12.09.2020 / Interview
Frauen tun so was doch nicht
Pornographie gilt als Männerthema. Trotzdem ist ein Viertel aller Pornonutzer weiblich. Was fasziniert eine Frau daran?
Ulrike Lorenz arbeitet als Seelsorgerin und ist Gründungsmitglied von safersurfing.org. Ihre eigene Biographie hat die 42-jährige dazu gebracht, sich mit Abhängigkeit von Pornographie auseinanderzusetzen: Mit zwölf Jahren rutschte sie in einen Sog aus Bildern und erotischen Tagträumen.
Mit ERF Medien spricht sie über ihre Geschichte und welche Folgen Pornokonsum für Frauen haben kann.
Wenn man erst im Teenageralter mit seinem Kind über Sexualität spricht, ist es meistens schon zu spät. In diesem Alter sprechen Kinder auch nicht gerne mit ihren Eltern über das Thema. Das muss entweder vorher passieren oder man sollte dafür sorgen, dass das Kind eine Vertrauensperson außerhalb der Familie hat, mit der es reden kann.
Schon im Grundschulalter sollte man Kinder darauf vorbereiten, dass sie evtl. einmal Dinge sehen werden, die ekelig sind. Die Eltern können dem Kind sagen, dass es diese als eklig empfinden darf, selbst wenn Klassenkameraden sie cool finden.
Zudem sollten die Eltern bis zu einem gewissen Punkt ehrlich sein und sagen: „Schau, ich weiß worum es geht.“ Auch wenn die Kinder das als peinlich abtun, sich umdrehen und gehen, bleibt ein solches Gespräch nicht ohne Auswirkung.
ERF: Warum schauen immer mehr Frauen Pornos – obwohl sie oft gleichzeitig Ekel davor empfinden?
Ulrike Lorenz: Diesen Ekel empfindet man meist nur beim ersten Mal, wenn man diese Bilder sieht. Sie zielen auf die Erregungszentren in unserem Körper ab und man spürt beides: Einerseits die Erregung und das Hingezogensein und andererseits den Ekel. Die Reaktion hängt auch davon ab, in welchem Alter Frauen oder Mädchen sind, wenn sie das zum ersten Mal sehen. Eine erwachsene Frau kann sagen: „Das ist eklig, da schau ich nicht mehr hin.“, und schaut wirklich nie mehr hin. Da ist die Entscheidungsfähigkeit besser entwickelt.
Wenn man aber ein Teenager ist, wo die Gefühle sowieso im Chaos versinken, überwiegt der angenehme Teil. Das Durchschnittsalter, in dem der Erstkontakt mit pornographischen Inhalten stattfindet, liegt bei elf bis vierzehn Jahren. Da bleiben solche Bilder und Gefühle leichter hängen und es kann eine Gewohnheit werden, Pornographie zu konsumieren oder in Gedanken Tagträumen nachzugeben.
ERF: Wirkt sich Pornokonsum bei Frauen anders aus als bei Männern?
Ulrike Lorenz: Die Auswirkungen und auch die Ursachen sind die gleichen. Man verwendet die Pornographie zum Beispiel, um Spannungen abzubauen, statt sich mit Konflikten auseinanderzusetzen. Die meisten negativen Auswirkungen liegen im zwischenmenschlichen Bereich: Man zieht sich von Freundschaften zurück, ist beim Ehepartner nicht mehr offen, bzw. möchte von ihm Handlungen, die man nur aus pornographischen Videos oder Zeitschriften kennt. Das Bild vom Partner wird verfremdet und gerade bei Frauen wird auch das Bild von der eigenen Geschlechtlichkeit total verändert.
ERF: Was meinen Sie damit?
Ulrike Lorenz: In Amerika gibt es immer mehr Schönheitsoperationen im Genitalbereich. Oder viele Mädchen erschrecken, wenn sie Schamhaare bekommen, weil sie in den Videos nur rasierte Frauen sehen. Die körperlichen Attribute in den Filmen stimmen nicht mit der Wirklichkeit überein. An den Darstellerinnen sind meist mehrere Operationen vorgenommen worden, zum Beispiel sind die Brüste mit Silikon vergrößert usw. Man bekommt ein falsches Bild, wie sich eine Frau einem Mann gegenüber verhält.
In den Filmen wird die Frau völlig willenlos und von ihren Trieben gesteuert, wenn sie einen nackten Mann sieht. Das funktioniert in einer normalen Beziehung nicht. Auch die homoerotischen Darstellungen können das Bild von sich selbst oder der eigenen sexuellen Orientierung verwirren.
Hauptdarstellerin in „Vom Winde verweht“
ERF: Die Pornoindustrie macht zwischenzeitlich gezielt Pornos für Frauen. Wie schätzen Sie das ein?
