Immer wieder erleben wir Kränkungen oder fühlen uns von anderen verletzt. Dabei merken wir, dass es oft gar nicht so leicht ist, zu vergeben. Wenn wir eine Kränkung nicht loslassen, dann gärt es in unserem Inneren. Negative Gefühle wie Wut, Angst oder Schmerz führen schließlich zu Bitterkeit, und das macht Körper und Seele krank.
In den letzten Jahren sind diese schädigenden Folgen immer mehr ins Bewusstsein gekommen, sodass dutzende von wissenschaftlichen Studien durchgeführt wurden.
Medizinische Untersuchungen belegen, wie gesundheitsfördernd es ist, wenn jemand verzeihen und Schuld loslassen kann.
Vergeben wirkt heilsam
Frederic Luskin von der Stanford University hat im Rahmen eines Forschungsprojekts ein psychologisches Training entwickelt, bei dem verbitterte Menschen lernen, ihren Tätern zu verzeihen. Es geht ihm dabei nicht darum, die verletzende Erfahrung aus dem Gedächtnis zu löschen, sondern die zerstörerische Wirkung der Verbitterung zu stoppen. Luskin setzt dabei auf die Kraft der Vergebung und hat folgende Ergebnisse:
- Verzeihen senkt den Blutdruck und das Kortisol im Blut;
- Verzeihen wirkt gegen Rückschmerzen, Depressionen und chronischen Schmerzen;
- Verzeihen unterstützt dabei, angefressene Pfunde loszuwerden;
- Verzeihen hilft gegen Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Schwindel und weitere psychosomatische Beschwerden.
Wenn ich jemandem etwas nachtrage, bestrafe ich mich nur selbst. Wenn mir das bildlich bewusst wird, dass ich einem anderen eine Schuld und damit eine Last sinnlos hinterher trage, dann kann mir das die nötige Motivation geben, endlich aus meinem selbstschädigenden Verhalten auszusteigen.
Vergeben wird blockiert
Was hält uns davon ab, vergeben zu können oder zu wollen?
- Der Schmerz ist zu groß und dadurch vergessen wir die guten und positiven Erfahrungen, die wir mit einer Person gemacht haben.
- Wir möchten es dem anderen heimzahlen, doch der Moment der Genugtuung ist kurz, danach geht es uns häufig nur noch schlechter.
- Wir haben Angst davor, unser Gesicht zu verlieren und glauben, dem anderen einen Freibrief für weitere Verletzungen zu geben.
- Wir wollen Recht behalten, in dem wir einen Schuldigen brauchen, der Strafe verdient hat. Aber wir vergessen dabei, dass wir selbst auch schon schuldig oder ungerecht gewesen sind.
- Selbst wenn wir vergeben wollen, wissen wir nicht wohin mit unserer Kränkung. Pauschales Verzeihen ist oberflächlich und hat keine stabile Grundlage. Schmerzende Gefühle kommen dann häufig wieder zurück.
Vergebung hat etwas mit Schuld zu tun, die bezahlt werden muss. Wenn sie nicht beglichen wird, tragen wir offene Rechnungen mit uns herum und eine dauernde Last bleibt bestehen.
Vergeben ist möglich
Es hilft nur eines: sich den eigenen Gefühlen stellen: Der Zorn muss verarbeitet werden, die Angst will verstanden werden und die Trauer braucht Zeit. Es hilft, herauszufinden, warum dich etwas so verletzt hat – wenn nötig mit fachlicher Hilfe. Oft ist ein Vergebungsprozess notwendig, damit du nicht fremde Schuld weiter in dir trägst.
Das heißt nicht, mal schnell alles zu markieren und auf „Entfernen“ drücken, sondern einzeln „abzurechnen“, indem du jeden Punkt aufschreibst, würdigst und dann löscht beziehungsweise vergibst. Das darf dauern.
Überlege dir auch, was dein eigener Anteil daran war. Wie hast du dazu beigetragen, dass dies passieren konnte? Versetz dich in die Lage des anderen und finde heraus, was dazu geführt haben könnte, dass er/sie sich so verhalten hat.
Wenn es allerdings um Missbrauch oder Ähnliches geht, ist diese Überlegung nicht angebracht und eine Schuldzuweisung durch den Täter musst du abweisen.
Vergeben heißt nicht gutheißen, sondern loslassen, überlassen und frei werden. Das ist ein zentrales Thema in der Bibel. So ermöglicht der christliche Glaube noch eine ganz andere Perspektive als ein rein psychologisches Training, das nützliche Erkenntnisse vermittelt und auch die Wichtigkeit der Vergebung bestätigt.
