14.09.2012 / Kommentar

Wegwerfgesellschaft? Das war gestern!

Warum die Givebox eine großartige Erfindung ist. Ein Kommentar.

Als ich im Mai aus meiner alten Wohnung ausgezogen bin, stand ich vor einem Problem: zu viel Kram, den ich nicht mehr mitnehmen, aber auch nicht entsorgen wollte. Wenn mir eines gewaltig gegen den Strich geht, dann brauchbare Dinge wegzuwerfen. Da stand ich nun, vor meinen vielen Gegenständen und fragte mich: „Wohin damit?“

Meine Rettung war mein großer E-Mail-Verteiler. Ich habe festgestellt, dass Schreibtische nicht mehr so gut gehen wie zu Beginn meiner Studienzeit, aber Waschmaschinen, selbst solche mit kaputter Klappe, sind heißbegehrt. Aber was hätte ich gemacht, wenn ich nicht über eine studentisch große Mailing-List verfügt hätte und dort meine Sachen hätte anbieten können?

Die Lösung ist so einfach

Gegen den Trend, aussortierte Dinge einfach in den Müll zu geben, steht auch das neue Konzept der Givebox („Tauschbox“). Jederzeit geöffnet, kann der Tauschende seine alten Artikel einfach abgeben und anderes dafür mitnehmen.

Entstanden ist die Givebox ist in Berlin. Zwei Studenten haben nach dem Zusammenziehen viele Teile doppelt besessen. Wegwerfen wollten sie diese nicht, einfach auf die Straße stellen auch nicht. Also bauten sie kurzerhand eine telefonzellengroße Holzbox, stellten einige Regale und einen Kleiderständer hinein und bestückten sie mit ihren überflüssigen Sachen. Diese Idee gefiel den Berlinern so gut, dass sie das Konzept verbreiteten – erst in anderen Stadtteilen, schließlich über Facebook auch in anderen Städten. Toll, oder? Offenbar geht es nicht nur mir so, dass ich meine alten Sachen nicht einmal unbedingt mit Profit verkaufen will, sondern nur nicht entsorgen möchte. Vielleicht war es eine Idee, die unsere Wohlstandsgesellschaft brauchte.

Bürger, die aus der ehemaligen DDR kommen, kennen diese Mentalität vielleicht noch: Da wurde nichts einfach in den Müll geworfen. Denn man wusste nie, wann man es wieder ersetzen konnte. Zwar bin ich viel zu spät geboren, um die DDR noch mehr als nur ansatzweise miterlebt zu haben, aber dieser Umgang meiner Eltern mit Waren hat mich geprägt. Deshalb finde ich es richtig gut, wenn ich die Möglichkeit habe, Sachen konstruktiv weiter zu verwerten.

Wie funktioniert eine Givebox? Mitnehmen kann man, was man möchte, reinstellen auch. Was nach zwei Wochen keiner haben wollte, soll der Besitzer aber wieder entfernen. Gästebücher zeugen von dem bunten Treiben der Schenkenden und Beschenkten. Verwüstungen und Vermüllung lassen sich aber auch hier nicht vermeiden. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass sich die Anwohner einer Givebox meist annehmen – ohne Lohn, ganz und gar freiwillig.

Ist doch nicht mehr „in“

Aber wie wäre es, wenn man gleich von vorneherein nicht mehr so viel kauft? Immerhin sind unsere Ressourcen nicht unendlich, wie wir es gerne hätten.

Ich gebe es zu, ich liebe es, shoppen zu gehen: hier etwas Brandneues, nie Dagewesenes, da fällt mir etwas ins Auge, das ich schon immer haben wollte. Das hat zur Folge, dass mein Zimmerchen immer voller wird. Schneller als wir beim Kauf ahnen, verschwinden die ach-so-trendigen Kleidungsstücke erst in den hintersten Tiefen des Schrankes und anschließend im Müllbeutel. Wie viele Kleidungsstücke, Bücher, Haushaltsgeräte besitzen wir, die wir kaum oder nie benutzen? Wenn man da nicht zum sogenannten „Messi“ werden will, muss man also entweder weniger kaufen oder ausmisten. Aber zumindest mir fällt das aus oben genannten Gründen schwer. Warum also nicht an der anderen Seite ansetzen und Dinge nach Art der Tauschbox verschenken?

Diese Frage stellt sich sicher der eine oder andere: wer will denn diesen alten Kram? Hier liegt die Chance, dass die Givebox unser Verständnis vom Wert unserer Sachen zurechtrückt. Wir halten sie für wertlosen Plunder. Andere könnten gerade diesen Pullover gut gebrauchen oder freuen sich über den kitschigen Kerzenständer, den ich nie wollte. Geschmäcker sind verschieden und Bedürfnisse auch. Meine schwarze Lieblingsvase habe ich beispielsweise vor dem Tod auf dem Polterabend gerettet. Ich konnte und kann bis heute nicht verstehen, wieso meine Tante das schöne Stück einfach zerschmettern wollte!

Was die Givebox noch kann

Zwei schöne Nebeneffekte hat die Givebox übrigens auch: Zum einen entspricht sie einem urchristlichen Gedanken, dem des Teilens. Was die einen zu viel haben, sollen sie anderen zugutekommen lassen, die zu wenig haben. Die Givebox ist ein Projekt für Jedermann und man muss nicht an der Armutsgrenze leben, um sich etwas daraus nehmen zu dürfen. Dennoch wird es in der Realität wohl vor allem von denjenigen genutzt werden, die damit ihren Geldbeutel entlasten können.

Zum anderen entwickelt sich eine Givebox oft zum Nachbarschaftsprojekt. Anwohner räumen auf, wenn doch einmal etwas verwüstet worden ist, sie kommen miteinander ins Gespräch, mitunter das erste Mal in den vielen Jahren, die sie nun schon nebeneinander wohnen. So verbreitet die Givebox ebenfalls ganz kostenlos Lächeln in ihrem Umfeld.

Vor allem für meinen nächsten Umzug hoffe ich, dass sich die Givebox weiter durchsetzt. Dann kann ich meine alten Sachen verschenken, Menschen eine Freude machen und vielleicht sogar helfen. Perfekt!