03.11.2010 / Frauen auf der Kanzel
Frauen nicht mehr wegzudenken
Der Bund der FeG hat sich für Pastorinnen ausgesprochen, was manche kritisieren. Welche Erfahrungen machen andere mit dieser Entscheidung?
Der Bund der Freien evangelischen Gemeinde (FEG) hat im September 2010 mit großer Mehrheit für die Ordination von Frauen zur Pastorin gestimmt - eine Entscheidung, die sowohl innerhalb des Bundes als auch in anderen Denominationen umstritten ist.
Im Bund der Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (BEFG) wurde diese Entscheidung schon vor 18 Jahren gefällt. Auch hier debattierte der Bundesrat über Jahre und stellte sich schließlich der Diskussion. Das Ergebnis: Trotz langer Auseinandersetzungen stimmten über 70 Prozent der Delegierten des Bundesrates in Kassel (1992) zu, die Frauenordination unter dem Titel „Pastorin“ anzunehmen. Dieser Beschluss liegt nun schon im letzten Jahrtausend. Was hat sich seither getan? Welche Rolle spielen Frauen im BEFG?
Von der Tat zum Wort?!
Was der Bundesrat des BEFG offiziell zu Papier brachte, wurde schon lange zuvor in baptistischen Gemeinden praktiziert. Das Dokument „Rechenschaft vom Glauben“ zeugt von dieser Praxis und beinhaltet seit 1977 das Glaubensverständnis der Baptisten in Schriftform. Demzufolge wurde schon damals kein Glied am Leib Christi als unbegabt angesehen und das Priestertum aller Gläubigen galt als die vom „Herrn gegebene Grundstruktur.“
Frauen engagierten sich aber schon in vielen Bereichen, bevor die erste Pastorin überhaupt ihren Dienst antrat. Bereits in der Nachkriegszeit prägten sogenannte „Reiseschwestern“ die überregionale Jugendarbeit. Auch pastorale Aufgaben fielen in ihren Arbeitsbereich. Seit den siebziger Jahren bildeten Baptisten die ersten Frauen zu „Theologischen Mitarbeiterinnen“ aus.
Schließlich wurde in Ostdeutschland Ursula Jöhrmann 1975 als erste Pastorin ordiniert. Wenige Jahre später nahm Pastorin Carmen Rossol in Westdeutschland ihr Amt auf. So sammelten die Baptisten erste positive Erfahrungen. Dabei wurden Frauen im Verkündigungsdienst allerdings nicht als Pastorin, sondern als „Theologische Mitarbeiterin“ bezeichnet. Nach intensiven Auseinandersetzungen kam es 1992 zum offiziellen Beschluss, Pastorinnen fest in den Dienst aufzunehmen.
Pastorinnen im Dienst der Baptisten
Heute sind Frauen im Gemeindedienst der Baptisten fest verankert. Zurzeit werden 69 Pastorenämter der Ev.-Freikirchlichen Gemeinden von Frauen belegt (Stand: 04.10.2010). Bei insgesamt 587 aktiven Pastoren liegt der Frauenanteil somit bei rund zwölf Prozent. Ein beträchtlicher Anteil, der aus dem Gemeindebund nicht mehr wegzudenken ist. Das bestätigt auch Pastor Friedrich Schneider, Mitglied der Bundesgeschäftsstelle.
Schneider betont gegenüber ERF Online: „Es wäre völlig undenkbar, dass der BEFG auf die große Zahl qualifizierter Frauen in Verkündigung und Leitungen verzichten würde.“ Frauen sind bei den Baptisten in der Tat nicht nur in der Verkündigung aktiv, sondern führen auch höhere leitende Ämter aus. Pastorin Regina Claas z.B. ist Generalsekretärin im BEFG. Auch das Präsidium und andere Leitungsgremien der Landesverbände werden durch die Arbeit engagierter Frauen beeinflusst.
Frauenordination kein Thema mehr?
Trotz vieler positiver Entwicklungen ist die Diskussion über die Frauenordination noch längst nicht abgeschlossen. Der Dienst der Pastorin wird seit dem Beschluss des Bundesrates der BEFG nicht in jeder Baptistengemeinde automatisch anerkannt. Jeder einzelnen Gemeinde steht es frei, Pastorinnen in den Dienst zu stellen oder nicht. Die Entscheidung ist nicht Teil der Bundesgeschäftsstelle, sondern Sache der jeweiligen „leitenden Personen und aktuellen Strömungen“, so Schneider.
Diese Autonomie der einzelnen Ortsgemeinden rührt daher, dass der Beschluss des Bundesrates nicht verpflichtet. Untereinander sind die Gemeinden in erster Linie „durch den einen Herrn und den einen Geist“ verbunden. Der organisatorische Zusammenschluss ist im Glaubensverständnis der Baptisten zweitrangig. Darum genießt jede Gemeinde die Freiheit, selbst über die Einstellung einer Pastorin zu entscheiden.
Die Kanzel wird zugänglicher für Frauen
Frauenordination ist kein Thema, das nur im BEFG behandelt wird. Auch andere Denominationen setzen sich damit auseinander. Die evangelische Landeskirche zum Beispiel stellte vor rund 50 Jahren die erste evangelische Pfarrerin ein. Sie trat ihr Amt 1958 an. 1991 führte Bayern als letzte Gliedkirche die Frauenordination ein. In den letzten 20 Jahren wird das Thema zunehmend auch in den Freikirchen diskutiert.
Eine Grundsatzdiskussion
Die Entwicklung der letzten Jahre und Jahrzehnte zeigt, dass die Frage nach der Frauenordination nach der evangelischen Landeskirche auch die Freikirchen zunehmend beschäftigt. Selbst wenn in naher Zukunft ein Großteil der Kirchen der Frauenordination zustimmen sollte, ist die Diskussion um dieses Thema jedoch längst nicht zu Ende. Wie bei den Baptisten bleiben innerhalb der Kirchen oft unterschiedliche Meinungen. Die grundsätzliche Frage, ob eine Frau biblisch gesehen im Dienst der Verkündigung stehen darf, wird aktuell bleiben und auch weiterhin stark von Tradition, theologischer Prägung und dem jeweiligen Bibelverständnis abhängen.