Ulrike Lorenz: Ich habe neulich mit einer Frau gesprochen, die einen Erotikshop für Frauen betreibt. Sie sagte: Wir verkaufen nur schöne Videos, in denen die Frau gut dargestellt wird und in denen auf die Bedürfnisse der Frau eingegangen wird. Wenn man das vom christlichen Standpunkt her betrachtet, haben da aber trotzdem zwei völlig fremde Menschen einfach nur Sex miteinander und es geht um nichts anderes als Triebbefriedigung. Das geschieht vielleicht auf schönere Art und Weise, aber es bleibt im Grund genommen gleich wie bei den Männerpornos.
ERF: Sie selbst sagen von sich, dass Sie abhängig von Pornographie waren. Was hat es mit Ihnen gemacht, als Sie immer öfter diese Bilder angeschaut haben?
Ulrike Lorenz: Ich hatte damals nur Hefte und Videos und ich habe es nicht in Unmengen konsumiert. Aber diese Bilder haben sich bei mir im Kopf eingeprägt und haben sich dann in meinen Tagträumen verselbstständigt. Ich habe vor mich hingeträumt und diese erotischen Inhalte in meine Tagträume verpackt. Ich habe mir sozusagen meine eigenen Filme gestaltet. Das machen auch Männer sehr oft. Der Unterschied besteht darin: Männer haben einen Cartoon mit fünf Bildern und eine Frau phantasiert sich einen richtigen Film wie „Vom Winde verweht“ zusammen. Sie kann sich stundenlang in solchen Tagräumen verlieren.
ERF: Aber kann eine Frau solche Tagträume nicht auch dann haben, wenn sie keine pornographischen Inhalte angeschaut hat?
Ulrike Lorenz: Jeder hat seine Fantasie, jeder hat Tagräume. Das ist normal und etwas Gottgegebenes, um mit gewissen Situationen fertig zu werden, um Dinge durchzudenken und auf sie vorbereitet zu sein. Aber wenn die Tagträume von pornographischen Inhalten geprägt sind, ist diese positive Funktion sehr eingeschränkt. Wenn man sich dann von Gemeinschaft mit anderen zurückzieht, um seinen Tagräumen nachzuhängen, hat es negative Auswirkungen. Für mich war ein Tag nur gut, wenn ich Zeit hatte, meinen Tagträumen nachzuhängen.
ERF: Welche Folgen hatte das für Sie?
Ulrike Lorenz: Die Folgen haben sich vor allem im Inneren abgespielt. Äußerlich hatte ich viele Freunde. Aber sie wussten nie alles von mir. Und ich habe mich innerlich sehr geschämt für diese erotischen Tagräume und die Masturbation, die damit verbunden war. Ich habe mir immer gedacht: Wenn das die anderen wüssten, würden sie mich nicht mehr mögen oder ich würde von der Gemeinde ausgeschlossen werden. Ich bin seit meinem sechsten Lebensjahr Christ und immer Mitglied einer Kirchengemeinde gewesen. Dieses innere Schmutzigfühlen war eine Zeitlang sehr schlimm.
Vielen Frauen sind verwirrt
ERF: Erleben Sie in Ihren Gesprächen mit Betroffenen, dass es auch Frauen so geht, die mit dem Glauben nichts am Hut haben?
Ulrike Lorenz: Wenn eine Frau in einem Umfeld lebt, wo Pornographie gang und gäbe ist, dann ist das schlechte Gewissen diesbezüglich nicht oder weniger ausgeprägt. Andererseits – egal welche Frauenzeitschrift man sich momentan kauft: Seitensprünge, Masturbation oder das Ausprobieren gewisser sexueller, perverser Praktiken werden verherrlicht. Frauen ohne christlichen Hintergrund sind sicher noch mehr in einem Zwiespalt als eine christliche Frau, die klare ethische Richtlinien hat.
Ich habe mit einem jungen Mädchen geredet, deren Freund nur mit ihr schlafen konnte, wenn er pornographische Filme nebenbei laufen hatte. Sie wurde dann Christ und hat mir gesagt: „Ich habe mich damals so schmutzig gefühlt. Ich wollte das nicht.“ Aber alle in ihrer Umgebung haben das gemacht und sie war total verwirrt. Es ist ihr ähnlich gegangen wie mir.
ERF: Schämen Frauen sich mehr als Männer, über ihren Pornokonsum oder ihre erotischen Träume zu reden?
