Interview Lesezeit: ~ 7 min

Das unterschätzte Fest

Warum Christi Himmelfahrt für den christlichen Glauben so wichtig ist.


Himmelfahrt, Vatertag, Herrentag – der Feiertag, der 40 Tage nach Ostern gefeiert wird, hat unterschiedliche Namen. Sie alle haben einen Bezug zu den christlichen Wurzeln des Festes, dessen Bedeutung allerdings selbst für manche Christen schwer greifbar ist. Pfarrer Thomas Ijewski erklärt im Gespräch, warum das Fest für uns im wahrsten Sinne des Wortes unfassbar ist, und weshalb es für den christlichen Glauben eine sehr wichtige Rolle spielt.
 

ERF Medien: Himmelfahrt ist ein Fest, mit dem auch viele Christen im Gegensatz zu Weihnachten oder Ostern Mühe beim Verständnis haben: Da entschwindet Jesus in einer Wolke, um sich auf die rechte Seite Gottes zu setzen. Warum fällt es so schwer, einen persönlichen Bezug zu diesem Feiertag zu bekommen?

Thomas Ijewski: Das Fest ist unanschaulich, man kann sich wenig darunter vorstellen. Bei Weihnachten ist das ganz anders: Da gibt es Krippenspiele, mit denen man die verschiedenen Aspekte der Weihnachtsgeschichte wunderbar darstellen, regelrecht auf die Bühne bringen kann. Bei Ostern gibt es wenigstens noch den Gruß „Frohe Ostern!“. Aber „Gesegnete Himmelfahrt!“ sagt kein Mensch. Dieses Fest entzieht sich unserer Anschauung. Dabei ist es so ein wichtiges Fest, vielleicht das am meisten unterschätze Fest im Kirchenjahr und in der Christenheit.
 

ERF Medien: Die Beschreibung, dass Jesus von einer Wolke aufgenommen wird und dann plötzlich verschwindet, klingt tatsächlich seltsam. Warum hat Gott Ihrer Meinung nach diesen Weg genutzt, um Jesus von der sichtbaren Dimension zurück in die unsichtbare Welt zu holen?

Thomas Ijewski: Welche andere Möglichkeit hätte er sonst gehabt? Die Wolke verhüllt etwas, das für uns Menschen – zumal in unserer Zeit - völlig unverständlich ist. Wir haben es mit verschiedenen Dimensionen zu tun, und das geht es über unser Vorstellungsvermögen weit hinaus. Die Wolke ist sonst in der Bibel ein Zeichen von Gottes Gegenwart, denken wir an den Auszug aus Ägypten. Mir ist in dem Zusammenhang aber besonders wichtig , dass Jesus nicht in den Himmel hinaufgefahren ist, und wir uns das als ein selbstständiges Tun von ihm vorstellen müssen. Es ist letztlich genau betrachtet so, dass Gott, der Vater, ihn in den Himmel emporgehoben hat. So, wie er ihn auch Ostern von den Toten auferweckt hat. Heutige Bibelübersetzungen machen das deutlich. In der Basisbibel heißt es: „Nach diesen Worten wurde er vor ihren Augen emporgehoben. Eine Wolke nahm ihn auf, sodass sie ihn nicht mehr sehen konnten.“ (Apostelgeschichte 1,9) Das macht deutlich: Gott selbst ist hier am Werk.

In unserer Gesellschaft wird Himmelfahrt meistens als „Vatertag“ bezeichnet. Ein Stück weit kommt dabei zum Ausdruck, dass Jesus zum Vater gegangen ist. Interessant finde ich auch die Formulierung, die früher in der DDR an dieser Stelle verwendet wurde. Die Machthaber in Ostberlin haben vom „Herrentag“ geredet. Ich finde es eine besondere Ironie, dass sie damit auf den Punkt gebracht haben, was Himmelfahrt bedeutet, nämlich, dass Jesus der Herr ist.
 

