28.02.2011 / Kommentar
Darf man Predigten abschreiben?
Was dem Verdeidigungsminister zu Guttenberg verboten ist, sollte doch auch für die Kirche gelten. Oder doch nicht? - Ein Kommentar von Udo Vach
Ein Kommentar von Udo Vach, veröffentlicht am 22. Februar 2011 im Nachrichtenmagazin Idea (Heft Nr.8):
Schon Goethe hat sinngemäß gesagt, dass er keine Spinne sei, die alle Gedankenfäden neu erfinden würde. Der von mir sehr geschätzte Homiletikprofessor Rudolf Bohren empfahl sogar Verkündigern geistigen Diebstahl. Doch dabei hat er sicher nicht an solche Fälle wie diesen gedacht: Ein bekannter Evangelist hält im ERF einen längeren Vortrag. Anschließend kann der Autor eines Buches nachweisen, dass dieser Gottesmann die Rede fast wortwörtlich aus seinem Werk abgeschrieben hat. Oder ich sitze unter einer Kanzel und höre zu meiner Überraschung ein von mir selbst erdachtes Beispiel. Internet macht´s möglich.
Ich habe nichts dagegen, wenn einer meine Gedanken weitergibt. Auch ich habe sie ja höchstwahrscheinlich nicht als erster gedacht. Aber wenn einer längere Passagen oder sogar ganze Predigten von anderen übernimmt, muss er das fremde Gedankengut kenntlich machen. Darüber hinaus merken gebildete Predigthörer sehr bald, ob die gehörte Predigt dem Denkvermögen ihres Pastor entspricht. Manch einer kann die geklauten Geistesblitze noch nicht einmal richtig zur Sprache bringen. Die Predigt muss eben zum Prediger passen. Dagegen ist es doch nicht schlimm, wenn ich sage, dass ich den guten Gedanken oder die wunderbare Geschichte einem anderen verdanke.
Dieses Votum bezieht sich nur auf die handwerkliche Arbeit. Eine ganz andere Frage ist, was der göttliche Auftraggeber davon hält und ob ihm da nicht eines seiner Gebote einfällt (2.Mose 20,15), bei aller Barmherzigkeit, die er mit unseren Predigten haben muss und auch hat.