17.07.2015 / Kommentar

Mitleid für Reem hilft nicht

Wieso die Aufregung über Angela Merkels Reaktion heuchlerisch ist.

Ein palästinensisches Flüchtlingsmädchen weint vor laufender Kamera und plötzlich weiß Angela Merkel bei einem Bürgerdialog nicht mehr, wie sie reagieren soll. Etwas hilflos versucht die Kanzlerin das Mädchen zu trösten und erntet unter dem Hashtag #Merkelstreichelt nur Hohn für ihr Handeln.

Doch wie kam es dazu und hat Merkel sich wirklich falsch verhalten? Wer sich die Zeit nimmt, das ganze Interview anzuschauen, merkt: Merkel gibt sich alle Mühe, einem Dilemma zu entgehen, dem sie letztlich nicht entrinnen kann. In einem Bürgerdialog an einer integrativen Schule in Rostock wird die Kanzlerin mit den Folgen ihrer Asyl-Politik konfrontiert. Ein 14-jähriges Mädchen aus dem Libanon schildert eindrücklich seine Lebenssituation: Schon vier Jahre wohnt Reem Sahwil in Deutschland und wartet immer noch auf die Genehmigung ihres Asylantrages. Wer dem Mädchen zuhört, merkt: Ihr Deutsch ist einwandfrei, sie scheint an ihrer Schule bestens integriert. Als Zuhörer fragt man sich ehrlich: Wieso soll diesem Mädchen das Bleiberecht verwehrt bleiben?

Merkel ist steif, aber ehrlich

Beinahe grausam wirkt es daher, als die Kanzlerin zwar Verständnis für die Situation des Mädchens zeigt, aber auch auf die politischen Realitäten hinweist: Im Libanon herrscht offiziell kein Krieg, deswegen erhalten Flüchtlinge aus diesem Land nicht so leicht das Bleiberecht wie Flüchtlinge aus Kriegsregionen wie Syrien oder dem Irak. Außerdem weist Angela Merkel darauf hin, dass Reem kein Einzelfall ist. Im Libanon warten noch Tausende in Flüchtlingslagern darauf, eine neue Heimat zu finden. Deswegen mutet Angela Merkel dem Mädchen die wahren, aber in dieser Situation keineswegs glücklichen Worte zu: „Aber es werden manche auch wieder zurückgehen müssen.“

Dafür und für Merkels steifen Versuch, Reems anschließenden Tränenausbruch aufzufangen, indem sie das Mädchen streichelt, wird die Kanzlerin nun kritisiert. Doch wieso eigentlich? Natürlich hätte die Kanzlerin einfühlsamer reagieren können, doch wer Merkel kennt, weiß: Das ist nun mal nicht ihre Art. Daher muss ihr Versuch, eine 14-jährige zu trösten, einfach ungelenk wirken. Doch dass Merkel steif ist, bedeutet nicht, dass sie herzlos ist. Vor Reems Tränenausbruch hat Merkel sich über zehn Minuten Zeit dafür genommen, die Fragen des Mädchens ehrlich zu beantworten. Ja, sogar noch mehr, sie hat sich auf einen echten Dialog mit der 14-Jährigen eingelassen. Sie hat das Mädchen wie eine Erwachsene behandelt. Und dazu gehörte, ihr eben keine beschwichtigenden Versprechungen gemacht, sondern ihr ehrlich zu antworten.

Merkels Dilemma spiegelt das Dilemma der deutschen Gesellschaft

Aber eines hat sie eben nicht gemacht: vor laufender Kamera ihre Politik geändert. Das wird ihr nun vorgeworfen. Doch wieso eigentlich? Ein Großteil der Bevölkerung unterstützt die strenge Einwanderungspolitik der Regierung. Merkels Argumente, dass man nicht alle Flüchtlinge aufnehmen könne, werden regelmäßig an Stammtischen geäußert. Tatsächlich ist es sogar so, dass einige Bürger sogar für noch strengere Einwanderungsgesetze eintreten und Angst vor einer Überfremdung haben. Die zahlreichen Demonstrationen von Gruppen wie Pegida zeigen das. Warum also wird die Kanzlerin nun für eine Politik kritisiert, die bisher große Unterstützung in der Bevölkerung fand? Nur weil ein palästinensisches Mädchen im Fernsehen weint?

