11.01.2023 / Persönlicher Bericht

Trauerland und Kinderlachen

Susanne Ospelkaus verliert mit 31 ihren Mann und trauert mit ihren Kindern.

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Radio-Interview mit Susanne Ospelkaus

„Mama, wenn du viel weinst, musst du auch viel trinken.“ Das raten Susannes kleine Söhne ihr, als sie innerhalb eines Jahres erst selbst schwer erkrankt und dann mit 31 ihren Mann verliert. Ihr Leben löst sich auf und geht trotzdem unaufhaltsam weiter.


Ich wollte nicht in dieses Land. Die Lebensumstände haben mich hineingeführt; die eigene Krankheit und der Tod des Ehemanns. Das Trauerland breitete sich wie eine Wüste vor mir aus. Die Nächte waren eisig, die Tage heiß, weites Land ohne Straßen, Dürre, wenig Oasen, aber viel Einsamkeit.

Vor zwölf Jahren habe ich das Trauerland durchwandert. Als junge Witwe mit zwei kleinen Söhnen gingen wir diesen Weg – es gab keinen anderen. Ich schleppte mich durch den Alltag, mühte mich mit Behördengängen, sorgte mich um unser Einkommen, kämpfte mit den heftigsten Gefühlen.
 

Symbolbild: Kind springt in Pfütze (© Rupert Britton / unsplash.com)

Meine Söhne spielten, hüpften und kuschelten sich von Tag zu Tag. Mit Kindern eine Trauerzeit zu erleben, war besonders. Meine Söhne sprangen in die Trauer wie in Pfützen. Hinein und wieder hinaus. Traurigkeit, Spaß, Tränen, Neugier, Schwermut und Bewegungsfreude wechselten sich rasch ab.

Mit dem Bobbycar auf dem Friedhof

Wenn ich das Grab pflegte, halfen sie mit, bis ihnen langweilig wurde. Dann sausten sie mit dem Bobbycar die Friedhofswege entlang. Was für ein Spaß und Krach! Einmal ermahnte uns eine Dame. Mein Vierjähriger stoppte: „Mein Papa ist totgestorben. Wann stirbst du?“

Keine Antwort. Betroffenheit. Mitgefühl. Die Kinder flitzten über die Wege, bestaunten Figuren und Bilder auf den Gräbern, sammelten frische Blümchen aus dem Komposthaufen und verstanden, dass dies ein besonderer Ort war.

Meine Kinder folgten mir durchs Trauerland. Sie wanderten himmlisch bewahrt von Oase zu Oase. Sie erlebten Momente, in denen sie von Traurigkeit und Sehnsucht nach ihrem Papa erfüllt waren, aber ebenso viele Augenblicke waren voller Spiel- und Entdeckerfreude.

Zwischen Traurigkeit und Entdeckerfreude

Die Lebendigkeit der Kinder kann für uns Erwachsene tröstlich und heilsam sein, aber nur, wenn wir unseren Kindern nichts verheimlichen oder beschönigen. Kinder haben ein feines Gespür für einschneidende Erlebnisse: Abschied, Krankheit, Verlust oder Tod. Wir können unsere Kinder nicht vor Verlusterfahrungen schützen. Wenn es um existenzielle Themen geht, geben die Kinder das Tempo vor, wie viel sie über Tod und Sterben wissen wollen.

Wir dürfen sie nicht überfordern, aber wir dürfen sie auch nicht unterschätzen. Wir müssen ihnen Ausdrucksmöglichkeiten schenken mit Bildern, Liedern und Geschichten und sie in den Alltag hineinnehmen. Wie sollen sie sonst begreifen, was wir selbst kaum fassen können – dass Abschied und Tod Teil unseres Lebens sind?

Wenn wir mit Kindern durch ein Trauerland ziehen müssen, erleben wir, wie nah Freude und Kummer, Hoffen und Zweifeln, Neugier und Langeweile, Lachen und Weinen beieinanderliegen. Das Leben geschieht immer gleichzeitig mit all seinen Höhen und Tiefen. Und es geschieht vor allem: Jetzt!
 

Autor/-in: Susanne Ospelkaus

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