09.09.2026 / Buchauszug

Darf ich auf Gott wütend sein?

In „Nicht heil. Und doch ganz“ schreibt Judith Beständig ehrlich über Brüche und Zweifel. Ein Buchauszug.

Buchcover „Nicht heil. Und doch ganz“ (Copyright: Neukirchener Verlagsgesellschaft)

Vor Gott echt sein, ihm ehrlich meine Wut zeigen, auch meine Wut auf ihn? Geht das? Darf ich das? Und wie setze ich hier an. Zu diesen und anderen Lebens- und Glaubensfragen hat sich Judith Beständig in ihrem Buch „Nicht heil. Und doch ganz: 52 ehrliche Texte über Brüche, Zweifel und neue Stärke“ Gedanken gemacht. Ganz authentisch, ganz echt und alltagsnah.

Aus ihrer eigenen Erfahrung gibt sie unter anderem Tipps, wie sie mit ihrer Wut zu Gott kommt. Wir veröffentlichen mit freundlicher Genehmigung der Neukirchener Verlage einen Auszug aus ihrem Buch.

Warst du schon mal wütend auf Gott? Ja? Nein? Darf man das eigentlich?

Wut hat meiner Meinung nach einen ziemlich schlechten Ruf. Spontane Bilder, die ich im Kopf habe, sind z.B. ein ca. 3-jähriges Kind, das im Supermarkt schreiend und tobend auf den Boden stampft, weil es keine Süßigkeiten bekommt; oder ein schreiender Mensch mit hochrotem Kopf, der fast explodiert.

Wut als Signal und Zeichen von Beziehung

Wut ist eines der menschlichen Grundgefühle. Alle Menschen kennen sie, unabhängig von Herkunft oder Kultur. Wut ist im Grund genommen eine Reaktion auf etwas. Sie entwickelt sich zum Beispiel bei wahrgenommener Ungerechtigkeit, einer Grenzüberschreitung, Kontrollverlust, wenn unsere Erwartungen enttäuscht werden oder jemand uns schadet. Wut richtet sich immer gegen etwas oder jemanden. Wut ist keine Sünde. Sie ist ein Signal. Und wir entscheiden, wie wir nach diesem Signal weitermachen.

Aber darf ich wütend sein auf Gott? Ich denke, Gott hat uns mit unseren Primäremotionen geschaffen. Wieso sollten wir sie dann nicht empfinden dürfen?

Unsere Wut drückt erstmal aus, dass wir enttäuscht sind. Oftmals empfinden wir sie in Situationen, in denen wir sein Eingreifen vermisst haben oder auf sein Zeichen gewartet haben.

Wenn wir beten und keine Antwort bekommen. Wenn Gott etwas hätte verhindern können, aber nichts geschehen ist. Wut ist ein Zeichen dafür, dass Vertrauen enttäuscht wurde. Und genau deshalb ist Wut für ein Zeichen für Beziehung. Denn Vertrauen kann nur wirklich enttäuscht werden, wo echte Verbindung war.

Auch die Bibel ist voller Wut

Darf ich diese Wut dann auch ausdrücken? Ich meine, ja. Wut ist eine zutiefst menschliche Erfahrung, die wir zu Gott bringen können. Sie ist keine schlechtere Emotion als zum Beispiel Trauer, Freude oder Angst.

Die Bibel ist voller ausgedrückter menschlicher Erfahrungen – auch der Wut. David klagt in Psalm 44 Gott direkt an, sein Volk in die Hände der Feinde gegeben zu haben. In Psalm 69 schreibt er offen darüber, wie sehr er sich von Gott verlassen und missverstanden fühlt. Psalm 88 gehört zu den dunkelsten Texten in der ganzen Bibel. Er endet ohne Auflösung nur mit der Verzweiflung über Gottes Schweigen.

Auch Jeremia klagt Gott an, weil sein Schmerz unheilbar sei (Jeremia 15). Der Prophet Habakuk fragt Gott direkt: „Wie lange willst du Gewalt ansehen, ohne einzugreifen?“ (vgl. Habakuk 1,2). Selbst Jona war zornig auf Gott, und das nicht wegen eigenem Leid, sondern weil Gott anders handelte, als Jona es für richtig hielt.

Mit Gott zusammen meine Wut regulieren

Wenn also selbst die Bibel voller Wuterzählungen ist – warum sollten wir dann nicht auch mit unserer Wut zu Gott kommen? Ja, auch mit unserer Wut auf Gott.

Stell dir mal vor, du gibst der Wut keinen Raum. Wohin geht sie dann? Gefühle verschwinden nicht einfach. Sie fließen in Beziehungen, Gedanken, den Alltag. Wie bei einem Kochtopf: Wenn Emotionen keinen Raum bekommen, kochen sie irgendwann über.

Aber was, wenn du mit deinem brodelnden Kochtopf zu Gott kommst? Bevor er überkocht. Du kannst ihm ungefiltert zeigen, was in dir hochkocht.

Wenn wir unsere Gefühle benennen, anerkennen, teilen, kann die Hitze reguliert werden. Die Wut wird nicht einfach weg sein. Aber du kannst bei Gott einen sicheren Ort finden, an dem du dich regulieren kannst. Wir lernen, wie wir das Wasser halten können, auch wenn es heiß wird. Und: Es wird auch wieder abkühlen.

Praktische Übung: Schreibe dein eigenes Wutgebet!

Schreib Dinge auf, die du sonst zurückhältst. Benenne konkret, was dich wütend macht. Lass die Emotionen zu, ohne sie zu korrigieren. Erwarte keine „richtige“ Reaktion nach deinem Gebet. Es muss sich nicht sofort Frieden einstellen. Und dann spüre mal rein in deinen sicheren Ort bei Gott. Erkunde ihn.

Aus: Judith Beständig, Was, wenn ich wütend auf Gott bin, in: dies., Nicht heil. Und doch ganz. 52 ehrliche Texte über Brüche, Zweifel und neue Stärke. © 2026 Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn, S. 162-164.
 

Autor/-in: Judith Beständig

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