortung erkennen

Wenn du es schaffst, dich für die eigene Verbitterung verantwortlich zu fühlen, anstatt ihr zum Opfer zu fallen, gelingt dir der Ausstieg, denn es gibt ihn. Du bist nicht gezwungen, die Bitterkeit weiter zerstörerisch wirken zu lassen.

Ich denke da konkret an eine Frau aus meinem Bekanntenkreis, die als Kind jahrelangen schwersten sexuellen Missbrauch erlebte. Sie hat sich als Erwachsene entschieden, sich nicht weitere Lebensjahre zerstören zu lassen. Und sie wollte keine Kraft verschwenden, um eine (in ihrem Fall aussichtslose, weil „verjährte“) Bestrafung der Täter zu erreichen. Sie hat damit auch die Illusion von ein wenig Wiedergutmachung aufgegeben. So setzt sie nun ihre Energie, Kreativität und Zeit konstruktiv für sich und Mitmenschen ein, damit die Täter sie nicht weiter berauben können.

Vergeben heißt nicht, dass Versöhnung stattfinden kann oder muss. Genauso wie es unlösbare Konflikte gibt, ist es eine Einbildung, dass mit jedem Menschen oder Täter eine Versöhnung erreicht werden kann.

Aber möglicherweise gelingt es dir, der ursprünglichen Kränkung oder Verletzung irgendwann eine positive Seite abzugewinnen. Wenn du zum Beispiel nicht befördert wurdest, kann dein Fazit so lauten: „Wie gut, dass ich nicht weiter im Hamsterrad der Karriere laufen muss.“ 

In Bitterkeit liegt eine enorme Wirkung, aber ebenso in der Vergebung. Die Entscheidung sollte eigentlich klar sein, wenn du dir selbst etwas Gutes tun willst.
 

Autor/-in: Jörg Kuhn

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