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Warum Jesus nicht rechnet

Über Wahrscheinlichkeiten und Wertschätzung in Gottes Reich.


Eine Kinderbibel meiner Söhne erzählt die Geschichte, in der Jesus 5.000 Menschen satt macht, aus der Perspektive eines kleinen Jungen1. Dieser ist fasziniert von Jesus und läuft ihm den ganzen Tag hinterher, um nichts von dem zu verpassen, was der jüdische Rabbi sagt und tut. Dabei vergisst er völlig, sein von der Mutter mitgegebenes Pausenbrot – fünf Brote und zwei Fische – aufzuessen. Erst als es Abend wird, erinnert er sich an seine volle Brotbox. Als er seinen Proviant gerade aufessen will, fällt ihm ein, dass Jesus vielleicht auch Hunger haben könnte. Kurz entschlossen bietet er ihm sein Essen an. Was dann geschieht, übersteigt das Vorstellungsvermögen des kleinen Knirps: Jesus nimmt seine Zwischenmahlzeit und macht unglaublich viele hungrige Erwachsene und Kinder damit satt. Auf dem letzten Bild sieht man den kleinen Kerl deswegen auch strahlen voller Freude und Begeisterung über Jesus.

Der Evangelist Johannes schildert die Begebenheit natürlich aus der Sicht der erwachsenen Jünger (Johannes 6,1-15). Die kommen dabei nicht sonderlich gut weg. Johannes berichtet, wie Jesus seine Jünger testet, indem er sie fragt, wo man wohl Brot für so viele ausgehungerte Menschen kaufen könne. Die Reaktion der Jünger ist typisch menschlich, sie fangen an zu rechnen: Für so viele Personen bräuchte man schätzungsweise so und so viele Brote, das würde ungefähr so viel kosten. Das Fazit: Viel zu teuer für unsere Verhältnisse und logistisch in dieser abgelegenen Gegend unmöglich.
 

Ein Kind wird Vorbild – wieder einmal.

Jesus rechnet anders. Der Text verrät, dass ihm schon längst klar war, wie er die Menge satt bekommt. Er muss also von dem Kind und dem kleinen Essensvorrat gewusst haben. Ob der kleine Junge wirklich von sich aus zu Jesus gekommen ist oder ob einer der Jünger ihn quasi gefunden hat, wissen wir nicht. Auf alle Fälle nimmt Jesus seine wenigen Lebensmittel, dankt Gott dafür und lässt sie anschließend an die hungrige Meute verteilen. Das Wunder passiert: Alle werden satt und es bleiben zwölf Körbe mit Brotresten übrig (was nebenbei gegen den Erklärungsversuch spricht, dass bei diesem Wunder lediglich alle auf einmal ihr Picknick miteinander geteilt hätten). Anschließend beauftragt Jesus seine Jünger, die Essensreste aufzusammeln, damit nichts davon verdirbt.

Diese kleine „ressourcenschonende“ Geste von Jesus und die Tatsache, dass er sich ein Kind als Hilfe für seinen Plan aussucht, verdeutlich etwas von Gottes Einstellung und seinem Handeln: Jesus achtet und gebraucht das Unscheinbare, Geringe. Er kann das Unwahrscheinliche wahr werden lassen. Die Reste, die andere achtlos liegen lassen, finden bei ihm Verwendung. Vermutlich war es kein Zufall, dass Jesus ausgerechnet auf die Hilfe eines Kindes zurückgreift, um die abgeklärten Erwachsenen das Wundern zu lehren. Ein Kind wägt noch nicht so stark die Möglichkeiten ab, die es hat. Es rechnet sich nicht bis ins Kleinste die Vor- und Nachteile aus. Es zweifelt nicht so schnell daran, ob sein Beitrag von Bedeutung ist, sondern handelt nach seinem Herzen. Als Erwachsene finden wir ein solches kindliches Verhalten vielleicht süß oder unbedarft, aber ernst nehmen wir es selten. 

Jesus achtet und gebraucht das Unscheinbare, Geringe. Er kann das Unwahrscheinliche wahr werden lassen. Die Reste, die andere achtlos liegen lassen, finden bei ihm Verwendung.

