16.02.2012 / Entwicklung der Mitarbeiterzahlen in deutschen Missionswerken

Missionar gesucht

Lassen sich Christen in Deutschland heute noch auf das Abenteuer Auslandsmission ein oder ist der Beruf des Missionars vom Aussterben bedroht?

„Ich werde Missionar!“ – wer diesen Berufswunsch äußert, wird heute außerhalb des christlichen Dunstkreises verständnislos angesehen. Und selbst in christlichen Gemeinden dürfte seine Wahl als exotisch gelten. Dabei galt Deutschland in Bezug auf die Weltmission lange als ein klassisch sendendes Land und insbesondere die evangelikale Szene ist reich an Organisationen, die in diesem Bereich tätig sind. ERF Online hat bei einigen Missionsgesellschaften nachgefragt, ob sie angesichts dieser Lage Nachwuchssorgen haben.

Der Trend geht zu Kurzzeit-Missionseinsätzen

Die gute Nachricht vorneweg: Bei den wenigsten Werken ist die Zahl der Bewerber in den letzten 10 bis 20 Jahren tatsächlich konstant zurückgegangen. Bei den meisten ist die Zahl zwar Schwankungen unterworfen, insgesamt jedoch stabil. Im Bereich Kurzzeitmitarbeit zeichnet sich sogar ein Wachstum ab. Verschiedene Organisationen berichten übereinstimmend, dass immer mehr junge Erwachsene und rüstige Rentner bereit sind, für einen Zeitraum von sechs Monaten bis drei Jahren Missionsarbeit vor Ort zu unterstützen. Heinrich Finger von der Vereinigten Deutschen Missionshilfe (VDM) sieht diesen Trend zur Kurzzeitmitarbeit als Chance: „Wir stellen uns darauf ein und hoffen, dass diese Leute später Motivatoren für Mission in ihren Gemeinden sind.“

Schwieriger wird es, wenn Leute für langfristige Einsätze gesucht werden. In diesem Bereich erleben die Missionsgesellschaften alles andere als einen Ansturm auf freie Plätze. Detlef Blöcher, Direktor der Deutschen Missionsgemeinschaft (DMG), fasst die Situation anhand der Jahresberichte der Arbeitsgemeinschaft evangelikaler Missionen (AEM) so zusammen: „In Deutschland wachsen nur sehr wenige evangelikale Missionswerke, wie z.B. die Kontaktmission, die Vereinigte Deutsche Missionshilfe oder Frontiers. Die meisten anderen AEM-Missionen stagnieren oder schrumpfen.“

Zu heiß, zu staubig, zu unsicher

Als Ursache für diese Stagnation nennt Blöcher zum einen den demographischen Wandel der Bundesrepublik: Wenn es insgesamt weniger junge Leute gibt, können auch weniger junge Missionare entsandt werden. Auf der anderen Seite befürchtet er aber auch, dass sich etliche Gemeinden in Deutschland in einer geistlichen Krise befinden und den Blick für die Außenmission verloren haben. Auch Ralph Schubert, Personalleiter von Wycliff, sieht hier einen Zusammenhang und ergänzt: „Als Deutsche haben wir ein starkes Bedürfnis nach Sicherheit. Diese Sicherheit können wir in der Missionsarbeit nur bedingt bieten.“ Allerdings lässt sich nicht pauschal sagen, dass es nur in Bezug auf gefährliche Einsatzländer einen Rückgang an Mitarbeitern gibt. Roland Denner von ReachAcross beobachtet die rückläufigen Zahlen insbesondere bei „Ländern, die sehr heiß, staubig und arm sind, auch wenn sie relativ offen sind.“ Er ist ebenfalls der Meinung, dass eine umfassende Öffentlichkeitsarbeit und Schulung in Kirchen notwendig ist, um dem sinkenden Zahlen entgegen zu wirken. Gemeinden müssten neu einen Blick für die Notwendigkeit von Mission bekommen – selbst wenn sie mit Leiden, Risiko und Gefahren verbunden ist.

Die Gemeinde als Buhmann?

Sieht man die Gemeinde als Ort, der in jungen Menschen eine Vision für die äußere Mission weckt, könnte man schlussfolgern, dass hier das Hauptproblem für die stagnierende Zahl an Nachwuchsmissionaren liegt. Diese Gleichung ist Blöcher aber zu einfach. Er sieht die Verantwortung auch aufseiten der Missionswerke und hinterfragt die gängige Praxis, dass Gemeinden zwar ihre Mitarbeiter und ihr Geld für die Mission zur Verfügung stellen dürfen, sonst aber nicht in die Arbeit eingebunden werden. Die DMG versucht hier andere Wege zu gehen, indem sie eng mit den sendenden Gemeinden zusammen arbeitet, eine Partnerschaft anstrebt und bei missionarischen Projekten in Deutschland Hilfe anbietet.