Himmelfahrt schenkt uns die besondere Gegenwart von Jesus

ERF Medien:Sie haben in einer Predigt einmal gesagt, dass Jesus uns erst im Himmel ganz nahe kommen kann, und dass es deswegen gut ist, dass er zu Gott-Vater zurückgekehrt ist. Wie meinen Sie das?

Thomas Ijewski: Wäre Jesus nur in Israel geblieben, dann wäre sein Wirkungsradius sehr begrenzt gewesen. Als Wanderprediger im galiläischen Bergland und bei seinem spektakulären Einzug in Jerusalem hat er nur einen verschwindend kleinen Teil der damaligen Weltbevölkerung erreicht. Was Jesus in Israel getan hat, geschah am Rande der damaligen Zivilisation. Wäre Jesus auf besondere Weise auch weiterhin in Israel irgendwie gegenwärtig, wäre das vielleicht so geblieben.

Er musste in den Himmel hinauf gehoben werden, um allen Menschen weltweit nahe zu sein. Ein Vergleich mit Astronauten kann uns helfen, das besser zu verstehen. Astronauten fliegen natürlich im ganz anderen Sinne in den Himmel als Jesus. Aber wenn sie auf die Erde schauen, spüren sie in ihrem Herzen auf einmal eine besondere Nähe zu unserem Planeten und ihnen ist dann noch einmal besonders deutlich, wie wertvoll die Welt und die auf ihre Lebenden sind. So stelle ich mir vor, dass Jesus auch im Himmel uns Menschen ganz nahe ist und er auf diese Weise uns allen viel näher sein kann, als wenn er weiter irgendwo in Jerusalem lebendig wäre.
 

ERF Medien: Wenn Sie an Himmelfahrt nach der Predigt von der Kanzel steigen – was bleibt dann für Ihren ganz persönlichen Glauben von diesem Feiertag übrig?

Thomas Ijewski: Für meinen Alltag als Christ nehme ich mit, dass Jesus auf geheimnisvolle Weise gegenwärtig ist. Manchmal ist diese Gegenwart spürbar, aber auch wenn das nicht der Fall ist, können wir uns darauf verlassen: Jesus Christus ist da, er regiert, er sitzt zur Rechten des Vaters und hat uns im Blick. Es gibt von Bette Midler  den Song ,„From a Distance“, in dem sie angesichts des Leidens die Aussage macht, dass Gott nur von einer Distanz auf uns kleine Menschenkinder schaut. Ich glaube aber, dass er uns gar nicht distanziert, sondern mit den Augen des Vaters aus der Dimension des Himmels voller Liebe und Zuneigung und großer Nähe ansieht.
 

ERF Medien: Der Evangelist Lukas berichtet davon, dass die Jünger nach Jesu‘ Himmelfahrt voller Freude in die Hauptstadt Jerusalem zurückkehrten. Das ist seltsam – eigentlich hätten sie traurig sein müssen: Der Jesus, mit dem sie drei Jahre lang gelebt haben, ist nicht mehr da. Warum freuen sie sich trotzdem?

Thomas Ijewski: Wahrscheinlich freuen sie sich, weil sie schon vom Heiligen Geist erfüllt sind. Ich stelle mir das so vor, dass Jesus ihnen in dem Moment, in dem er sich von ihnen verabschiedet, schon das gibt, was später zu Pfingsten noch viel mehr Menschen bewegt und begeistert hat: Er hat sie mit dem Heiligen Geist und seiner unmittelbaren Gegenwart erfüllt. Und der Heilige Geist schenkt immer auch Freude und Trost. Das ist meiner Meinung nach das Geheimnis, weshalb die Jünger nicht tieftraurig über Jesu‘ Abschied waren. Wobei ich mir vorstellen kann, dass sie schon ein bisschen enttäuscht gewesen sein werden. Denn die 40 Tage Intensivschulung in Sachen Reich Gottes, die Jesus ihnen nach Ostern gegeben hatte, waren jetzt zu Ende. Die Jünger hätten sicherlich gerne noch manche Woche mit Jesus unmittelbar zusammen gelebt und ihm noch manche Frage gestellt.
 

