16.08.2010 / Angedacht

Die dunkle Seite der Medaille

Sünde wird von Christen jeder Couleur gerne verharmlost. Dabei bietet ein realistischer Blick einige Vorteile. Ein heilsamer Blick auf das Übel.

Die biblischen Autoren sind alles andere als wortkarg, wenn es um Sünde geht. Mit 20 verschiedenen Begriffen beschreiben sie, was hinter dem etwas angestaubten Wort steckt: nicht dem Willen Gottes entsprechen, das Ziel verfehlen, gesetzlos, unrecht und treulos handeln.

Faule Fische und üble Schlangenbrut
Noch anschaulicher beschreiben sie die, die Sünde tun: Sie sind falsche Brüder, Kinder des Zorns, Synagogen des Satans. Sie werden verglichen mit blinden Blindenführern, faulen Fischen und übler Schlangenbrut. Ja, so drastisch schreibt die Bibel über Sünder. Harmlos ist etwas anderes.

Und wer die Bibel weiter liest und in diese Welt voller Ungerechtigkeit schaut, merkt: Sünde durchzieht alles. Vergangenheit und Gegenwart triefen geradezu vor Lüge, Gewalt und Tod. Die Sünde durchtränkt das menschliche Wesen, unseren Alltag, unsere Beziehungen, unsere Entscheidungen – auch im Jahr 2010, auch unter Christen. Wer von uns heute könnte den ersten Stein werfen?

„Meine Sünden will ich behalten.“
Bloß: Mit der ganzen Tragweite dieser Tatsache im Bewusstsein, lässt sich nun mal schlecht leben, kein Alltag gestalten. Niemand hält die schier aussichtslose Lage dieser Welt im Kopf aus. Deshalb hat sich der Mensch eine Reihe von Wegen ausgedacht, die Sünde zu verharmlosen, zu rationalisieren und zu verniedlichen. Auch Christen zeigen hier einen großen Einfallsreichtum, wie drei Beispiele zeigen.

Erste Verharmlosung: Man nennt Sünde nicht mehr beim Namen. „Halb so schlimm, Gott ist doch ein liebender Vater.“, sagt man, und verteilt eimerweise billige Gnade. Die tragisch-tödliche Dimension von Sünde hat man völlig aus dem Blick verloren. Noch doller: Man besteht sogar auf seine Sünde und fügt sie schlicht in die Reihe der Fehler ein, aus denen man bekanntlich lernt. Wie Jürgen Fliege in diesem Zusammenhang so schön sagte: „Meine Sünden will ich behalten.“

Wohl sortierte Auswahl an Vergehen
Zweite Verharmlosung: Man nennt Sünde sehrwohl beim Namen, verpackt sie aber in praktische, leicht verständliche Schubladen und klebt wohlklingende Namen drauf: Todsünden, himmelschreiende Sünden, lässliche Sünden und dergleichen. Natürlich klingt Todsünde dramatisch, natürlich ist ein Mord gravierender als ein Diebstahl. Doch ein paar Etiketten werden dem alles umfassenden, unsagbar tödlichen und von Gott trennenden Charakter der Sünde nicht gerecht. Wer sündigt, macht nicht bloß eine Schublade auf. Sünde bringt immer die Beziehung zu dem durch und durch heiligen Gott durcheinander. Auch bei einer lässlichen Sünde.

Dritte Verharmlosung: Man nennt Sünde beim Namen, meint faktisch aber nur eine wohl sortierte Auswahl an Vergehen: das Abschreiben in der Schule, Selbstbefriedigung, Ehebruch und das Schummeln bei der Steuererklärung. Wer das noch nie gemacht hat oder einigermaßen im Griff hat, lehnt sich entspannt zurück und denkt: So schlecht bin ich doch gar nicht. Auch wer so vereinfachend von Sünde denkt, hat ihre Tragweite noch längst nicht begriffen. Nicht wir haben die Sünde im Griff. Es ist umgekehrt.

Völlig verstrickt
Sünde ist das Übel, das diese Welt im Griff hat. Die Welt liegt im Argen, ist geknechtet unter der Herrschaft des Bösen (1 Joh 5, 19; Joh 12, 31). Wir sind in Sünde verstrickt und handeln selbst als Christen gegen Gottes Willen (Rö 7, 19), wir werden krank und sterben. Und selbst für den, der es gut meint, ist die Lage manchmal so verzwickt, dass er nur schuldig werden kann – egal wie er handelt (s.a. Rö 7, 21).

Warum dieser einseitige Blick auf die dunkle Seite der Medaille? Sind Christen nicht eine neue Kreatur? Sind sie nicht zur Heiligung berufen? Ist das Reich Gottes nicht angebrochen? Doch, natürlich! Trotzdem sind wir noch nicht verherrlicht, leben noch nicht im Himmel und sündlos sind wir auch nicht.

Erschrecken vor der Ernsthaftigkeit
Erst der Blick auf die dunkle Seite der Medaille lässt die helle Seite so recht erstrahlen. Und nur beide Seiten liefern das ganze Bild. Wer nicht verstanden hat, wie verloren er ist, wird die Gnade nicht recht wertschätzen können. Wer die weitrechenden Auswirkungen von Sünde nicht im Blick hat, wird weiter rational damit umgehen. Wer nicht begriffen hat, wie umfassend und tödlich Sünde ist, wird immer noch meinen, gar nicht so schlecht dazustehen.

Von Zeit zu Zeit scheint es notwendig, die strahlend schöne Medaille der Gnade und Errettung umzudrehen und vor der Ernsthaftigkeit der Lage zu erschrecken. Nicht, um sich selbst zu zerknirschen oder als Pessimist der Nation in die Geschichte einzugehen. Wohl aber, um neu nachvollziehen zu können, was Jesus für uns Menschen bewirkt hat. Nur dann kann sich wirkliche Dankbarkeit breitmachen. Nur dann wissen wir, wie nötig wir auch heute Gottes Gnade haben. Nur dann können wir wirklich gnädig mit unseren Mitmenschen umgehen.

Zu dieser Erkenntnis kann ich zum Beispiel in der Beichte kommen, also beim Schuldbekenntnis vor einem Mitchristen. Schade, dass diese Praxis für viele eine negativ belegte Geschichte hat. Denn gerade hier wird mir die Schwere von Schuld besonders deutlich. Hier kommt die Sünde ans Licht, ich kann nicht mehr um den heißen Brei herumreden. Der gemeinsame Blick auf meine dunkle Seite ist unangenehm und zerschlägt allen Stolz, Selbstbetrug und alles Maskentragen. Er ist schmerzhaft, letztlich aber wohltuend. Mag der Blick auf meine Schuld und der Schritt zur Beichte also auch schmerzlich sein: Heilsam sind beide allemal.

Autor/-in: Joachim Bär