Ulrike Lorenz: Ich habe lange gedacht, ich bin die einzige, die damit Probleme hat. Bei Männern ist es biologisch sozusagen logisch, dass sie auf diese Bilder anspringen, da gehört es doch fast dazu. Aber bei Frauen doch nicht. Frauen sind doch nicht so visuell. Das sind die Schlagworte, die man zu hören bekommt, wenn man mit jemandem redet. Aber Frauen können von diesen Bildern genauso angesprochen werden. Wenn solche Bilder unvorbereitet auf eine Kinderseele prallen, prägen sie auch visuell. Es stimmt einfach nicht, dass nur Männer visuell erregt werden und Frauen nicht. Jeder ist da individuell.
ERF: Bei Frauen sind oft auch nicht pornographische Bilder das Problem, sondern die Tatsache dass sie sich in Chatrooms Fremden öffnen.
Für Frauen geht es mehr um Beziehung, um das Erobert werden, gesehen zu werden, geliebt zu werden, auch in den Tagträumen. Die Chatrooms sind ein Einstieg in das Ganze. Hier fühlt man sich endlich an- und wahrgenommen und geht erst dann evt. zu pornographischen Inhalten über. Bis man dann direkt diese Bilder sucht, um sich zu entspannen.
Pornographie als Single
ERF: Ist Pornographie für Singles ein größeres Problem als für Verheiratete?
Ulrike Lorenz: Das kommt darauf an, wann das Problem begonnen hat. Für die meisten bleibt es bestehen, wenn es schon vor der Ehe begonnen hat. In der Ehe gibt es ja auch Spannungen, die man dann wieder mit Bildern und Masturbation abbaut. Bei einem Single ist nur schwerer aufzuzeigen, dass Pornographie nicht gut ist.
ERF: Was sagen Sie, wenn ein Single argumentiert, dass Selbstbefriedigung und Pornographie für ihn die einzige Möglichkeit sind, seine Sexualität auszuleben?
Ulrike Lorenz: Ich kann nur aus meiner eigenen Erfahrung sagen, dass es funktioniert, einige Jahre ohne Masturbation zu leben. Viele haben zu einem Kollegen aus dem Verein „Nackte Tatsachen“ gesagt: „Du hast geheiratet. Es war leicht für Dich, das zu lassen.“ Er hat gesagt: „Nein, es war nicht leichter für mich, weil die Tagräume noch da waren.“ Auch in der Ehe hat man Phasen, wo es keine Sexualität gibt, wenn Kinder kommen oder wenn ein Partner krank ist. Damit muss man umgehen können.
Und es ist nicht angenehm, wenn der Ehepartner weiß: Mein Partner befriedigt sich jetzt selbst, nur weil ich nicht kann. Wenn Sexualität nicht mehr das Hauptthema in einem Leben ist oder nicht mehr mit Beziehung gleichgesetzt wird, verliert sie an Macht. Dann ist Selbstbefriedigung oder der Pornokonsum nicht mehr notwendig.
ERF: Welchen Rat würden Sie einer Frau oder einem jungen Mädchen geben, die damit aufhören möchte, Pornos zu schauen oder erotischen Tagträumen nachzuhängen?
Ulrike Lorenz: So lange man alleine damit kämpft, wird man keinen Erfolg haben. Jeder probiert das am Anfang, aber da macht man sich nur selbst fertig. Man sollte sich jemandem mitteilen, bei dem man weiß: Hier ist das Geheimnis gut aufgehoben. Das sollte jemand aus dem Freundeskreis sein, so dass man sieht: Diese Person mag mich noch immer. Man muss diese Annahme spüren. Das ist ganz wichtig. Es macht etwa 70 Prozent der Heilung aus, wenn man sich anderen Menschen öffnet.
Man sollte sich auch nicht nur dem Ehepartner öffnen. Wenn man nur mit ihm darüber spricht, ist das ein massiver Druck für die Ehe. Danach sollte man sich überlegen: Warum bin ich in dieses Verhalten hinein gerutscht? Was war der Auslöser? Waren es Konflikte, Stress oder schwierige Familiensituationen. Da braucht man meistens für eine gewisse Zeit einen Seelsorger oder einen Therapeuten, der einen begleitet.
Mir ist auch wichtig zu sagen, dass dieser Prozess immer ein Weg ist. Ich habe Menschen erlebt, die sind von einem Tag auf den anderen davon losgekommen, bei mir selbst hat es zehn Jahre gedauert. Man darf da mit sich selbst barmherzig sein. Wenn man einen Rückfall hat, muss man nicht gleich verzweifeln, sondern sich bewusst machen, dass man auf dem Weg ist. Dieser Weg ist individuell und jeder entdeckt Dinge, die ihm dabei helfen. Manchen hilft Sport, um die sexuelle Energie loszuwerden, bei anderen bringt das sexuelle Energie hervor. Es gibt keine Gesetzmäßigkeit, außer einer: Ans Licht bringen, das muss sein.
ERF: Vielen Dank für das Gespräch!
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