ERF Medien: Glauben Sie, dass die Jünger verstanden haben, was an Himmelfahrt passiert ist?

Thomas Ijewski: Der Evangelist Lukas sagt darüber nichts. Aber bei Johannes lesen wir an verschiedenen Stellen, dass die Jünger bei verschiedenen Situationen noch nicht richtig verstanden haben, was geschehen ist. So stelle ich mir das bei der Himmelfahrt auch vor. Sie werden noch kein theologisches Gedankengebilde entwickelt haben, das wird ihnen alles erst später deutlich geworden sein.
 

Hinter den Kulissen ist Gott sehr aktiv

ERF Medien: In Lukas‘ Bericht über die Himmelfahrt in der Apostelgeschichte fällt auf, dass die Jünger Jesus kurz davor fragen, wann er Israel wieder zu einem freien, selbständigen Staat machen wird. Auch Christen verbinden mit Christi Himmelfahrt den Glauben und die Hoffnung, dass er jetzt über diese Welt regiert. Oft merken wir davon aber wenig und es fühlt sich eher so an, als ob Jesus in einer Art Vorruhestand verschwunden ist, bevor er dann am Ende der Weltgeschichte wiederkommt, um diese Erde zu richten.

Thomas Ijewski: Im Gegenteil! Jesus ist nicht in einem Art Vorruhestand und freut sich auf eine endgültige Verrentung. Er ist jetzt aktiv im Himmel, auch wenn wir das nicht immer sehen. Ich muss an den großen Schweizer Theologen Karl Barth denken, der am Ende seines Lebens gesagt hat: „Es wird regiert. Und zwar nicht nur in Moskau oder in Washington oder Peking, aber von ganz oben, vom Himmel her.“ Ich glaube an das, was wir im Glaubensbekenntnis formulieren: Christus sitzt zur Rechten des Vaters und von dort wird er wiederkommen. Aber auch jetzt schon ist Jesus der Herr, und daran brauchen Christen nicht zu zweifeln. Auch wenn es natürlich manchmal Dinge gibt, bei denen wir uns fragen, warum Jesus nicht längst wieder erschienen ist und eingreift.
 

ERF Medien: Warum spüren wir oft so wenig von dieser Herrschaft Christi?

Thomas Ijewski: Weil Himmel und Erde noch nicht so eng zusammen gehören, wie sie es in Gottes neuer Welt sein werden. Wir leben noch nicht in der vollen Gegenwart von Gottes Reich, darauf müssen wir noch warten. Das Reich Gottes hat mit Jesus angefangen, aber es ist noch nicht vollendet, so dass wir es in allen Bereichen unseres Lebens sehen.
 

ERF Medien: Gibt es für Sie Hinweise darauf, dass Gott sein Reich aufrichtet, wenn Sie sich diese Welt anschauen und die Nachrichten hören oder Zeitungsberichte lesen?

Thomas Ijewski: Die gibt es jeden Tag in der großen Weltgeschichte und auch im kleinen persönlichen Erleben. Wir können etwas von Gottes Reich spüren, wenn Gott unsere Gebet erhört, wenn das, was wir von ihm erflehen, auch tatsächlich real wird. Ich bin allerdings vorsichtig darin, bestimmte Ereignisse objektiv als Zeichen von Gottes unmittelbaren Eingreifen verstehen zu wollen. Das geht oft in die Irre, und viele Jahre später sieht man eine konkrete Deutung kritischer.
 

ERF Medien: Vielen Dank für das Gespräch!

 

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Pastor Thomas Ijewski (Bild: privat)
Pastor Thomas Ijewski (Bild: privat)

 


Pastor Thomas Ijewski, 54 Jahre alt, ist seit 15 Jahren Pfarrer in der Ev. Kirchengemeinde Freudenberg im Siegerland.  


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