14.11.2021 / Kommentar

Im Spannungsfeld

Die Bibel ist für die Autorin Susanne Ospelkaus eine Inspiration, doch sie ringt auch mit ihr.

Ich wuchs in einem christlichen Elternhaus auf mit Kinderbibel, Herrnhuter Losungen und Gottesdiensten. Als Konfirmandin lernte ich Verse aus der Lutherbibel – dieses Deutsch, das so sperrig klingt.

In meinem Bücherregal habe ich viele Bibeln in verschiedensten Ausgaben: Bibeln ohne Verseinteilung, Bibel zum Hineinmalen, in moderner Sprache, in geschlechtergerechter Sprache oder als Comic. Für jedes Alter und jede Zielgruppe gibt es eine eigene Version, selbst die neusten Erkenntnisse aus der theologischen Wissenschaft sind Laien zugängig.

Ich schätze die Vielfalt und gleichzeitig ermüdet sie mich. Übersetzungen versus Interpretation. Historische Fakten versus Gottes Reden. Theologie versus meine Gotteserfahrung. Was denn nun?

Festgenagelt auf Erfahrungen

Ich wünschte, ich könnte die Bibel frei von all meinen Gottesbildern lesen. So als wäre es das erste Mal. Es geht nicht. In meinem Hirn klemmt das Bild, dass Gott ein Vater sei, obwohl er doch auch eine weibliche und zärtliche Seite hat. Wenn ich mich von Gott überraschen lassen wollte, könnte ich ihn auch als weiblich verstehen? Ist das erlaubt? Ist es zu feministisch?

Die deutsche Sprache nagelt mich fest: Wie haben hebräische Juden die Texte gelesen und verstanden? Was ist mit Übersetzungsfehlern innerhalb der Kirchengeschichte? Wurden sie alle entdeckt und korrigiert? Ich ahne, es ist kompliziert.

Fasziniert vom Ungewöhnlichen

Doch dann bin ich fasziniert von diesem Buch. Es werden Geschichten von Menschen erzählt, die weder reich noch einflussreich waren. Das ist ungewöhnlich. Die Bibel ist das umfangreichste antike Dokument, dass nicht nur über Herrscher, Kriege und Könige schreibt, sondern von Flüchtlingen, Waisen und Mittellosen. Plötzlich findet man sich in den Zeilen wieder, denn es geht nicht um die da Oben, die schon alles haben – es geht auch um mich.

Berührt vom Echten

Ich weiß nicht, wie das geschieht, doch das Buch spricht zu mir. Es hat eine ganz persönliche Seite. Ich werde von einem Vers berührt, als wäre er für mich geschrieben. An den ureigensten Erfahrungen arbeitet sich die Schrift ab wie Liebe und Verrat, Freude und Trauer, Gemeinschaft und Einsamkeit, Antworten und Fragen, Recht und Unrecht.

Der Mensch ist fortschrittlicher geworden, vielleicht auch etwas schlauer, doch seine Grundbedürfnisse haben sich nicht verändert. Die Bibel weiß um unsere Sehnsucht und erreicht mich, selbst wenn sie mehr Fragen als Antworten aufwirft, mich provoziert und auch mal empört.

Je vertrauter mir eine Person ist, umso eher können wir auch einander herausfordern, auch mal einen Streit verkraften. Je vertrauter mir die Bibel ist, mit ihren vielen Übersetzungen und den unterschiedlichen Sprechern, umso eher kann ich mich auf ihre Spannungen und Widersprüche einlassen.

Ist ein Gesprächspartner nicht langweilig, der auf alles eine Antwort hat? Mit der Bibel wird es nicht langweilig (manchmal mühsam), denn Antworten muss man suchen und manchmal darf man sie sich schenken lassen.
 

Autor/-in: Susanne Ospelkaus

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