31.05.2010 / Ein Kommentar zum Rücktritt von Horst Köhler
Mit der nötigen Würde
Wer wirklich geglaubt hat, Horst Köhler würde sich alles bieten lassen, der sieht sich getäuscht. Ein Kommentar zum Rücktritt von Horst Köhler von Markus Baum.
Wer wirklich geglaubt hat, Horst Köhler würde sich alles bieten lassen, der sieht sich getäuscht. Der erste Nicht-Politiker im Amt des Bundespräsidenten hat eine Art des Abgangs gewählt, die diesem Amt angemessen ist. Er geht zu einem Zeitpunkt, an dem die meisten Berufspolitiker ihren Kredit verspielt haben. Seinen Kredit bei der Bevölkerung hat Köhler noch nicht in Anspruch nehmen müssen. Das ist das Kuriose an diesem Mann: Bei den Menschen in diesem Land, die ihn ja nicht direkt wählen konnten, genießt er Respekt. Dabei haben ihn die sogenannten Comedians der Republik seit Jahren zum Kasper gemacht. Und vielen Politikern ging Horst Köhler auf den Wecker mit seiner Amtsauffassung, mit seiner Genauigkeit. Aber genau das stand in seiner Arbeitsplatzbeschreibung.
Viele gerade aus dem konservativen Lager hatten sich das einfacher vorgestellt mit dem studierten Ökonomen, mit dem einstigen Chef des Sparkassen- und Giroverbandes. Aber die Zeiten sind nicht danach, dass man Regierungen unbeaufsichtigt schalten und walten lassen kann. Wie viele Gesetze sind wohl aus Sorge, Köhler könnte seine Unterschrift verweigern, doch gründlicher ausgearbeitet worden als ursprünglich mal geplant? Und wie viele präsidiale Bedenken sind später vom Bundesverfassungsgericht eindeutig bestätigt worden?
Es ist schon richtig, Horst Köhler war als Präsident nicht so volksnah wie Carl Carstens, nicht so staatsmännisch wie Richard von Weizsäcker, nicht so pastoral wie Johannes Rau, nicht so universitär wie Roman Herzog. Aber einen wie ihn muss man erst mal finden – einen gelernten Banker, der die kleinen Leute und die Zwei-Drittel-Welt im Blick hat, einen, der sich überall auf dem Globus blicken lassen kann und überall freundlich empfangen wird, und das als ehemaliger Direktor des Internationalen Währungsfonds. Er war der richtige Mann für den Job zur richtigen Zeit. Und als im September 2008 die Weltwirtschaft in schwere Wetter geriet, da hat sich mancher gewünscht, das Amt des Bundespräsidenten wäre mit mehr Macht ausgestattet gewesen.
Dieser Präsident hat Maß gehalten und Anstand verkörpert und konnte es deshalb auch von anderen fordern. Und dass er den vermessenen Ansprüchen der Medien- und Spaßgesellschaft nicht gerecht geworden ist, dass er nicht getwittert hat und es keinen regelmäßigen Präsidentenblog aus Schloss Bellevue gab – dafür muss man Horst Köhler geradezu dankbar sein.
Die Würde des Amtes, die war ihm wichtig, der wollte er gerecht werden, und die sah er durch die Kritik der letzten Wochen beschädigt. Köhlers Rücktritt ist ein Fanal. Es weist auf die Schieflage einer Öffentlichkeit hin,
die ernsthaft darüber diskutiert, ob der Präsident die Wahrheit sagen darf, anstatt ihm dafür zu applaudieren, dass wenigstens er die Dinge beim Namen nennt.
Wer immer Horst Köhler im Amt des Bundespräsidenten nachfolgt – er oder sie darf es sich und der Politik jedenfalls nicht leichter machen als der freundliche Mann aus dem Südwesten.