10.07.2026 / Persönlich
Träume – (k)ein Fahrplan fürs Leben
Eindrücke von Gott sind kein Reiseplan. Trotzdem lohnt es sich, sie ernst zu nehmen.
Es war ein ganz normaler Jugendgottesdienst. Ich war noch ein Teenager irgendwo zwischen Schule und der leisen Suche danach, ob ein Leben mit Gott sich wirklich lohnt. Ein Missionar predigte an diesem Abend – und an einem bestimmten Punkt bat er uns, unsere Augen zu schließen und einfach still zu werden. Um offen für das zu sein, was Gott uns vielleicht zeigen wollte.
Ein Bild, das sich eingebrannt hat
Ich war damals in einer charismatisch geprägten Gemeinde und solche Momente waren mir nicht fremd. Aber was dann passierte, hat mich trotzdem überrascht: Vor meinem geistigen Auge sah ich eine Weltkugel, die sich langsam drehte – und dann blieb sie stehen. Bei Brasilien. Das Land tauchte auf, klar und deutlich.
Ich war verwundert. Nicht, weil es mir grundsätzlich fremd gewesen wäre, dass Gott so zu mir spricht, sondern weil ich diesen Eindruck nicht erwartet hatte. Es fühlte sich an wie eine Wucht, die anders war als alles, was ich kannte.
Also bat ich Gott darum, mir diesen Eindruck noch einmal zu bestätigen, denn ich war mir sicher, dass Gott Bilder oder Worte mehrfach bestätigt. Dafür gibt es in der Bibel viele Beispiele. Auch Gideon bat Gott um zwei unterschiedliche Bestätigungen für seine Berufung – und Gott antwortete ihm entsprechend.
Drei Bilder, drei Bestätigungen, ein Plan
Wenige Wochen oder Monate später bekam ich einen zweiten Eindruck von Gott, diesmal in einem gewöhnlichen Gottesdienst. Ich sah klare Schritte vor mir: Schulabschluss, Berufsausbildung, Heirat, dann Brasilien, Mission.
Diesmal war Gottes Auftrag für mich eindeutig, dennoch wollte ich gerne noch eine letzte Gewissheit von ihm haben, bevor ich konkrete Schritte in Richtung eines Missionsdienstes in Brasilien unternahm. Ich bat Gott erneut um Bestätigung – und zum dritten Mal tauchte das Bild auf.
Von da an war für mich alles sonnenklar: Sobald ich die „menschlichen“ Schritte erledigt hatte, würde es für mich nach Brasilien gehen.
Wenn der Lebensweg eine Kurve nimmt
Viele meiner darauffolgenden Schritte fühlten sich so an, als würde Gott das wahr machen, was ich gesehen und als meinen Weg angenommen hatte. Ich zog mir beim Rugbyspiel auf einer Freizeit einen Kreuzbandriss zu und konnte danach nicht mehr Auto fahren. Damit war ich auf meine Mutter angewiesen, um eine Gemeinde zu besuchen. Sie nahm mich mit in eine brasilianische Gemeinde in Düsseldorf, die wir dann eine Zeit lang besuchten.
Dort lernte ich Menschen aus Brasilien kennen, hörte Geschichten aus dem Land und bekam ein Gefühl für die Arbeit vor Ort. Man könnte auch sagen: Das war der Wink mit dem Zaunpfahl. Mir wurde die Region, die ich bisher nur von Bildern erahnt hatte, von Menschen, die das Land kannten, vor Augen gemalt.
Doch es veränderte sich auch etwas in mir. In dieser Zeit kamen neue Eindrücke zu den bisherigen dazu – und zwar während der Gebetszeiten in genau dieser Gemeinde: Ich hatte Teile des Kontinents Afrika und das Land Indien vor Augen.
Plötzlich fühlte sich Gottes Berufung für mich größer an, weiter und weniger konkret als zuvor.
Dabei wurde mir eines immer deutlicher: Nicht das Land war das Entscheidende, sondern die Menschen.
