20.11.2013 / Kommentar

Der Sonntag ist kein Werktag

Warum Läden und Videotheken sonntags geschlossen haben sollten.

Während am Sonntag viele Familien den Tag gemeinsam gestalten und sie bewusst Zeit miteinander erleben, gibt es immer noch zu viele Menschen, die genau das nicht können: Sie sind sonntags an ihren gewohnten Arbeitsplätzen und gehen werktäglichen Pflichten nach. Natürlich: Bei einem medizinischen Notfall möchte ich auch am Sonntag gerne im Krankenhaus versorgt werden. Doch muss ich unbedingt einkaufen gehen, oder mir eine DVD aus der Videothek leihen? Nein! So wichtig ist das nicht. Wichtiger ist, dass der Sonntag für mehr Menschen als bisher ein freier Tag wird.

Gesunde Familien prägen die Gesellschaft

Daher begrüße ich den angestoßenen Prozess im Land Hessen, Videotheken und Call-Center am Sonntag zu schließen. Zur Zeit liegt der Spielball im Feld des Bundesverwaltungsgerichts, wie mir ein Sprecher des Hessischen Verwaltungsgerichtshofs am 4. November mitteilte. Der Prozess läuft also noch. Ich hoffe, dass das Urteil zugunsten der Mitarbeiter fällt, damit der Zusammenhalt in den Familien gestärkt wird. Unsere Gesellschaft braucht gesunde Familien!   

Während seine Familie sonntags morgens frühstückt und sich für den Gottesdienst fertig macht, sitzt der Sonntagsarbeiter im Call-Center und gibt Frau Schneider Auskunft darüber, ob ein neues Schnäppchen für eine Reise nach Korsika vorhanden ist. Sein Tagesrhythmus an diesem Tag ist ein anderer als der seiner Familie. Das macht es schwer, den freien Tag gemeinsam zu gestalten. Schnell schleicht es sich ein, dass jeder sein eigenes Ding macht und kaum mehr gemeinsame Aktionen als Familie stattfinden. Die Beziehungen untereinander leiden essenziell darunter, denn gerade die Gespräche beim gemeinsamen Essen und Ausflügen fördern den Zusammenhalt. Ist das vielleicht ein Grund für die steigende Scheidungsrate in Deutschland?

Nötig: Ruhe im Terminkalender

Neben gesunden Beziehungen ist Ruhe und Entspannung für jeden Menschen ein Grundbedürfnis. Und zwar Ruhe in regelmäßigen Abständen: Jeden 7. Tag. Nur wer ruht, hat auch wieder Energie für die neue Woche. Der feste Rhythmus von sechs Werktagen und einem freien Tag bringt Beständigkeit in die Woche. In den zehn Geboten lädt Gott den Menschen dazu ein, sich diesen freien Tag zu gönnen, um sich von der Arbeit auszuruhen, sich selbst etwas Gutes zu tun und die freie Zeit mit schönen Dingen zu füllen.

Klar: Statt dem freien Sonntag hat dann der Sonntagsarbeiter beispielweise einen freien Mittwoch. Doch dieser ist kein adäquater Ersatz. Denn es ist wesentlich schwieriger, sich Ruhe an einem Tag zu gönnen, an dem die anderen Familienmitglieder ihren Alltag leben. Außerdem stapelt sich die Hausarbeit, die Ärzte haben Sprechzeiten und der Kühlschrank ist leer. Der Mittwoch ist eben kein Sonntag, der Mittwoch ist ein Werktag.

Die fehlende Ruhe wirkt sich mit der Zeit negativ auf den Sonntagsmitarbeiter aus. Er wird gereizt, ist angespannt und nicht selten führt das permanente Malochen zu einem Burnout. Bereits 2015 sollen laut der World Health Organization die Burnout-Patienten zahlenmäßig vor den Krebserkrankungen liegen. Diese Prognose ist erschreckend und fordert heraus, über den grundlegenden Umgang mit persönlichen Ressourcen nachzudenken. Vielleicht ist es wieder dran, dass Ruhe in unserer Gesellschaft einen festen Platz im Terminkalender bekommt.

Die Konsequenzen betreffen mich 

Die Gründe gegen Sonntagsarbeit liegen auf der Hand. Es täte Freundschaften und Beziehungen gut, auch das innere Gleichgewicht der Sonntagsarbeiter würde widerhergestellt. Doch die Umsetzung des freien Tages hätte gravierende Folgen für meinen Sonntag. Denn schließlich müssen die Menschen arbeiten, weil meine Einstellung „Jetzt – Alles – Sofort“ ist.

Wenn die Sonntagsarbeit an allen möglichen Stellen eingestellt werden würde, müsste ich auf meine heißgeliebten Sonntagsbrötchen zukünftig verzichten. Und auf das Eis im Café. Und auf den Kinobesuch. Ganz schön harter Tobak!

Dennoch: Ich bin bereit zu verzichten. Damit Familien wieder zueinander finden und gemeinsam den Ruhetag feiern können. 


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Autor/-in: Nelli Bangert