 

Ob Jesus uns Erwachsenen mit seinem Handeln in dieser Geschichte einen Spiegel vorhalten will? Natürlich sollen wir uns nicht fahrlässig, unvorsichtig oder unweise verhalten. Aber wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott unsere Gaben und Fähigkeiten oder unsere materiellen Mittel nutzt, auch wenn sie eher unscheinbar sind. Wie oft bin ich zum Beispiel entmutigt, weil ich denke, dass ich mit meinen Möglichkeiten nicht viel ausrichten kann: Was hilft es im Blick auf die große Not vieler Menschen, die aus ihrem Heimatland geflohen sind, wenn ich lediglich einem von ihnen in meinem Bekanntenkreis sporadisch unter die Arme greifen kann? Von dem kleinen Jungen in der Geschichte können wir lernen, dass Jesus aus dem Wenigen, was wir haben, viel machen kann – wenn wir es ihm vertrauensvoll anbieten. Es kommt Jesus nicht auf die Größe oder Reichweite unseres Einsatzes an, sondern auf unsere Liebe zu ihm und unseren Mitmenschen.

Von dem kleinen Jungen in der Geschichte können wir lernen, dass Jesus aus dem Wenigen, was wir haben, viel machen kann – wenn wir es ihm vertrauensvoll anbieten.

 

Auch die „Reste“ sind Jesus nicht egal. Diesen wertschätzenden Umgang mit Dingen, über die viele im ersten Moment geringschätzig hinweggehen, können wir ebenfalls neu lernen. Wenn es um Lebensmittel geht, setzen das die 940 gemeinnützigen Tafeln in Deutschland ganz konkret um. Aber auch Menschen, die nicht so leistungsstark sind, wie ihre Umgebung, oder unattraktive Aufgaben in Kirche und Gesellschaft gehören dazu.
 

Bei Jesus bleibt nichts und niemand übrig

Bei Jesus wird nichts verschwendet und gleichzeitig kann er aus wenig viel machen. Diese Gedanken fordern mich beide auf ihre Art heraus. Zum einen merke ich, dass ich oft in einer Art „Machbarkeitswahn“ gefangen bin. Ich lasse mich auf das ein, was realistisch und kalkulierbar scheint, bei allem anderen hebe ich zweifelnd meine Augenbrauen und gehe auf Distanz. Es ist gut, dass es Menschen gibt, die in Vergangenheit und Gegenwart hier sprichwörtlich mehr Gottvertrauen bewiesen haben. Viele Christliche Werke wären sonst nicht entstanden. Viele von ihnen haben mit sehr geringen finanziellen Mitteln und Möglichkeiten angefangen. Aber irgendein Mann oder eine Frau hatte den Wunsch, anderen von Gott zu erzählen, etwas für ihn zu bewegen oder die Not der Mitmenschen zu linden.

Oft erlebten diese Visionäre erst im Vorwärtsgehen und Ausprobieren, dass Gott sie versorgt und ihre Arbeit gebraucht und segnet. Alles, was er von ihnen wollte, war ihre Bereitschaft zu dienen und sich mit ihren Fähigkeiten ganz zur Verfügung zu stellen. Auch die Geschichte von ERF Medien hat vor 60 Jahren so angefangen.

Das zweite, was ich aus der Geschichte lerne, ist der Umgang mit dem, was in unserer Gesellschaft oft unbewusst als „übriggeblieben“ wahrgenommen wird: Menschen, die durch das Raster fallen, Flüchtlinge oder Obdachlose, Individuen mit Behinderung oder psychischen Einschränkungen. Personen, die schlicht und ergreifend „uncool“ oder unscheinbar auf uns wirken. Kirchengemeinden, die keine große Attraktivität oder Strahlkraft haben. Auch hier ertappe ich mich oft dabei, dass ich ihnen zwar milde lächelnd oder wohlwollend begegne, innerlich aber froh bin, dass es mir selbst besser geht oder dass ich zu einer Kirche gehörte, die doch halbwegs attraktiv ist. Jesus beauftragt seine Jünger, die Brotreste nicht verkommen zu lassen. Wenn ihm die paar Brocken Gerstenbrote so wichtig waren, wie viel mehr sind es dann Menschen und Gruppierungen, die wir übergehen?

Jesus beginnt da zu wirken, wo wir Menschen erst einmal keine Lösungsmöglichkeit erkennen. Er wertschätzt die billigen Reste, um die andere sich nicht kümmern. Ich glaube, nicht nur die Jünger damals mussten diese Lektionen lernen. Ich tue es auch. Wenn ich meinen Kindern das nächste Mal die Geschichte aus der besagten Kinderbibel vorlese, will ich mich neu daran erinnern lassen.


Jennifer Ress Larcombe, Die besten Geschichten aus der Bibel – Jesus und das große Essen, Hänssler Verlag Holzgerlingen, 2000. Ausgabe vergriffen.


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