Jesus hat das Schuldproblem radikal gelöst, indem er alle Schuld(en) auf sich genommen und mit seinem Leben bezahlt hat. Er ist also der, mit dem wir alles abrechnen können. Mit vielen Tätern ist das nicht möglich, weil sie zu mächtig, uneinsichtig oder schon tot sind.
Jesus lädt jeden Menschen ein, mit fremder und eigener Schuld zu ihm zu kommen, um die Sache zu klären, loszulassen, ganz zu überlassen und wirklich frei zu werden.
Eigenverantwortung erkennen
Wenn du es schaffst, dich für die eigene Verbitterung verantwortlich zu fühlen, anstatt ihr zum Opfer zu fallen, gelingt dir der Ausstieg, denn es gibt ihn. Du bist nicht gezwungen, die Bitterkeit weiter zerstörerisch wirken zu lassen.
Ich denke da konkret an eine Frau aus meinem Bekanntenkreis, die als Kind jahrelangen schwersten sexuellen Missbrauch erlebte. Sie hat sich als Erwachsene entschieden, sich nicht weitere Lebensjahre zerstören zu lassen. Und sie wollte keine Kraft verschwenden, um eine (in ihrem Fall aussichtslose, weil „verjährte“) Bestrafung der Täter zu erreichen. Sie hat damit auch die Illusion von ein wenig Wiedergutmachung aufgegeben. So setzt sie nun ihre Energie, Kreativität und Zeit konstruktiv für sich und Mitmenschen ein, damit die Täter sie nicht weiter berauben können.
Vergeben heißt nicht, dass Versöhnung stattfinden kann oder muss. Genauso wie es unlösbare Konflikte gibt, ist es eine Einbildung, dass mit jedem Menschen oder Täter eine Versöhnung erreicht werden kann.
Aber möglicherweise gelingt es dir, der ursprünglichen Kränkung oder Verletzung irgendwann eine positive Seite abzugewinnen. Wenn du zum Beispiel nicht befördert wurdest, kann dein Fazit so lauten: „Wie gut, dass ich nicht weiter im Hamsterrad der Karriere laufen muss.“
In Bitterkeit liegt eine enorme Wirkung, aber ebenso in der Vergebung. Die Entscheidung sollte eigentlich klar sein, wenn du dir selbst etwas Gutes tun willst.
© ERF
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Kommentare (16)
Jetzt hatte ich wieder mal den Impuls, einen Leserbrief zu schreiben - bis ich merkte, daß der Artikel ja schon ziemlich alt ist und der Leserbrief längst geschrieben. Ich verstehe wirklich nicht, … mehrwarum Sie immer wieder einen Link zu diesem Artikel setzen, wenn doch nun wirklich deutlich wird, daß er eine deutlich beklagte Leerstelle enthält: Vergebungsbereitschaft trifft auf mangelnde Bußfertigkeit. Schade!
Jesus fordert auf, sich frei von Rache und Bitterkeit zu machen. Und ja, für die Gesundheit ist dies das beste. Ich für meine Person habe durch die Bibel viel gelernt, und rege mich deshalb auch … mehrnicht mehr stark auf. Ich habe aus der Vergangenheit gelernt. Je besser es bei mir gelaufen ist, desto größer wurden die kritischen Stimmen, was mich auch nicht wundert. Und dennoch habe ich ein Credo. Sollten sich mir Gelegenheiten bieten, Dinge zurecht zu rücken, werde ich dies ohne zu zögern tun. Denn Recht muss Recht bleiben. Auch was Beförderungen angeht, wurde ich stark übervorteilt, was mich auch nicht wundert. Es gibt immer missgünstige Menschen, die einem das Verdiente streitig machen wollen. Und dennoch habe ich meine Lehren gezogen. Bescheiden bleiben, auf Gott zu vertrauen, und warten, bis sich die Dinge ordnen. Wenn Gott jemanden befördern möchte, oder einer Person einen Auftrag vergeben möchte, wird er dies tun, egal ob es anderen gefällt oder nicht. Er schaut Menschen ins Herz, kennt ihre Motive. Nur das zählt für ihn, und nicht, was andere über einen denken oder halten.
Hallo liebe Redaktion,
es ist wohl einer meiner letzten Fesseln die mir geblieben sind und ich sie los lassen möchte. Ich versuche es nun mal mit aufschreiben und dem Wunsch meiner Vergebung. Auch … mehrmit dem Wunsch, dass nicht allzu viel Zeit gebraucht wird um einen Erfolg zu erreichen. Mein Zorn frisst mich auf. Ich bete inständig um Jesu Unterstützung mir diese Fessel abzunehmen oder eben diese Wurzel abzuschlagen. Sie hat mich viel zu lange erdrückt.
