© franz12/stock.adobe.com
20.12.2007 / Artikel
Solche und solche Schwiegermütter...
Neben Torwarten, Scheidungsrichtern und Lehrern sind wohl die Schwiegermütter die bedauernswertesten Geschöpfe auf Gottes weitem Erdenrund. Und nicht alle sind solche Goldstücke wie Naomi, die Schwiegermutter von Ruth und Orpa, es gewesen sein muss.
In der Bibel steht, dass die Familie wegen einer Hungersnot von Bethlehem nach Moab umziehen musste. Und wie es sich dann halt so ergibt, heiraten die Söhne zwei einheimische Mädels, in diesem Fall Moabiterinnen und keine Jüdinnen. Als alle drei Männer sterben und es in Juda wieder genug zu essen gibt, will Naomi heim nach Bethlehem und sortiert ihre Schwiegertöchter.
Während Orpa sich überreden lässt, zu ihrer Familie und ihren Göttern umzukehren, besteht Ruth darauf, bei ihrer Schwiegermutter zu bleiben. Sie nimmt den Gott der Juden an und wird für ihre Treue, Demut und ihren Gehorsam so gesegnet, dass sie sogar die Oma von König David wird, ja genau: von <dem König David.
Meine Freundin hat es leider nicht so gut getroffen.
Neulich kam Adelheid und meinte, sie müsse unbedingt bei mir einen Kaffee trinken. Sie sei am Boden zerkrümelt, seufzte sie, als der erste Schluck die markante Sorgenfalte über ihrer Nase langsam zu glätten begann. Trotz aller guten Vorsätze sei der Besuch bei ihrer Schwiegermutter an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gegangen.
Nun muss man wissen, dass Adelheids Schwiegermutter nie ihre große Liebe war. Das beruht aber auf Gegenseitigkeit. Diese beherrscht die Gespräche wie Gänsefüßchen einen Satz, ihr Mann sitzt meist (wie in Klammern) daneben.
Adelheid sagt, alle Schwiegermutterwitze passen auf ihre, und sie hat es auch nie verknusert, dass die Schwieger ihren Sohn, der seit geraumer Zeit Adelheids mühsam erkämpfter Ehemann ist, in jungen Jahren in ein Internat gesteckt hat.
Auch dass Schwiegerpapa schon damals soff, war für Adelheid kein Argument. Sie schlägt sich unverhohlen auf dessen Seite. Frauen müssen stärker sein als Männer, findet sie. Und das gelte auch für Schwiegermütter. Als sie dann noch erfuhr, dass der verschickte Sohn das mütterliche Liebkosen auf dem Schoß nie genossen habe, erlosch der Ofen der ohnehin spärlichen Sympathie vollends. Zum Glück bleibt es bei 1-2 Pflichtbesuchen pro Jahr, weil auch die Liebe des Sohnes sich in Grenzen hält.
Dies war dann also wieder einer davon gewesen.
Es war Ostern und Adelheid hatte zwei Riesenhasen mitgebracht um sich einen Bonus im Geschenke-Ping-Pong zu verschaffen. Schwiegers Sparsamkeit überschritt nämlich die Basis-Grenzen jeder Höflichkeit. Sie hatte einmal, als Adelheid die Vorsuppe abgelehnt hatte, gesagt das sei nicht schlimm, weil es sei auch billiger.
Mit diesem Bewusstsein und den beiden besagten Schokohasen erstickte Adelheid auch im Keim, dass die Schwieger sich bei der Nachbarin beschweren konnte, die beiden kämen nur, um sich vollzufuttern.
Schließlich hätten die Vier am Küchentisch um Brathähnchen und Pommes geschart gesessen. Wie es denn der andern Erbschaftslinie ergehe, die sonst immer dabei sei, habe sie gefragt - eine pure Höflichkeitsfloskel!
Das sei das Stichwort gewesen, sagte Adelheid und schenkte sich noch mal Kaffee nach. Die Schwägerin sei nach allen Regeln der Kunst verbal seziert worden, der chaotische Zustand jedes Zimmers in ihrer Wohnung bis ins Detail beschrieben. Schwiegers fettige Finger hätten ihre feuchte Aussprache gestenreich illustriert und Adelheid musste ihr Sprudelglas retten, bevor die ersten Fettaugen darauf schwimmen konnten.
Der Schwieger habe die Gelegenheit genutzt und nach einem weiteren Schenkel des Hahnes gelangt, was der kritischen Aufmerksamkeit seiner Gattin vor lauter Ereiferung diesmal entgangen sei. Dabei war ihm der Gedanke gekommen, sein jüngstes Erlebnis zur Unterhaltung beizutragen. Er habe ein neues Huhn ge..., begann er und wurde von seiner rechten Seite her sofort mundtot geschossen. Was uns sein blödes Huhn interessierte! Er habe zunächst schweigend weiter gekaut, aber Adelheid habe gewusst, dass er nur auf die nächste günstige Gelegenheit gewartet habe, wenn seine Frau beispielsweise einmal Luft holen müsse oder so.
Inzwischen hatten sie erfahren, dass die Schwieger als Osterüberraschung die gesamte Schmutzwäsche der jüngeren Schwiegertochter gereinigt und gebügelt hatte. Hier habe sich Adelheids Mann mit der Bemerkung eingeschaltet, das sei pädagogisch äußerst bedenklich, denn so lerne sie nie Ordnung.
Dieser Einwurf habe die Schwieger bis auf die Knochen beleidigt! Sofort habe der Schwieger einen neuen Versuch gestartet, von seinem Huhn zu erzählen und in seiner Berichterstattung den Punkt erreicht, dass das Huhn – vielleicht, weil es die Flügel nicht kurz genug gestutzt bekommen hatte – nicht legen wollte und er sich das erstaunte Vieh vorgenommen hatte mit den Worten: „Hühner, die keine Eier legen,...“ da hatte die Schwieger sich erholt und konterte ihrem Sohn, dass sie es ja nur gut meine.
Jetzt sei aber der Schwieger beleidigt gewesen! Warum er nicht auch mal was erzählen dürfe, schließlich sei die Geschichte ja gut.
An dieser Stelle habe Adelheid beschlossen, sich demonstrativ für den Schwieger und sein Huhn zu interessieren, den höflichen Blick umgeschwenkt und erfahren, dass das Huhn des Fliegens noch mächtig genug war, seine Eier unter einen Strauch im Garten zu legen. Bis das Gelege entdeckt worden war, sei das Alter der Eier natürlich nicht mehr nachvollziehbar gewesen und keiner habe sie essen wollen.
Beifallheischend habe er an dieser Stelle in die Runde geschaut – stolz, seine Story doch noch vollständig erzählt haben zu können.
Inzwischen hätten alle, außer der Schwieger, ihren Teller leer gegessen gehabt und auch keinen triftigen Grund mehr gesehen, sich die Ausführungen von Schwiegers Wohltaten anzuhören, die sich mittlerweile, unbemerkt von allen andern, auf die entferntere Verwandtschaft erstreckt hatten.
„Und weißt du was das Schlimmste ist?“ sagte Adelheid. „Jetzt erzählt sie ihrer Nachbarin, ihre Schwiegertochter besuche sie schon so selten, und wenn sie dann mal da sei, dann sage sie kein Wort...“