28.01.2010 / Andacht

Der kleine Pharisäer in mir

Nach außen hin scheint bei vielen alles in Ordnung zu sein. Die Frage ist: Wie sieht es hinter der Fassade aus?

Es war in der Pause zwischen zwei Vorlesungen. Mein Studienkollege kritzelte auf seinem Block herum und wir kamen ins Gespräch. Im Spaß meinte er irgendwann beiläufig: „Wenn ich mal groß bin, schreibe ich ein Buch mit dem Titel ‚Der kleine Pharisäer in mir’.“ Das verblüffte mich total: Gerade dieser Mitstudent wirkte auf mich überhaupt nicht pharisäerhaft.

Von mir selbst kenne ich das eher. Nehmen wir das Stichwort Barmherzigkeit. Da ich relativ leistungsstark und gesund bin, kann ich meine Pläne meistens so durchziehen, wie ich es mir gedacht habe. Menschen, die das nicht so auf die Reihe bekommen, unterstelle ich schnell, dass sie unfähig sind, sich richtig zu organisieren. Die sollen sich bitte schön mal ein bisschen mehr anstrengen! Von Barmherzigkeit keine Spur.

Außen hui, innen pfui

Was bringt es, wenn ich äußerlich funktioniere, aber andere Menschen verurteile, weil sie nicht so leistungsstark sind? Oberflächlich gesehen mag dann zwar alles in Ordnung sein, aber innerlich vereinsame ich und lebe nicht so, wie Gott es von mir möchte. Das hat Jesus schon seinen Zeitgenossen ziemlich deutlich gesagt:

Wehe euch Gesetzeslehrern und Pharisäern! Ihr Scheinheiligen! Ihr gebt Gott den Zehnten Teil von allem, sogar noch von Gewürzen wie Minze, Dill und Kümmel; aber um das Wichtigste an seinem Gesetz, um Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue, darum kümmert ihr euch nicht. Dies solltet ihr tun, ohne das andere zu lassen! (Matthäus 23,23).

Dieser Bibelvers erinnert mich daran, dass es Wichtigeres gibt, als eine perfekte Fassade. Ich empfinde das nicht als Vorwurf, sondern als heilsam. Jesus hat ja nicht deswegen Klartext mit den Pharisäern gesprochen, weil er sie fertigmachen wollte. Er wollte ihnen zeigen, dass sie so nicht weitermachen können, wenn sie zu Gottes neuer Welt dazu gehören wollen.

Anders werden

Ich bin froh, dass Jesus mir den Spiegel seiner Worte genau so vorhält, wie er es bei den Pharisäern gemacht hat. Er hat weder die Pharisäer im Alten Israel abgeschrieben, noch den kleinen Pharisäer, der in mir sein Unwesen treibt. Sein Ziel ist es, dass ich mir und ihm offen eingestehe, dass vieles in mir nicht so ist, wie es sein sollte.

Wenn das passiert ist, ist der nächste Schritt dran: Ich kann Jesus bitten, dass er mir mein unbarmherziges Verhalten vergibt und mir hilft, anders zu werden. Dieser Veränderungsprozess ist nicht einfach. Aber ich weiß, dass ich immer wieder neu um Vergebung und Hilfe bitten kann.

Das Gespräch mit meinem Mitstudent war ein Impuls, der mir geholfen hat, diese Schritte zu gehen. Ich dachte mir: Wenn selbst er mit einem solchen Verhalten zu kämpfen hat, dann brauche ich nicht mehr so zu tun, als ob bei mir alles in Ordnung ist.

Vielleicht sollten wir uns öfter darüber unterhalten, welche Bücher wir mal schreiben wollen, wenn wir endlich groß sind…

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