7 Wunder Lesezeit: ~ 6 min

Zu kurz gekommen?!

Was, wenn Gott immer nur im Leben anderer Großes tut?


Es gibt biblische Geschichten, die einen guten Inhalt haben und trotzdem einen Widerhaken in der Seele hinterlassen. Der Text, in der Jesus den Gelähmten am Teich Bethesda heilt, ist für mich ein solcher Bericht. Warum heilt Jesus nur diesen einzigen Kranken und lässt die vielen anderen liegen, die sich mit ihrer letzten Hoffnung auf Gesundheit in diesem Heilbad aufhalten? Wann immer ich diese Geschichte höre oder lese, stelle ich mir neben der Freude des Geheilten auch die langen Gesichter der anderen und ihre Enttäuschung vor. Außerdem werde ich den Eindruck nicht los, dass ich vielleicht auch zu denen gehört hätte, die krank zurück bleiben und dem Gesunden nur neidisch hinterherschauen können, wenn er diesen trostlosen Ort verlässt.

Wenn ich mir den Text genauer anschaue, bekomme ich allerdings eine Ahnung, warum Jesus vielleicht so gehandelt hat. Der Mann, dem Jesus sich zugewandt hat, lag schon 38 Jahre krank an diesem Ort und hatte anscheinend keine Menschenseele, die sich um ihn kümmerte. Er muss eine Art traurige Berühmtheit erlangt haben und ich stelle mir vor, wie einer der Jünger Jesus zuraunt: „Schau Dir mal den Verkrüppelten dahinten an. Der arme Tropf liegt schon jahrelang hier, ohne dass sich jemand um ihn kümmert. Wirklich schlimm, so etwas." Ob das die Initialzündung war, warum Jesus sich ausgerechnet diesem Kranken zuwendet?
 

Gott hilft mit Vorliebe hoffnungslosen Fällen

Auf jeden Fall spricht Jesus den behinderten Mann an und fragt ihn, ob er gesund werden will. Was für eine Frage! Aber für den Gelähmten öffnet sie sämtliche Schleusen und seine ganze Not bricht aus ihm heraus: dass er niemand hat, der sich um ihn sorgt; dass er immer zu spät dran ist, um das heilende Wasser zu erreichen; dass andere immer mehr Glück haben, als er. Darauf spricht Jesus die heilenden Worte und der gute Mann kann seine Schlafmatte zusammenrollen und gehen – als Gesunder. Später hat die Geschichte noch ein Nachspiel, denn die frommen Führer kritisieren Jesus dafür, dass er den armen Mann ausgerechnet an einem Sabbat geheilt hat. Woraufhin Jesus nur kurz und bündig meint: „Mein Vater hat bis heute nicht aufgehört zu wirken und deshalb wirke ich auch." (Johannes 5,17; NL)

Gott hat nicht aufgehört zu wirken – ich kann mir gut vorstellen, dass der Gelähmte in der langen Zeit seiner Krankheit Grund genug hatte, genau daran zu zweifeln. Und dann erlebt er aus erster Hand und ganz unverhofft, dass Gott sich mit Vorliebe denen zuwendet, denen es wirklich schlecht geht. Denen, die kaum eine Perspektive haben, dass sich etwas für sie ändert. Die anderen Kranken am Teich schienen zumindest Angehörige oder Freunde gehabt zu haben, die sie bei ihrem Versuch, gesund zu werden, unterstützten. Vielleicht waren sie auch noch nicht so lange krank und konnten sich zumindest teilweise noch selbst fortbewegen. Jesus heilt nun ganz bewusst den, der wirklich am wenigsten vorweisen oder sein Schicksal selbst in die Hand nehmen kann. Darin spiegelt sich ganz zentral etwas von der Kernbotschaft des christlichen Glaubens:

Gott wendet sich uns in seiner Gnade zu, und zwar völlig unabhängig davon, ob wir ihm in unseren Augen etwas vorweisen können oder nicht.

 

Zu „durchschnittlich" für Gottes Wirken?

Trotzdem bleibt die Frage, warum Jesus nicht auch die anderen Kranken geheilt hat. Es wäre für ihn doch eine Kleinigkeit gewesen. Warum lässt er die anderen zurück, ohne ebenso spektakulär in ihr Leben einzugreifen? Damit bin ich wieder bei dem Gedanken, ob ich vielleicht auch zu denen gehöre, die in ihrem Leben mit Gott zu kurz kommen. Sicher, mir geht es nicht wirklich schlecht, aber trotzdem wäre es manchmal schön, Gottes Eingreifen ganz unmittelbar und direkt zu erfahren. Andere erleben wunderbare Geschichten mit ihm – aber das scheint überwiegend in Gegenden dieser Welt zu passieren, die weniger Sicherheit bieten als unser an Brandschutz- und sonstigen Verordnungen überreiches Land. Natürlich gibt es auch in Deutschland Geschichten von Menschen, in deren Leben Gott radikal eingegriffen hat und die ihr eigenes Wunder erlebt haben. In den 60 Jahren, die es ERF Medien bereits gibt, konnten die Mitarbeiter über viele solcher Begebenheiten staunen. Die Sendereihe „ERF MenschGott" erzählt reihenweise solche Geschichten. Aber im Großen und Ganzen scheint der Glaube hier in Westeuropa und auch in meinem Leben eher träge vor sich hinzuplätschern, ohne spektakuläre Wunder Gottes.

