29.10.2012 / Andacht

Aber man müsste doch...

Reicht Gottes Gnade wirklich aus oder muss ich noch etwas dazutun, um von Gott angenommen zu werden? Eine Andacht zu Johannes 3,16.

„Als Christ sollte man jeden Sonntag in den Gottesdienst gehen.“ Wurden Sie auch schon von wohlwollenden Freunden so oder so ähnlich auf ihren spärlichen Gottesdienstbesuch angesprochen? Möglicherweise gibt es auch andere Dinge an Ihrem Verhalten als Christ zu bemängeln. Vielleicht kommen Sie immer zu spät zum Gottesdienst oder arbeiten nicht genug in der Gemeinde mit. Eventuell ertappen Sie sich aber auch selbst dabei, dass Sie andere Christen nach deren Verhalten bewerten.

Viele Zeitgenossen sind davon überzeugt, dass man als Christ mindestens genauso viele Regeln zu befolgen hat wie bei einer Steuererklärung. Und wenn man doch etwas falsch macht, verliert man den Anspruch auf den Himmel genauso schnell wie den Anspruch auf Nachzahlungen der Steuer. Aber stimmt das so?

Wenn man in einige Gemeinden blickt, bekommt man tatsächlich den Eindruck, es ginge beim Christsein vorrangig um das Befolgen von Regeln und dass derjenige, der alle Gebote exakt einhält, einen Sonderplatz im Himmel sicher hat. Aber die wichtigste Nachricht, die wir als Christen kennen, handelt von der Gnade Gottes und nicht von Gesetzen.

Sola Gratia

„Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“, so steht es in Johannes 3,16. Weder meine perfekte Außenfassade noch das Halten der Gebote wird mich nicht in den Himmel bringen. Jesus Christus ist es, der meine Sünden weggenommen hat.

„Sola gratia“ (Allein durch die Gnade), so hat Martin Luther vor einem halben Jahrtausend formuliert, wodurch wir von Gott angenommen sind. Durch Gnade allein bin ich gerettet, nicht durch regelmäßigen Gottesdienstbesuch. Eine Rettung durch fromme Taten gibt es de facto nicht, denn das ist unmöglich. Ich kann Gottes Gebote nicht aus eigener Kraft halten. Wenn ich das versuche, werde ich gesetzlich.

Natürlich ist Gottes Gnade kein Freibrief. Jesus musste für meine Sünden sterben. Meine Verfehlungen waren so groß, dass mein Leben eigentlich der Preis dafür gewesen wäre. Wenn ich mir dessen bewusst bin, gerate ich nicht in Gefahr, gegen Gottes Gebote zu handeln. Doch ich werde befreit von religiösem Leistungsdenken. Gott hat mich so angenommen wie ich bin, mit aller Sünde, mit allen Fehlern und charakterlichen Eigenheiten. Er kann und will mich verändern, aber zunächst kann ich darauf vertrauen: Ich bin angenommen.

Dieses Wissen sollte sich in meinem Umgang mit anderen Christen widerspiegeln. An mancher Stelle mag liebevolle Zurechtweisung angezeigt sein. Doch allgemein sollen wir anderen mit derselben Haltung begegnen, die Gott uns entgegengebracht hat: Mit Vergebung und Gnade.

Autor/-in: Rebecca Schneebeli