Ja, genau. Konfrontiert mit dem Einzelschicksal von Reem fragt sich der Zuschauer: Hat Merkel denn kein Mitleid? Darauf kann ich nur antworten: Doch hat sie, aber soll sie einem Mädchen etwas versprechen, was sie anderen Menschen in der gleichen Notlage nicht versprechen kann? Wenn sie das täte, wäre das ungerecht und unlauter. Und vor laufender Kamera ihre Gesamtpolitik ändern, kommt für eine Kanzlerin eben auch nicht in Frage. Denn für die Politik, die Merkel vertritt, wurde sie gewählt. Wer eine andere Politik will, sollte anders wählen. So bleibt ihr Dilemma unser Dilemma. Wenn wir als Bürger mit Einzelschicksalen wie dem von Reem konfrontiert sind, sind wir betroffen und wollen etwas ändern. Doch sind wir bereit, die Konsequenzen dafür zu tragen, nämlich, dass noch mehr Flüchtlinge Asylrecht in Deutschland erhalten? Wohl eher nicht.

Schon jetzt stehen viele Bürger den steigenden Flüchtlingsströmen kritisch gegenüber. Flüchtlingskritiker argumentieren: „Man sollte eher die Probleme vor Ort lösen, als alle Flüchtlinge hier aufnehmen.“ Hinzu kommt oft ein hilfloses: „Wir können eben nicht alle aufnehmen.“ Nichts anderes sagt auch die Kanzlerin und wird dafür kritisiert, obwohl die gleiche Meinung am Stammtisch von allen abgenickt wird. Wer also Merkels Reaktion kritisiert, sollte sich selbst erstmal fragen: Was ist eigentlich meine Position? Was hätte ich an Merkels Stelle dem weinenden Mädchen gesagt? Bin ich bereit mich mit den Flüchtlingen, die nach Deutschland kommen, auseinanderzusetzen und mein Land mit ihnen zu teilen?

Selbst aktiv werden

Drei Dinge aber können wir aus Merkels unglücklichem Auftritt lernen und besser machen. Zum einen: Wer wissen will, wie es Asylbewerbern in Deutschland geht, sollte Kontakt zu ihnen suchen und erstmal zuhören. Das gelingt übrigens sogar der steifen Kanzlerin. Zum zweiten heißt das dann, die eigene Position zu überdenken und zu ändern. Natürlich kann eine Kanzlerin nicht nur wegen eines Mädchens ihre Politik ändern. Aber wenn uns das Schicksal von Reem betroffen macht, können wir Bürger uns dafür stark machen, dass eine gerechtere Einwanderungspolitik geschaffen wird.

An dritter Stelle steht das Handeln. Wenn wir Angela Merkel dafür kritisieren, dass sie Probleme nur wegstreichelt, stellt das auch an uns die Frage: Was tun wir eigentlich? Das Flüchtlingsproblem ist nicht allein ein politisches. Es betrifft reale Menschen: Reem, aber auch Menschen in unserem Umfeld. Wer etwas für Menschen wie Reem tun möchte, kann in einem Flüchtlingscafe aktiv werden. Er kann gebrauchtes Geschirr für ein Asylbewerberheim spenden oder Migranten Deutschunterricht geben. All das sind praktische Arten, wie wir Flüchtlingen helfen können. Die Frage ist nur: Sind wir dazu bereit? Nur eines geht nicht: Die Kanzlerin kritisieren, aber selbst nicht aktiv werden. Die Bibel jedenfalls ermutigt uns dazu, zu helfen: „Was immer ihr für einen meiner Brüder getan habt – und wäre er noch so gering geachtet gewesen –, das habt ihr für mich getan.“ (Matthäus 25,40)

Autor/-in: Rebecca Schneebeli