01.09.2015 / Buchrezension
Scharia in Deutschland
Gibt es eine islamische Parallelgesellschaft in Deutschland? Sabatina James gibt Antworten.
Die Zustände sind erschreckend. Das ist die Botschaft, die der Leser aus dem Buch „Scharia in Deutschland – Wenn die Gesetze des Islam das Recht brechen“ von Sabatina James mitnimmt. Denn Sabatina James, selbst ehemalige Muslima, beschreibt ungeschönt, an welchen Stellen es zu Konflikten zwischen deutschem und islamischem Recht kommt. Da wäre zum Beispiel das Problem, dass laut Scharia Ehrenmorde und Zwangsheiraten erlaubt sind, diese aber nach europäischen Recht nicht mit der Würde und Entscheidungsfreiheit jedes Menschen zusammenpassen.
Aber James macht deutlich: Das Problem, das Deutschland mit dem Islam und der Scharia hat, ist ein viel einschneidenderes. Denn laut Koran ist das Ziel des Islams, alle Menschen zum Islam zu bekehren. Wer nicht zum Islam übertritt, dem droht letztlich der Tod – so James. Und hier beginnt das Problem, welches ich mit diesem ansonsten gut recherchierten Buch habe. Denn obwohl Aufforderungen zur Tötung aller Ungläubigen im Koran stehen, ist dies nicht die generelle Glaubensüberzeugung von Muslimen in Deutschland. Das Bild, das James vom Islam und den in Deutschland lebenden Muslimen zeichnet, ist rabenschwarz. Doch – so fragte ich mich mehrmals beim Lesen – trifft es zu?
Gute Recherche, aber viel Misstrauen
Sicherlich hat Sabatina James gut recherchiert. Wenn sie die Existenz von Parallelgesellschaften beschreibt oder erklärt, wie einige islamistische Gruppierungen sich in Deutschland als Vertreter des Friedens darstellen, aber gleichzeitig den Terror im Nahen und Mittleren Osten unterstützen, dann glaube ich ihr dies unbesehen. Kaum eine ihrer Behauptungen bleibt ohne Beleg. Doch sie betont in „Scharia in Deutschland“ sehr stark die Gefahr, die vom Islam ausgeht. Dass es auch Muslime gibt, die sich an die Gesetze unseres Staates halten und sich einer freiheitlichen Grundordnung verpflichtet fühlen, bleibt unerwähnt. Vielmehr zeigt sich in ihrem Buch ein Misstrauen gegenüber Muslimen, die zwar friedlich in Deutschland leben, aber sich nicht deutlich genug von Terror und Islamismus distanzieren.
Dieses Misstrauen mag zum Einen in Sabatina James‘ Lebensgeschichte begründet sein. Als Siebzehnjährige sollte sie von ihrer Familie zur Heirat mit ihrem Cousin gezwungen werden. Unter Todesdrohungen weigerte sich James. Schließlich kam es zum Bruch mit der Familie. James kam also sehr stark mit der negativen Seite des Islam in Berührung und hat des Weiteren durch ihre Hilfsorganisation „Sabatina e.V.“ zu Opfern von Zwangsverheiratungen Kontakt. Dies erklärt ihre teils sehr einseitige Haltung.
Zum Anderen ist James‘ Forderung, dass sich friedliche Muslime stärker von gewaltbereiten Gruppierungen distanzieren sollen, nicht ganz unberechtigt. Viele Muslime in Deutschland schweigen dazu, dass der IS in Deutschland Kämpfer für Syrien wirbt und die Boko Haram in Nigeria christliche Mädchen kidnappt. Man kann in ihr Schweigen zwar meines Erachtens keine Unterstützung hineininterpretieren. Dennoch wäre wünschenswert, dass sich Muslime, die sich mit dem deutschen Rechtsstaat und seinen Ordnungen identifizieren, klarer dazu bekennen würden.
Wo bleibt die Ausgewogenheit?
Doch braucht es ein solches Buch, das aufzuklären versucht, dabei aber gleichzeitig Angst und Vorurteile gegenüber Muslimen schürt? Ich bin mir unsicher. Auf der einen Seite glaube ich, dass die beschriebenen Missstände tatsächlich existieren. Sabatina James erzählt in „Scharia in Deutschland“ keine Märchen. Sie beschreibt eine Realität, aber welche Realität verschweigt sie. Beschreibt sie, wenn sie von Familienclans schreibt, in denen alle männlichen Mitglieder mindestens einmal straffällig geworden sind, auch die Realität einer Kleinstadt? Oder ist dies ein reines Problem der Großstädte?
Meine eigene Erfahrung mit Muslimen deckt sich mit dieser Beobachtung zum Beispiel gar nicht. In meinem Abiturjahrgang gab es etwa eine Handvoll Schüler türkischer Herkunft und diese waren alle sehr freundlich und höflich – freundlicher und höflicher als einige deutsche Mitschüler. Ich gehe regelmäßig in einem Dönerladen essen – auch hier treffe ich in der Regel nur freundliche und aufgeschlossene Muslime. Deshalb frage ich mich sicherlich nicht ganz zu Unrecht: Wie repräsentativ sind die Beispiele, die Sabatina James in ihrem Buch nennt?
Aber ganz gleich wie repräsentativ Sabatina James‘ Ausführungen sind – sie haben eine gewisse Einseitigkeit und das ist ein Problem. Ja, James macht auf tiefgreifende gesellschaftliche Probleme aufmerksam. Ihr Buch ist informativ und gut geschrieben. Aber es empfiehlt sich eben nur für differenzierte Leser. Wer bereits Vorurteile gegenüber Muslimen hegt, wird in diesen durch James‘ Buch nur bestätigt. Doch längst nicht alle Muslime tragen Rechtsstreitigkeiten vor einem Schariagericht aus oder zwingen ihre Töchter zur Heirat. Leider bleibt das unerwähnt ¿ ein großes Manko. Denn dadurch kann dieses Sachbuch leicht von rechtsradikalen Gruppen instrumentalisiert werden. Etwas, das die Autorin pakistanischer Herkunft sicherlich keineswegs unterstützen wollte.
Fazit
Natürlich kann man bei einem Titel wie „Scharia in Deutschland“ nicht erwarten, dass das Alltagsleben friedlicher Muslime beschrieben wird. Doch dass Sabatina James‘ Sachbuch es so darstellt, als ständen alle Muslime unserem deutschen Rechtsstaat kritisch gegenüber, halte ich für sehr problematisch. Sabatina James‘ Buch ist damit zwar zum Einen ein wichtiges, aber gleichzeitig ein gefährliches Buch. Denn sie schürt beim unbedarften Leser übertriebene Ängste. So sehr ich mir wünsche, dass James‘ warnende Worte über den Islam bei den richtigen Leuten Gehör finden; so sehr wünsche ich mir auch, dass dieses Buch nicht von den falschen Menschen gelesen wird. Denn wer bereits zu Fremdenhass und Ausländerfeindlichkeit neigt, wird sich durch dieses Buch in seinem Denken bestätigt fühlen.