Heinrich Finger sieht die Notwendigkeit zum Handeln ebenso auf der Seite der sendenden Organisationen: „Die Struktur der Missionsarbeit muss sich den veränderten Lebenssituationen anpassen. In einer postmodernen Welt mit davon geprägten Menschen kann man nicht mit traditionellen Strukturen arbeiten.“ Auch die Liebenzeller Mission ist sich bewusst, dass sie zukünftig „verstärkte Anstrengungen unternehmen“ muss, um neue Missionare zu gewinnen. Laut Personalleiter Hartmut Wacker ist der traditionelle Weg bis zu Ausreise eines Missionars sehr lang. Aus diesem Grund bietet die Liebenzeller Mission ab Herbst 2012 für angehende Missionare auch eine alternative Ausbildung zum klassischen, fast sechs Jahre dauernden Weg an. Mehrere Missionswerke betonen darüber hinaus, wie wichtig es für zukünftige Missionare ist, kompetent betreut zu werden und einen Einsatzort zu finden, er auf ihre Begabungen und Fähigkeiten zugeschnitten ist. Hier müssten sich die sendenden Werke um eine entsprechende Flexibilität bemühen.

ERF Online dankt folgenden Missionsgesellschaften, die Informationen über die Entwicklung ihrer Mitarbeiterzahl zur Verfügung gestellt haben:

Deutsche Missionsgemeinschaft
DIGUNA
Licht im Osten
Liebenzeller Mission
Mission für Süd-Ost-Europa
ReachAcross
Vereinigte Deutsche Missionshilfe
Wycliff

Deutschland als Missionsland

Einig sind sich alle befragten Missionsgesellschaften darin, dass von einem Ende des Missionsauftrages keine Rede sein kann, selbst wenn sich die geistlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in Deutschland geändert haben. Was jedoch tatsächlich zu Ende geht, ist die bekannte Zuordnung der sendenden Länder mit den westlichen Nationen. Dazu Jo Hummel vom Missionswerk DIGUNA: „Kulturübergreifende Missionsarbeit ist bei fortschreitender Globalisierung unerlässlich und wird zur Chance, um auch neuheidnische Länder zu erreichen. Vom Missionsauftrag kann letztlich kein Land der Erde ausgenommen werden.“ Eine ähnliche Beobachtung äußert auch Wacker: Die Absolvierenden der Internationalen Hochschule Liebenzell sehen Deutschland immer stärker selbst als Missionsland. Eine strikte Aufteilung zwischen äußerer Mission und missionarischer Gemeindearbeit vor Ort bestehe nicht mehr.

Dazu passt, dass die Mitarbeiterzahl in Südamerika, Asien und Osteuropa nach Auskunft der Missionen geradezu phänomenal wächst. Diese Länder sind immer mehr zu sendenden Ländern geworden: Alleine die Kirchen und Gemeinden in Nigeria haben Hummel zufolge 2000 Missionare ausgesandt. Die Kollegen aus Deutschland werden deswegen aber nicht überflüssig, oft ändern sich nur die Aufgaben: Einheimische Mitarbeiter übernehmen eigenständig die Bereiche Evangelisation und Gemeindebau. Sie sind laut Detlef Blöcher jedoch nach wie vor dankbar für die Unterstützung von deutschen Fachkräften, etwa in der Finanzverwaltung oder im sozialen und theologischen Bereich. Umgekehrt kann sich die deutsche Missionsbewegung von der jungen, dynamischen Bewegung in anderen Ländern inspirieren und helfen lassen. Das geht bis hin zur sogenannten „Reverse Mission“, bei der Missionare aus Afrika oder Südamerika nach Deutschland kommen, um den Menschen den christlichen Glauben (neu) nahezubringen. Damit wird ein Teil der Vision wahr, die die Lausanner Bewegung 1989 in Manila für die weltweite Arbeit in Evangelisation und Mission formuliert hat: „Die ganze Kirche ist aufgerufen, der ganzen Welt das ganze Evangelium zu bringen.“ (Hervorhebung Redaktion)

Lesen Sie im Interview mit Heinrich Finger, VDM, woran es liegt, dass sich für Langzeitmissionseinsätze schwerer Missionare finden lassen und wie dieses Problem behoben werden könnte:
Missionare fühlen sich oft nicht versorgt.

Autor/-in: Hanna Willhelm