19.01.2016 / Service Artikel

Das steht mir doch zu!

Erben ist ein heikles Thema. Was genau hat Jesus dazu gesagt?

Geld regiert die Welt, sagt man. Und da ist was dran. Wer kein Geld hat, will welches. Wer Geld hat, will noch mehr. Um Luxus und Macht muss es aber nicht einmal gehen. Ohne Geld kommen wir schlicht nicht aus, wie schon der nächste Einkauf im Supermarkt zeigt.

Jeder braucht also Geld. Und beim Erben gibt’s welches. Darum erleben wir beim Thema Nachlass oft auch sehr viel Kälte, harte Herzen und Misstrauen. Da liegt es nahe, dass die Beteiligten ungerecht behandelt werden. Oder sich so fühlen.

In der Seelsorge begegnet uns das Thema immer wieder, wie folgende Beispiele zeigen:

Ungerechtigkeit tut weh

Dass sich Erben ungerecht behandelt fühlen, gibt es also auch bei Christen – egal ob die Eltern oder Geschwister auch Christen sind oder nicht. Es entsteht die Überzeugung: Ich werde ungerecht behandelt! Es ist letztlich egal, ob es objektiv auch so ist oder ob ich es nur so empfinde, weil ich andere Vorstellungen habe. Zumindest fühle ich mich ungerecht behandelt. Und das geht nicht spurlos an mir vorüber.

Wie gehe ich aber nun mit solcher Ungerechtigkeit um? Was kann ich tun, wenn mein Erbteil mir vorenthalten wird oder auch nur ein Teil davon? Was kann ich tun, wenn ich mich ungerecht behandelt fühle?

Gerade für Christen ist es interessant, mit diesen Fragen im Kopf einen Blick in die Bibel zu werfen. Frei nach dem Motto: „Frage doch zuerst nach dem Wort des Herrn!“ (2. Chronik 18, 4). Früher oder später stößt man auf eine bemerkenswerte Passage im Neuen Testament, in der Jesus sich direkt zum Thema Erben äußert. Wie also geht Jesus damit um? Was sagt er zu Erbangelegenheiten?

Was sagt Jesus zum Thema Erben?

Jesus wird einmal direkt aufs Erben angesprochen: „Da rief einer aus der Menge: »Meister, sag doch meinem Bruder, dass er das väterliche Erbe mit mir teilen soll.“ Jesus erwiderte: »Wer hat mich zum Richter über euch gemacht, um in solchen Dingen zu entscheiden?« Und er fuhr fort: »Nehmt euch in Acht! Begehrt nicht das, was ihr nicht habt. Das wahre Leben wird nicht daran gemessen, wie viel wir besitzen.«“ (Lukas 12, 13-15)

Es scheint, als würde Jesus hier spontan in dieser recht profanen Angelegenheit angesprochen. Der Fragesteller hofft vielleicht, dass Jesus ihm hilft, für Gerechtigkeit zu sorgen. Er fühlt sich ungerecht behandelt und bittet Jesus, seine Wünsche zu erfüllen. Adolf Schlatter, ein Schweizer Theologe und Professor für Neues Testament, sagte einmal, dass Ungerechtigkeit beim Erben wie ein stechender Schmerz in der Seele sein kann. Und er hat Recht! Es tut weh und geht nicht spurlos an einem vorbei. Man fühlt sich zurückgesetzt und abgelehnt.

Die Reaktion von Jesus überrascht. Er weist das Anliegen dieses Mannes brüsk zurück und verweigert sich kategorisch, in diese Angelegenheit einzugreifen. Manche sind der Überzeugung, dass es zu dieser Zeit nicht seine Aufgabe war, über weltliche Angelegenheiten zu richten bzw. zu entscheiden. Jesus ist erst Richter, wenn er wiederkommt. Jetzt ist seine Aufgabe, Menschen für das Reich Gottes zu gewinnen. Leon Morris, ein australischer Gelehrter für Neues Testament, brachte es auf den Punkt: „Jesus kam, um Menschen zu Gott, und nicht Besitz zu den Menschen zu bringen.“

Was bedeutet Besitz für mich?

Letztlich sagt Jesus auch: Für weltliche Angelegenheiten gibt es weltliche Gesetze, Gerichte und Instanzen. Meine Priorität sind die himmlischen Güter. Jesus ist also kein Erfüllungsgehilfe für menschliche Wünsche und vermeintliche Rechte in dieser Welt. Jesus geht es vor allem um die Ewigkeit und darum, das ganze Leben auf sie auszurichten.

Trotzdem gibt Jesus Hilfen zum Handeln mit auf den Weg – auch in dieser Angelegenheit. In der Geschichte wird deutlich: Jesus möchte vor allem, dass ich zunächst einmal nachdenke und meine Motive und mein Verhältnis zu Besitz kläre. Das Haben-wollen ist eines der tiefsten Motive unseres Handelns. Mein Wert, mein Leben und meine Ewigkeit hängen aber überhaupt nicht mit meinem Besitz zusammen.

Darum sollte ich mich fragen: „Warum will ich mein vermeintliches Recht?“ „Warum will ich erben?“ Das Begehren konzentriert alle Kräfte auf das Irdische, Materielle. Die Sehnsucht nach Gott erstickt dabei. Jesus betont aber, dass niemand sein Leben durch Überfluss gewinnt.

