Andacht Lesezeit: ~ 3 min

Die andere Hälfte sehen

Warum das Unsichtbare auch zur Wirklichkeit gehört.


Es war vor einigen Wochen im Schweizer Wallis, die Ferienwohnung auf 1550 m. Hoch über dem Tal der Rhone, die die Einheimischen übrigens Rotten nennen. Eines Morgens gab es diesen unbeschreiblichen Alpenblick auf die umgebenden Häuser genauso wie auf die in der Sonne glitzernden Drei – und Viertausender. Und eben auf das Rhonetal. Das lag tief unter uns und war nicht zu sehen. Es war gefüllt mit einem Meer an Wolken, mit einer Oberfläche so hell und glatt wie ein See. Für die Leute unten im Tal bot sich ein ganz anderes Bild: sie erlebten einen wettertechnisch tristen Tag mit einer geschlossenen Wolkendecke – und vielleicht sogar Regen. Zwei Welten – eine Wirklichkeit. Der Blick an diesem Tag über den Wolken war nicht nur einzigartig, sondern ist eine wunderbare Illustration für eine unvergleichliche, überraschende und logisch unverständliche Aussage, die Christen charakterisiert: „Wir sehen nicht auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare.“ (2. Korinther 4,18). Die sichtbare Welt ist die eine, die unsichtbare die andere.
 

Zur Wirklichkeit der Welt gehört das Sichtbare und das Unsichtbare

Wir lebten an diesem Urlaubstag in einer Welt über den Wolken, die man unten im Rhonetal nicht sehen konnte. Die Leute im Tal lebten in einer Welt unter den Wolken, die wir von oben nicht sehen konnten. Eine Welt ist nicht genug; zur Wirklichkeit gehörten beide Welten. Das Sichtbare und das Unsichtbare ergeben erst zusammen die ganze Wirklichkeit.

Das Sichtbare. Das sind alle Dinge, die mit den fünf Sinnen erfasst werden können, die wir sehen, riechen, hören, schmecken und tasten können. Das sind aber auch die Dinge, die wir denken, fühlen, ahnen und spüren können. Das alles sind Dinge, die jedem Menschen in unterschiedlicher Intensität zur Verfügung stehen. Weil Gott Ihnen die Fähigkeit dazu gibt.

Das Unsichtbare. Das sind alle Dinge, die in die Welt des Glaubens gehören. An Jesus Christus glauben können, alle Dinge in Beziehung zu Gott zu denken und zu bringen, auf Gottes neue Welt zu hoffen und darauf zuzuleben. In jedem Menschen das Ebenbild Gottes zu sehen, die Welt als Gottes Schöpfung zu bewundern und zu bewahren. Und Vergebung und Lebensfreude als Ziel für jeden Menschen zu glauben. Und sich und sein Leben als Teil eines großen und guten Plans zu verstehen, den Gott hat. Das alles sind Dinge, die nur eine Christin oder als Christ können. Weil Gott ihnen die Fähigkeit dazu gibt.
 

Wer das Unsichtbare ausklammert, hat nur ein unvollständiges Bild

Das Sichtbare auszuklammern können wir Menschen nicht, weil wir uns darüber definieren. Wir beurteilen uns und andere nach diesen Fähigkeiten. Wir bewundern oder verachten Menschen für das, was sie können oder nicht können. Wir leben auf dieser Erde, in dieser Welt „unter den Wolken“, die ganz wirklich ist. Aber sie ist nur die halbe Wirklichkeit.

Das Unsichtbare auszuklammern können Christen nicht, weil sie sich darüber definieren. Sie bewerten sich, andere und alles, was geschieht, nach den Fähigkeiten, das Unsichtbare zu sehen. Christen leben in einer Welt „über den Wolken“. Genau genommen leben sie in beiden Welten, aber das sprengt nun mein Bild vom Rhonetal. Die unsichtbare Welt ist mindestens die andere Hälfte der Wirklichkeit.

Wer die Welt auf das beschränkt, was „sichtbar“ ist, kommt zu falschen Einsichten im Blick auf Menschen, Gedankengänge und Situationen.

 

Wer die Welt auf das beschränkt, was „sichtbar“ ist, kommt zu falschen Einsichten im Blick auf Menschen, Gedankengänge und Situationen. Und er kommt zu falschen Einsichten im Blick auf die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Wer auf das sieht, was sichtbar und was unsichtbar ist, hat das ganze Bild. Denn eine Welt ist nicht genug.
 

Michael vom Ende
Generalsekretär bei „Christen in der Wirtschaft“
www.ciw.de


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Kommentare

Von Bettina am .

Dazu ein wunderschönes Zitat aus dem Jahre 1920 von Margarete Müller: "Ich bin ja bei dir. Fühlst du denn nicht den goldenen Faden, der deine Seele mit der meinen verknüpft hält? Es ist kein weiter Weg vom Sichtbaren ins Unsichtbare, sie sind nahe beieinander und eigentlich nicht zu trennen. Eins ist im andern. Daran denke immer."

Von Norbert D. am .

Klasse auf den Punkt gebracht!


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