26.05.2015 / Buchrezension

Einmal Himmel und zurück

Warum „Ich kam zurück“ mehr als eine spannende Nahtoderfahrung enthält.

Christliche Berichte und Bücher, die eine Nahtoderfahrung beschreiben, gibt es mittlerweile fast wie Sand am Meer. War ein weiteres Exemplar unbedingt notwendig? „Ich kam zurück. Eine junge Muslimin erlebt den Himmel“ musste meiner Meinung nach trotzdem geschrieben werden. Anders als der Titel vermuten lässt, kann man Samaa Habibs* Lebensgeschichte keineswegs auf diese Erfahrung reduzieren. Denn die Christin mit muslimischem Hintergrund lebt ihren Glauben radikal und erlebt eine ganze Bandbreite an Konsequenzen: Inneren Frieden im Bürgerkrieg, übernatürliche Kräfte bei äußeren Angriffen, aber genauso Verfolgung.   

Samaa Habib hat ihre Geschichte gemeinsam mit Autorin Bodie Thoene verfasst. "Ich kam zurück. Eine junge Muslimin erlebt den Himmel" ist am 13. Februar 2015 im Brunnen Verlag erschienen.  

Samaa darf entscheiden: Himmel oder Erde

Samaa Habib lebt als jüngste Tochter einer islamischen Familie im Nahen Osten. Als ein Bürgerkrieg über ihr Land hereinbricht, regieren Armut und Gewalt in den Städten. Um sich als Mädchen Angriffen auf der Straße entgegensetzen zu können, besucht sie einen Taekwondo-Kurs. Beim Sporttraining erzählt der Kursleiter frei von seinem christlichen Glauben – trotz muslimischen Umfelds.

Samaa ist fasziniert. Und lässt sich kurzerhand zu einem Gottesdienst einladen. Es herrscht eine liebevolle Atmosphäre in der Kirche. Die warmen Worte des Predigers und die Ruhe, die sie in sich spürt, bewirken, dass sie ihr Leben mit Jesus leben will. Diese Entscheidung hat große Auswirkungen: Sooft sie kann, liest sie in ihrer geschenkten Bibel und besucht Gottesdienste. Außerdem erlebt sie immer wieder ganz praktisch Gottes Eingreifen. Mehrmals wird Samaa von Männern auf der Straße angegriffen. Die junge Christin hat Angst, vergewaltigt zu werden und schreit darum zu Gott. In all diesen Situationen bekommt Samaa übernatürliche Kräfte – sie  vergleicht es mit Simson aus der Bibel – und kann sich ihren Angreifern zur Wehr setzen.

Bei einer Explosion in ihrer Kirchengemeinde stirbt Samaa dann. Ihre Seele steigt in den Himmel auf, wo sie Jesus begegnet. Jesus überlässt Samaa die Wahl: Möchte sie bei ihm bleiben oder zurück auf die Erde gehen, um ihrer Familie mehr von ihm zu erzählen? Schließlich glaubt noch nicht ihre gesamte Familie an Jesus. Samaa entschließt sich, zurückzukehren.

Nah und authentisch

Samaas Lebensgeschichte ist fesselnd. Die Ereignisse sind nämlich aus ihrer Perspektive erzählt und bieten Einblick in ihre Gefühls- und Gedankenwelt. Als Samaa ihren Taekwondo-Trainer zum ersten Mal in den Gottesdienst begleitet, beschreibt sie zum Beispiel, wie die Christen auf sie wirken: „Was für eine Freude sie ausstrahlten – wenn ich doch auch so eine Freude hätte! Die Brutalität des Krieges hatte mich in ein Loch von Hoffnungslosigkeit gedrückt – und hier, um mich herum, waren ganz normale Menschen, die genauso viel, ja vielleicht sogar mehr mitgemacht hatten als ich und die sich trotzdem freuen konnten. Ich war fasziniert.“ (Seite 80) Der Leser kann sich darum gut in Samaa hineinversetzen und ihre Eindrücke nachempfinden.

Auf der anderen Seite ist man beeindruckt, wie konsequent Samaa ihre Entscheidungen in die Tat umsetzt. Obwohl sie weiß, dass sie in ihrem Land für ihren Glauben an Jesus verfolgt wird, erzählt sie jedem davon. Ihre Gesprächspartner reagieren selten nachdenklich, sondern meist aggressiv. Dennoch kommt Samaa zu dem Fazit: „Wir hörten nicht auf, den Menschen Jesus zu bringen. Dies hatte seinen Preis, der Verfolgung hieß, aber tief drinnen hatten wir eine Freude und einen Frieden, die nichts erschüttern konnte.“ (S.115) Samaa tritt deswegen als authentisches Vorbild auf, ohne den Leser von „ihren großen Taten“ beeindrucken zu wollen.

Nur ein Höhepunkt?

Leider geben Titel und Erzählstruktur einen klaren Höhepunkt vor: Samaas Nahtoderfahrung. Mit ihrem Sterben beginnt die Geschichte, dann erfolgt eine Rückblende, die chronologisch zu der Explosion führt. Insgesamt macht ihre direkte Begegnung mit Jesus nur einen minimalen Teil der gesamten Schilderung aus. Zum Zeitpunkt dieser Erfahrung lebt Samaa bereits ein kompromissloses Leben als Nachfolgerin Jesu, weshalb der Untertitel „Eine junge Muslimin erlebt den Himmel“ (erste Auflage 2015) Verwirrung stiftet. Ein „Marketingfehler“?

Fazit: Das Buch lässt sich mit seinen 266 Seiten aufgrund der nahezu anhaltenden Spannung in wenigen Tagen komplett durchlesen. Doch das, was das Buch vermittelt, hält länger an: Samaas Geschichte zeigt einen kompromiss- und selbstlosen Lebensstil – und fordert den Leser ebenfalls dazu heraus. Absolut lesenswert!


*Samaa Habib ist ein Pseudonym.

Autor/-in: Christine Keller