Mein Herz schlug für Menschen. Das war Gottes Ruf an mich. Und noch etwas veränderte sich. Ich spürte: Mein Herz schlägt auch für die Menschen hier, die Menschen in Deutschland.
Von Brasilien zu Deutschland – ein langer Prozess
Das klingt nach einer geschmeidigen Kurve, aber das war es für mich nicht. Der Prozess zog sich über sieben oder acht Jahre hin. Während dieser Zeit gab es immer wieder Momente, in denen Familienmitglieder – gut gemeint, liebevoll – zu mir sagten: „Aber denk dran, Gott hat dir doch Brasilien gezeigt.“
Ich habe das gehört und es hat mich beschäftigt. Wirklich! Denn irgendwann stand ich an dem Punkt, an dem ich mich ernsthaft fragte: Handle ich entgegen dem, was Gott mir einmal gezeigt hat? Weigere ich mich, den Spuren zu folgen, die er gelegt hat?
Diese Fragen haben mich nicht losgelassen – und ich habe sie nicht einfach weggebetet. Aber nach und nach wurde mir etwas klar:
Die Bilder, die ich gesehen hatte, waren kein Reiseplan Gottes für mein Leben. Sie waren eine Einladung.
Gott hat mir durch sie gezeigt: Ich habe einen Plan für dein Leben. Das war die eigentliche Botschaft an mich, nicht Koordinaten auf der Landkarte.
Der Traum lebt – anders als gedacht
Heute lebe ich meinen Traum, aber nicht in Brasilien, nicht in Indien oder auf dem afrikanischen Kontinent, sondern hier in Deutschland – beim ERF, für Menschen, denen ich durch Worte, Geschichten und meine Arbeit begegnen darf.
Ich schließe nicht aus, dass mich mein Weg irgendwann noch in andere Länder führen wird. Vielleicht für einen Monat, vielleicht für ein Jahr. Vielleicht kurz vor dem Ende meines Lebens. Wer weiß das schon?
Aber ich weiß: Was ich schon getan habe und jetzt tue, ist nicht das Gegenteil dessen, was Gott mir gezeigt hat. Es ist eine andere Form davon.
Der Dienst am Menschen, das Arbeiten mit den Gaben, die mir von Gott gegeben wurden, das ist, was zählt. Meine Berufung erschöpft sich nicht in einem Berufsfeld, sondern in einer Haltung.
Dabei bin ich mir bewusst: Nicht jeder braucht solche Bilder oder Eindrücke, um seinen Weg mit Gott zu gehen. Und auch für mich sind sie kein unfehlbares GPS. Sie waren Impulse. Wegweiser. Momente, ohne die ich bestimmte Schritte vielleicht nie gewagt hätte.
Was bleibt, wenn der Traum erwachsen wird?
Was ich sagen will: Träume, die Gott in unser Herz legt, sind selten Landkarten. Oft sind sie eher Kompassnadeln. Sie zeigen eine Richtung an, aber der Weg selbst entfaltet sich im Gehen.
Ich wollte meinen Beitrag leisten in der Gesellschaft, in der Welt, in der Kirche. Dafür habe ich bei mir und meinem direkten Umfeld angefangen: Da, wo ich den größten Einfluss nehmen kann. Dieser Wunsch war damals da – und er ist es heute noch. Nur jetzt noch konkreter und greifbarer.
Zum Abschluss: Was ist mein Tipp für Sie? Träumen Sie weiter! Aber lassen Sie Ihren Traum reifen. Lassen Sie ihn von Gott und anderen prüfen. Und lassen Sie zu, dass Gott ihn umformt, ohne dabei das Gefühl zu haben, er hätte Sie verlassen oder Sie hätten ihn enttäuscht.
Manchmal ist das, was wird, näher am ursprünglichen Traum als alles, was Sie sich damals vorgestellt haben. Nur eben in einer anderen Sprache.
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