09.12.2013 / Andacht

Jesus will mich ganz

Warum ihn meine Grenzen, Versagen und Misserfolge nicht irritieren.

Der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer (1788-1860) schrieb einmal „Alles Leben ist Leiden“. Als ich dieses Zitat das erste Mal las, bäumte sich in mir die Wut auf. Was war das für eine pessimistische Aussage! Dagegen sprachen doch so viele schöne Momente im Leben, gefüllt mit Freundschaft, Erfolgserlebnissen, Veränderung und Hoffnung.

Doch als ich über das Zitat nachdachte, stellte ich fest, dass das Zitat den wunden Punkt eines menschlichen Lebens ziemlich gut trifft. Denn ist man nicht täglich mit großen oder kleinen Leiden konfrontiert? Schon der ganz normale Alltag trägt viele Herausforderungen in sich. Die hoch aufgestapelten Teller in der Spüle und die eng terminierten Aufgaben im Berufsalltag können einem leicht die Freude am Leben stehlen.  

Leiden in jeder Hinsicht 

Und was ist erst mit den selbstkritischen Gedanken, die manchmal innerhalb kürzester Zeit ins Ominöse wachsen und einem beinahe die Luft zum Atmen rauben? Was ist mit dem Gedanken, dass man nichts auf dem Kasten hat und daher auch nichts bewegen kann? Auch der Wunsch, endlich mehr in der Nachbarschaft zu tun, ist schon längst in den Hinterhalt gerückt. Die Vision und die Leidenschaft dafür ist verblasst und hinterlässt eine Leere. Bevor es losgeht, ist es schon zu Ende.

Das Leben ist hart. Permanent kämpfen, um etwas zu bewegen, weiterzukommen, sich zu verändern, das Leben in Fülle zu ergreifen. Doch das gelingt trotz Bemühung und Eifer nicht. Statt Perfektion erkenne ich Unebenheiten, Schattierungen, Löcher, Kanten und Ecken. Alles Leben ist Leiden. Wie wahr!

Auch Jesu Leben war Leiden. Noch mehr Leiden als mein Leben überhaupt zulässt. Er wurde verfolgt, niedergemacht und starb letztlich den brutalen Tod am Kreuz. Doch trotz des Leidens entschied er sich für das Leben auf der Erde. In einer muffigen, dreckigen Umgebung wurde er geboren und in ein sauberes Bettchen … nein, in eine alte Futterkrippe gelegt, aus der Tiere zuvor gefressen hatten. Da war nix mit Hygiene oder Desinfektion.

Doch das störte ihn nicht. Jesus hatte keine überhöhten luxuriösen Vorstellungen, wie seine Umgebung zu sein hatte. Ihm war das Geringe, das Unperfekte, das Unvollkommene gut genug. Diesen Ort füllte er mit seiner Gegenwart aus. Er machte diesen Ort zu etwas Heiligem, etwas ganz Besonderem.

Jesus entscheidet sich für mein halbfertiges Leben

Genauso entscheidet Jesus sich auch für mich und mein unvollkommenes Leben. Ich muss ihn nicht mit erreichten Zielen und einem erfolgreichen Lebensweg locken. Ich muss ihn nicht davon überzeugen, dass er es gut bei mir hat. Nein, er kennt mein Leben ziemlich gut und hat alles Unschöne im Blick. Trotzdem will er genau dieses Leben mit mir erleben, feiern und erleiden. Er stellt sich zu mir und entscheidet sich, nie mehr von meiner Seite zu weichen. Die Worte an seine Jünger gelten auch mir: „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ (Mt. 28,20) Auch wenn mein Leben halbfertig und unperfekt ist, sagt Jesus entschieden „Ja“ zu mir. Lasse ich dieses „Ja“ auf mich wirken?  

Autor/-in: Nelli Bangert