01.02.2016 / Andacht zum Monatsspruch

Wer nicht vergibt...

…schadet vor allem sich selbst.


Und wenn ihr steht und betet, so vergebt, wenn ihr etwas gegen jemanden habt, damit auch euer Vater, der in den Himmeln ist, euch eure Übertretungen vergebe. – Markus 11,25-26

Was für eine bizarre Vorstellung. Die Kausalität zwischen selbst vergeben und von Gott vergeben bekommen, löst schnell die Frage nach der konditionslosen Gnade Gottes aus. Die ist uns ja versprochen, auf sie können wir uns verlassen. Stimmt auch. Gottes Gnade hängt nicht von unserem Tun ab. Wenn sie es täte, wäre es keine Gnade mehr. Wir können sie nicht erwirken. James I. Packer schrieb dazu:

Wir können nichts tun, damit Gott uns mehr liebt. Wir können aber auch nichts tun, dass Gott uns weniger liebt. – James I. Packer

An diese unglaubliche Wahrheit muss ich immer wieder denken. Und das muss ich deshalb, weil sie mir hilft, Gott, mich selbst und die Menschen um mich herum besser zu verstehen. Ich bin schließlich einer, der die Gnade Gottes, also seine unverdiente Freundlichkeit inklusive kompletter Schuldenvergebung, von Grund auf genießt. Ich könnte ohne diese Haltung Gottes nicht leben. Ohne sie wäre ich zum Scheitern verurteilt. Aber genau das wendet Gott durch seine Vergebung ab.

Wenn ich also mit Gott im vertrauten Zwiegespräch bin, dann kann ich nicht an der komplexen Herausforderung vorbeischauen, dass es möglicherweise Menschen gibt, die mir wehgetan haben und die ich nun bewusst oder unbewusst, durch mein Festhalten an deren Schuld bestrafen will. Es war auf dem Gästeklo in der Wohnung von Bekannten, als mir eine Postkarte mit folgendem Spruch ins Auge fiel: „Wer nicht vergibt, bestraft nur sich selbst“.

Es ist meine Entscheidung, wie ich mit der Schuld anderer umgehe

Wir Menschen haben bisweilen eine sehr eigenwillige Definition davon, was es heißt, etwas zu tun. Wir berufen uns darauf, dass unser Handeln im Sinne des großen, gültigen Sola Gratia keine Auswirkung darauf haben, wie Gott uns sieht. Aber wir sollten nicht den Fehler begehen, zu glauben, dass uns damit eine harte Haltung des eigenen Herzens erlaubt wäre.

Vor einigen Jahren war ich in der Situation, dass ich jemandem Schuld zuwies. Natürlich berechtigt, aus meiner Perspektive jedenfalls. Es war eine schwere Schuld, die in der Konsequenz mein Leben komplett umgestaltet hat. Deshalb hegte ich großen Groll auf den, der mir das angetan hatte. Mitten in dieser Zeit des Grolls sollte ich in einem völlig anderen Kontext eine Predigt in einer Reihe halten. Das Thema war vorgegeben und hieß „Vergebung“. Dabei bildeten just die Worte aus dem Markusevangelium Kapitel 11 die Grundlage. Und die sagten mir ganz klar: Wenn ich dem anderen die Schuld nicht vergebe, schade ich mir selbst, weil mein Herz hart wird und leidet. Es leidet auch deshalb, weil Gott sich festlegt: Wenn ich nicht vergebe, vergibt er mir auch nicht. Meine Wahl.

Ich war erschüttert, als mir klar wurde, dass, egal, was andere mir angetan hatten, ich es war, der entscheidet, wie meine Seele weiter lebt und atmet.

In wild tobendem Aufruhr oder in zur Ruhe kommender Sorgfalt. Wer nicht vergibt, bestraft sich selbst. Vor allem auch damit, dass Gott das eigene Schuldenkonto nicht ausgleichen kann. Weil der Zugriff verweigert ist.