15.10.2011 / Mein Gott und die Welt
„Beten? Das könnt ihr sein lassen!“
Dieser markige Spruch hat bei Andreas M. die Überzeugung reifen lassen: Ist jemand in Not, ist oft mehr als Gebet angesagt.
Pedro kam zu unserer wöchentlichen Bibel- und Gebetsstunde und erzählte uns von seinem Freund: “Manuel ist aktiver Christ in meiner Heimat, in Brasilien. Er setzt sich schon jahrelang für die Gemeinde ein, übernimmt Verantwortung, kümmert sich um die Kinderarbeit, predigt, besucht Kranke. Jetzt hat er seine Arbeit als Ingenieur verloren. Und weiß nicht, wie er seine fünfköpfige Familie durchbringen soll, weil die Arbeitslosigkeit in seiner Heimatstadt sehr hoch ist.”
Ich kann mich noch gut an unsere Reaktion erinnern: “Das tut uns leid für Manuel – wir wollen für ihn beten!” Petro hingegen reagierte daraufhin ganz anders, als wir ahnten. Etwas ungehalten sagte er: “Beten – das könnt ihr sein lassen!” Und meinte dann: “Helfen, das wäre jetzt angebracht.”
Mehr als "nur" beten
Zuerst waren wir ziemlich geschockt von seiner Antwort. Hallo! Wir sind Christen! Wir beten immer, wenn es jemanden nicht gut geht oder wir von Problemen hören. Wieso sollte das nicht auch jetzt für diesen arbeitslosen Brasilianer gelten? Das haben wir doch immer so gehandhabt! Sollen wir also davon ausgehen, dass Gott unsere Gebete nicht erhört?
Aber nachdem wir ein wenig diskutiert und nachgedacht hatten, begriffen wir. Es muss manchmal mehr geben als “nur” das Beten für Andere. Manchmal ist konkrete Hilfe angesagt. Daher handhabten wir es so: Jeder, dem Manuel auf dem Herzen lag, konnte einen freiwilligen Beitrag als Soforthilfe spenden. Außerdem wollten wir ihn so lange monatlich unterstützen, bis er wieder Arbeit gefunden hätte.
Hand aufs Herz
Es funktionierte. Das notwendige Geld kam zusammen, Pedro überwies es an seinen Freund. Und Manuel und seine ganze Familie waren Gott sehr dankbar, dass dieser die Herzen von Menschen in einem fernen Land angerührt hatte. Nicht nur zu beten, sondern auch tatkräftige Hilfe zu leisten.
Diese Geschichte ist einige Jahre her. Manchmal denke ich, dass wir diese Lektion immer wieder neu lernen müssen. Wenn uns die Not eines Mitmenschen ins Herz trifft, sagen wir schnell: “Wir beten für dich!” Und meinen es sogar ehrlich. Aber – Hand aufs Herz – wie oft treten wir wirklich vor Gott für unseren Freund ein, der seine Arbeit verloren hat? Der krank geworden ist? Der nicht mehr so kann wie früher? Vielleicht am Anfang noch täglich. Dann tritt seine Not wieder in den Hintergrund, verdrängt von aktuellen Anliegen. Und irgendwann sind diese Anliegen gar nicht mehr auf unserer Liste.
Gleich beten und gleich handeln
Beten (=Worte) ist oft einfacher als Handeln (=Taten). Dabei würde sich der Betroffene vielleicht viel mehr freuen, wenn wir ihm Zeit schenken. Ihn besuchen. Zuhören. Oder ihn immer mal wieder anrufen, damit er merkt, dass wir wirkliches Interesse an ihm und seiner Situation haben.
Wenn schon Beten, dann nicht als Versprechen, sondern als aktives Tun. Zum Beispiel könnte man sagen: “Ich weiß, dass du Gott alles zutraust, auch dass er deine Not wenden kann. Ich will für dich bei Gott einstehen. Gemeinsam mit dir. Jetzt.” Und dann kann ich, können Sie mit dem Anderen sofort und gleich beten.
Dieses Gebet ist keine billige Vertröstung mehr. Der Andere merkt gleich, dass es nicht bei gutgemeinten Versprechungen bleibt. Sofortiges und aufrichtiges Gebet kommt als Trost an. Und natürlich noch besser: Gleich Beten und gleich handeln. Das tut dem Herzen und der Seele wohl.
Mehr vom Autor: https://mein-gott-und-die-welt.erf.de