Die richtigen Prioritäten im Blick behalten

Aber Jesus sagt noch mehr. In den folgenden Versen im Lukas-Evangelium spricht Jesus über mögliche Motive beim Thema Besitz. In den Versen 16-21 erzählt Jesus das Gleichnis vom reichen Bauern. Dieser Mann war ein Großgrundbesitzer und knüpfte sein Seelenheil und sein gegenwärtiges und zukünftiges Leben an irdische Güter. Er will für seine Seele, also für sich sorgen. Sein Beweggrund dafür sind irdische Werte. Dabei macht er aber drei Fehler:

Das zwölfte Kapitel des Lukasevangeliums bietet noch mehr Hinweise zum Thema. In den Versen 22-34 spricht Jesus noch einmal über Geld und Besitz. Sein Fokus hier: sich um die täglichen Belange Sorgen machen. Jesus sagt nicht, dass wir uns um nichts mehr kümmern sollten. Er betont aber, dass wir uns keine Sorgen um die Zukunft machen sollen. Das ist ein gewaltiger Unterschied! Wenn wir uns sorgen, geht es meistens immer um unsere Sicherheit in der Gegenwart und Zukunft. Wir wollen alle Schäfchen im Trockenen haben – und letztlich unabhängig von Gott werden.

Gottes Maßstäbe beim Erben

Jesus hingegen bringt drei Beispiele, die gerade die Abhängigkeit von Gott betonen. Er erwähnt erstens die Raben und zweitens die Lilien, die Gott versorgt. Außerdem bekräftigt er, dass kein Mensch sein Leben auch nur um eine Minute verlängern kann. Wenn Gott ruft, muss der Mensch sterben. Der Mensch bleibt immer – ob er es nun glaubt und will oder nicht – von Gott abhängig.

Jesus appelliert hier an unseren Verstand und Willen, nicht an unser momentanes Gefühl. Er will, dass wir überlegen und nachdenken: Wie kann ich wirklich für mein Leben sorgen: Indem ich mehr besitze, oder indem ich mich an Gott hänge? Jesus möchte, dass unsere momentanen negativen Gefühle uns nicht die Entscheidung abnehmen, welche Priorität wir wählen.

Unsere Aufgabe ist also nicht das Nachdenken über das Alltägliche und das Zukünftige. Deshalb müssen wir auch nicht unruhig werden, wenn etwas anders läuft als wir es uns wünschen. Gott sorgt für uns wie ein Vater. Unsere einzige Sorge soll es sein, dass das Reich Gottes ausgebreitet wird, dass wir uns in erster Linie danach ausstrecken, dass das Evangelium weitergesagt wird. Dann gibt Gott uns alles, was wir wirklich brauchen. Oft noch viel mehr.

Jesus legt in den folgenden Versen 35-48 noch einen Punkt nach: Er wird wiederkommen. Auch hier wirbt er dafür, dass wir bei allen persönlichen Fragen und in allen Lebenslagen nicht vergessen, auf was es ankommt. Nicht auf Besitz, sondern auf das ewige Leben bei Gott, in dem ganz andere Maßstäbe gelten.

Wie es konkret aussehen kann

Was heißt das nun für uns heute? Zunächst einmal sollte ich mich fragen, was meine Motive beim Erben sind. Und auch wozu ich mein Recht haben will. Habe ich auch moralisch gesehen ein Recht auf ein Erbe, losgelöst von den gesetzlichen Bestimmungen in Deutschland?

Wenn das geklärt ist, dann kann ich einzelne Schritte gehen. Ein Weg könnte sein, mit den Eltern zu reden, wenn sie noch leben. Oder mit den Geschwistern. Hier kann ich die Frage aufwerfen, ob es nicht eine andere Möglichkeit rund um das jeweilige Erbe gibt. Hier kann ich davon berichten, in welcher Situation oder Notlage ich stecke. Manchmal kann es hilfreich sein, einen Mediator (einen so genannten „Schiedsrichter“) dazu zu holen. Das kann ein Mensch aus der christlichen oder örtlichen Gemeinde sein.

Für weltliche Angelegenheiten gibt es aber auch weltliche Instanzen. Die kann jeder Bürger dieses Landes nutzen. Auch Christen. Jesus sagt in einer anderen Situation: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist!“ Christen sind nicht völlig herausgelöst aus den staatlichen und rechtlichen Bezügen dieser Welt. Die Möglichkeit, bei aller Vorsicht (s. 1 Kor 6, 1-8) mein Recht auch einzuklagen, habe ich, wenn ich sie wünsche.

Jeder Fall ein Unikat

Jeder Fall bleibt aber ein Einzelfall. Sich manchmal sogar Unrecht zufügen zu lassen, kann der richtige Weg sein. Manchmal ist es aber auch dran, das Unrecht einzudämmen. Die wichtigste Frage ist daher die ganz persönliche Frage an Gott: „Herr, was willst du, dass ich jetzt tue?“

Es gibt also nicht die eine Antwort für alle. Denn auch Jesus sagt in solchen Angelegenheiten nicht: Tu dies oder tu das. Er möchte aber, dass wir nachdenken und nach seinem Willen fragen und dann den Weg gehen. Zusammen mit ihm wird es ein guter sein.