Was würde Jesus zu meinem Gefühl sagen, zu kurz gekommen zu sein? Was würde er auf die Frage antworten, warum er damals nicht auch die anderen Kranken geheilt hat? Vielleicht würde er mir deutlich machen, dass Gott die anderen Kranken und auch mich nicht vergessen hat, selbst wenn in ihrem und meinem Leben nichts Großartiges passiert (ist). Vielleicht würde er mich darauf hinweisen, dass er auch in ihrem und meinem Leben nicht aufgehört hat zu wirken, selbst wenn das eher auf eine stille, beständige Art geschieht und geschehen ist: Er verändert mich, lässt mich ihn und die biblischen Texte besser verstehen, korrigiert mich, wo es notwendig ist und schenkt mir viel Gutes. Ist das zu wenig?
 

Eine ganz andere Art von Wunder

Die Geschichte von der Heilung des Gelähmten zeigt, dass Gott grundsätzlich mehr im Blick hat, als „nur" die unmittelbare Verbesserung der schlimmsten Umstände. Das macht die fast schon etwas unhöfliche und sehr direkte Ansage deutlich, die Jesus dem Geheilten am Ende seiner Begegnung mit ihm zumutet: „Du bist jetzt gesund. Nun höre auf zu sündigen, damit dir nicht noch etwas Schlimmeres widerfährt." (Johannes 5,14; NL). Jesus hat dem Gelähmten auf eindrückliche Art und Weise äußerlich gesund gemacht. Jetzt fordert er ihn dazu auf, bei aller Freude darüber seine innere Gesundheit nicht zu vergessen, sondern sich von Jesus da heilen zu lassen, wo Schuld seine Seele lähmt.

Gott heilt und verändert äußere Umstände. Genauso geht es ihm auf lange Sicht gesehen aber auch darum, unsere Herzen, unser Denken, unsere Einstellung und unser Handeln zu verändern. Im Blick auf das menschliche Miteinander und die Krisenherde dieser Welt sind wir Menschen auf solche Wunder vielleicht sogar mehr angewiesen, als auf die großen, spektakulären Zeichen von Gott. Spätestens an diesem Punkt kann ich auch aus Erfahrung sagen, dass Gott mich nicht vergessen hat und in meinem Leben wirkt – manchmal sogar intensiver, als mir und meinem Egoismus lieb ist.

Gott heilt und verändert äußere Umstände. Genauso geht es ihm auf lange Sicht gesehen aber auch darum, unsere Herzen, unser Denken, unsere Einstellung und unser Handeln zu verändern.

 

Nehme ich diese Perspektive ein, dann verschwindet der anfangs erwähnte Widerhaken der Geschichte nicht ganz. Es bleibt immer noch die Frage, warum Gott manchmal im wahrsten Sinne des Wortes wundervoll in ein Leben eingreift und manchmal nicht. Aber ich lerne, meinen Blick auch auf das kleine, beständige Wirken Gottes in meinem Leben zu richten und darüber zu staunen. Denn auch darin zeigt sich Gottes Liebe und Fürsorge für mich, vielleicht sogar deutlicher als in einem einmaligen, spürbaren Eingreifen.

Es bleibt immer noch die Frage, warum Gott manchmal im wahrsten Sinne des Wortes wundervoll in ein Leben eingreift und manchmal nicht. Aber ich lerne, meinen Blick auch auf das kleine, beständige Wirken Gottes in meinem Leben zu richten und darüber zu staunen.

 

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Kommentare

Von Martina Gaertner am .

Ich habe die Erfahrung gemacht: wo ich Gott gehorsam war und vergeben habe, bekam ich ein persönliches Geschenk von Gott, z. B. ging es mir besser, der Geschirrspüler funktionierte wieder oder das Knie war schmerzfrei.

Von Tomas aus Mähren am .

Apropos Gesundheit: Manchmal wird irgendetwas am Körper gefunden, was nicht hingehört. Man betet und beim nächsten Arzttermin ist es plötzlich nicht da. Oft passiert es , dass die Ärzte im Nachhinein die Diagnose auf weniger Schwerwiegendes ändern. Von Gott erfährt man jedoch nie, ob Er tatsächlich eingegriffen hat, oder ob eh nichts war. Und so ist es mit allem. Da Gott keine Werbung macht, ist Sein Eingreifen so unmerkbar, dass man nie weiß, ob Er es war, der mir geholfen hat, oder ob ich mir das Beten hätte ersparen können und lieber mehr Optimismus haben sollen .

Von Annett am .

Liebe Frau Willhelm,
..welches "kleine beständige Wirken Gottes", welche Fürsorge? das wäre schön! Leider Fehlanzeige. Ich erwarte doch schon kein "wundervolles Eingreifen", aber es gibt auch kein kleines beständiges Wirken..und nun ?
Haben Sie hier noch einem Tipp?


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