Lieben Gruß
Hallo, ich möchte mich kurz dem Beitrag von Vera G. anschließen. Auch ich vermisse Artikel, Aufrufe (auch in Predigten u.a.) auf die jeweils andere Seite. Zu anderen zu gehen und ihn um Verzeihung … mehrzu bitten oder zumindest zu sagen "es tut mir leid, wie ich mich verhalten habe o.a.) Zu einem sehr hohen Prozentsatz wird immer wieder an die Vergebungsbereitschaft appeliert (und das ist auch gut) aber sehr wenig um Vergebung, Verzeihung etc. zu bitten, also zum anderen zu gehen (so wie es in der Bibel steht).
Really helped me a ton. I wish the topic was addressed like this in English. It does a lot better job at explaining our behavior with "resentment", "unforgiveness" and that forgiveness is a "gift" to ourselves that frees us from "Ketten" and that God did the exact same thing for us! Thank you!
Ich würde es eher als eine Art Loslassen bezeichnen. Viele Menschen in diesem Land suchen keine Versöhnung mit Gott. Im Römerbrief steht geschrieben das Menschen die nicht umkehren Gottes ganzer Zorn treffen wird.
Hallo Monja,
sicher hat auch der Täter etwas zu tun tun. Aber im Artikel geht es ja primär darum, wie nicht ausgesprochene Vergebung für das Opfer zum Gefängnis wird. Wenn die Person frei sein will … mehrvon dem, was ihr angetan wurde, muss sie vergeben. Ansonsten bleibt sie im Gefängnis. Wenn der Täter um Verzeihung bittet, ist das sicher hilfreich. Aber das passiert leider nicht immer. Und gerade dann ist es für das Opfer so wichtig, sich selbständig bzw. mit Gottes Hilfe aus diesem Netz zu befreien.
Ja, genau, die opfer vergeben, verzeihen, vergessen sicherlich niemals. Aber was ist mit der gegenseite ?? Dem Täter?? Muss er nicht auch einsehen was er für einen Schaden angerichtet hat? Immer hat hier das Opfer die arbeit zu vergeben.....irgendwie ungerecht.
Hallo, wollte erst nicht, aber ich habe diesen Artikel doch gelesen. Ich dachte er ist wie alle anderen Info`s darüber. Doch er ist anders, weil er Hinweise gibt auf wie es denn passieren kann, dass … mehrich vergebe. Ich habe gerade so ein Erleben gehabt, wollte fordern, dass sie auf andere zugeht und nicht über unsere Köpfe handelt. Ich war aufgebracht und überlegte was ich ihr sage. Doch dann konnte ich mich zu Gott wenden, ihm es erzählen und ihn bitten er möge mir helfen. Am anderen Morgen war der Druck weg und ich konnte frei atmen und es lockerer sehen, Gott sei Dank. Und danke Ihnen. Gottes Segen
einfach ein Segen, o ein Artikel, ich werde ihn noch immer wieder lesen, damit es in mir Frucht trägt! danke vielmals und Gottes Segen , Herr Kuhn
Sehr geehrte Annette von H.,
welche Frage genau meinen Sie? Wir bemühen uns in der Regel, auf gestellte Fragen zu beantworten. Aber nicht immer hat der Redakteur die Zeit, ist vielleicht krank oder … mehrgerade mit anderen Projekten beschäftigt. So kann es sicher auch mal zu Verzug bei Antworten kommen. Diese bitten wir zu entschuldigen.
Schön würde ich finden, wenn Sie auf einzelne Beiträge, liebes ERF- Team, oder ggf. auch der Autor antworten würden.
Werter Herr Kuhn,
danke für den Artikel!
Viele Grüße von Mike M.
Toller Artikel. Das Thema Vergeben wurde sehr fachlich angegangen und ist damit aus meiner Sicht so beschrieben, wie Gott sich Vergebung für uns vorstellt. Wenn ich von Herzen vergeben kann, befreie ich einen Gefangenen. Der Gefangene bin ich selbst. Herzlichen Dank Herr Kuhn
Derlei Aufrufe zu Vergebungsbereitschaft lese ich immer wieder - und sehe sie auch als hilfreich und notwendig an. Nur vermisse ich die andere Seite: Aufruf zu Bußfertigkeit. Denn wo eine Beziehung … mehrbestehen bleibt und der eine immer wieder in beziehungsschädliche Muster hineinfällt und sich besten Falls mit einem hingemurmelten "Tut mir leid" aus der Affäre zieht, wird Vergebung schon sehr schwer.
Lieber Herr Kuhn ,
Ich finde Ihren Artikel sehr gut und höchst nachdenklich . Ich verstehe all die Dinge, die daraus resultieren , wie Krankheiten u v m .