31.08.2013 / Monatsspruch September 2013

Oh Schreck! Bin ich das?

Was passiert, wenn Gott mir einen Spiegel vor die Nase hält.

Ach du Schreck. Bin ich das? Wenn Gott mir durch die Bibel seinen Spiegel vor die Nase hält, ist das manchmal alles andere als angenehm. Meine Liebe zum Nächsten z. B. ließ doch wieder sehr zu wünschen übrig: Während meine ältere Nachbarin mir von ihren Schmerzen im Handgelenk erzählte, war ich in Gedanken schon auf meiner Joggingstrecke. Schnell nutzte ich die Gunst der Redepause, mich mit einem kurzen Gruß von ihr zu verabschieden.

War sie mir denn keine fünf Minuten Zeit wert? Warum ließ ich mich nicht auf ihre Situation ein, damit sie ihren Frust über die Schmerzen loswerden konnte? So oft habe ich es mir doch schon vorgenommen und fast genauso oft genau an diesem Punkt versagt.

Nicht pausenlos auf den Spiegel starren - sondern auf Gott

Auch das Volk Israel lässt sich den Spiegel Gottes durch sein Gesetz vor die Nase halten. Während Esra aus dem Gesetz liest, hören 30 000 bis 50 000 Menschen aufmerksam zu. Durch Amen-Rufe zwischendurch signalisieren sie ihre Zustimmung. Und dann geschieht es: Das Volk erkennt die Heiligkeit Gottes und nur einen kurzen Moment später ihre Sündhaftigkeit. Dazwischen liegen Welten.

Der Schmerz über die brutale Realität bricht ihnen das Herz und sie fangen an zu weinen. Doch anstatt die Israeliten in ihrer depressiven Stimmung alleine zu lassen, fordert Esra sie enthusiastisch zur Freude auf: „Seid nicht bekümmert; denn die Freude am HERRN ist eure Stärke.“ (Neh 8,10) Sie sollen deftig essen gehen und ordentlich feiern.

Es ist heilsam, dass das Gesetz die Herzen der Israeliten erreicht und dass sie ihre Fehler erkennen. Doch an diesem Punkt sollen sie nicht stehen bleiben. Gott reicht ihnen seine Hand und will sie von ihrem Schmerz befreien. Er tauscht Schmerz gegen Freude ein.

Freude braucht Platz

Wenn ich intensiv in der Bibel lese, tun sich auch bei mir persönlich Abgründe auf. Meine Fehler lassen sich nicht abdecken oder kaschieren. Sie sind nun einmal da. Ich muss diesen Schmerz über meine eigene Unzulänglichkeit aushalten - und auch meine Scham Gott gegenüber. Es ist gut, dass ich mir Zeit nehme, mich im Spiegel Gottes zu betrachten. Doch ich muss bei meinem Anblick nicht verschreckt erstarren. Gott wendet nämlich meinen Blick vom Spiegel auf ihn und will mir in meinem Versagen nahe sein. Meine Trauer über mich selbst will er in Freude verwandeln.

Freude – weil er bedingungslos zu mir steht.

Autor/-in: Nelli Bangert