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Sicherheit: Die Dosis macht’s

Warum ein Leben ohne Unsicherheit eine Illusion ist.

In einer zunehmend unüberschaubaren Welt sehnen wir uns nach Sicherheit. Dabei lohnt es sich, Vertrautes aufzugeben und etwas zu wagen. Denn nicht zuletzt ist es Gott selbst, der Menschen immer wieder herausfordert – und sie damit zur Entfaltung bringt. So wie bei Mose. Es berichtet Franziska Decker.

Zu Hause an meinem Schreibtisch. Ich bearbeite meine Post. Darunter eine demnächst fällige Beitragsrechnung für eine Versicherung. Ihre Leistungen habe ich bisher noch nie in Anspruch genommen. Aber wer weiß. Es tut gut zu wissen, dass ich im Schadensfall abgesichert bin. Offensichtlich bin ich mit meinem Bedürfnis nach Absicherung in guter Gesellschaft. Einer Statistik des Gesamtverbands der deutschen Versicherungswirtschaft zufolge hatten die deutschen Versicherungen zum Jahresende 2016 mehr als 430 Millionen abgeschlossene Verträge im Bestand.1 Ein neuer Rekord.

Wir gehen auf Nummer sicher

Diese Zahl spricht eine deutliche Sprache – und ist doch nur die Spitze des Eisbergs. Der Wunsch nach Sicherheit durchdringt alle Bereiche des öffentlichen Lebens. Im Straßenverkehr, am Flughafen, bei Großveranstaltungen, in Schwimmbädern: Der öffentliche Raum ist durch Sicherheitsbestimmungen und -verordnungen manchmal minutiös geregelt. Aber auch unser persönlicher Sprachgebrauch gibt einiges in puncto Sicherheit her. Wir reden von zielsicher oder einbruchssicher. Tragen Sicherheitsschuhe oder verwenden Sicherheitsnadeln. Unser Leben ist voll von „Sicherheiten“. Und das ist gut und richtig.

Denn Sicherheit ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Die Individualpsychologie ist darüber hinaus überzeugt, dass wir zu einer Gemeinschaft dazugehören wollen und uns sicher fühlen, wenn wir durch die Gemeinschaft als gleichwertig angenommen sind und in ihr einen Platz mit Bedeutung haben und uns gerade dann weiterentwickeln können.2 Als Mensch brauche ich also Sicherheit, um zu leben und um mich zu entfalten – und meinen Platz in einem größeren Ganzen einzunehmen und auszufüllen. Wir kommen nicht ohne die Bestätigung unseres Wertes als Mensch aus. Eine Sicherheit, die uns geschenkt wird.

„Wir kommen nicht ohne die Bestätigung unseres Wertes als Mensch aus. Eine Sicherheit, die uns geschenkt wird.“

 

Die weltpolitische Lage und ihr Einfluss auf den Einzelnen macht deutlich, dass Sicherheit aber nur begrenzt möglich ist. Seit sieben Jahren herrscht Bürgerkrieg in Syrien, mit Auswirkungen bis nach Europa. Ein unberechenbarer amerikanischer Präsident, ein immer wieder aufflammender Nahostkonflikt – der Gedanke an Krieg liegt näher, als mir lieb ist. Und so unwahrscheinlich es auch ist: Niemand kann mir garantieren, dass ich beim nächsten Konzertbesuch nicht einem Terroranschlag zum Opfer falle.

Leben ohne Unsicherheit: eine Illusion

Das Online-Lexikon Wikipedia definiert Sicherheit als einen Zustand, der frei von unvertretbaren Risiken ist oder als gefahrenfrei angesehen wird.3 Hinter unserem Streben nach Sicherheit steht also die Absicht, uns vor etwas zu schützen, das uns bedrohen könnte und uns daher Angst macht: Verletzungen, Unfälle bis hin zu Hackerangriffen. Oder die persönliche Angst, gekränkt, fremdbestimmt, verlassen oder festgelegt zu werden. Angst hat viele Namen und Gesichter und ist in ihrer Ausprägung abhängig von unserer Persönlichkeit, unseren bisherigen Erfahrungen und unserer Deutung derselben.

Angst ist auch den Menschen der Bibel nicht fremd. David spricht in Psalm 23 vom finsteren Tal. In Römer 8,35 spricht Paulus einige Ängste wie Verfolgung und Hunger an. Jesus selbst durchlitt Todesängste (Lukas 22,44) und bestätigt in Johannes 16,33a: „In der Welt habt ihr Angst“. Ein Leben ohne Unsicherheit und Angst ist also Illusion – wie wir damit umgehen umso wichtiger. Wir können uns von beiden lähmen und blockieren lassen. Sie vermeiden und ihnen ausweichen. Oder wir können uns mit unserer Angst konfrontieren, sie annehmen und dann an ihr reifen.

„Ein Leben ohne Unsicherheit und Angst ist also Illusion – wie wir damit umgehen umso wichtiger.“

 

Unsicherheit gehört zu einem reifenden Glauben

Wie geht nun Gott mit unserer Unsicherheit und Angst um? Viele Menschen erleben in der Beziehung zum Schöpfer und Herrn der Welt eine besondere Sicherheit und Schutz. Die Psalmen sprechen häufig davon. Bei Gott finden Menschen Zuflucht, bei ihm können sie sich bergen. Er ist der Fels, auf dem sie sicher stehen, er umgibt uns von allen Seiten und hält seine Hand über uns. (Psalm 139,5)

„Bei Gott finden Menschen Zuflucht, bei ihm können sie sich bergen. Er ist der Fels, auf dem sie sicher stehen, er umgibt uns von allen Seiten und hält seine Hand über uns.“

 

Gleichzeitig bewahrt ein Leben mit ihm nicht vor Unsicherheit. Im Gegenteil. Gott mutet sie immer wieder zu und stellt neue Herausforderungen. Er fordert Menschen aus etwas Bestehendem heraus in etwas anderes. Aus einer vertrauten Situation, einem vertrauten Denken oder Verhalten in etwas Neues. Wozu? Damit wir uns verändern und entfalten. Sicherheit und Unsicherheit: Zu einem reifen Glauben und Leben gehört offensichtlich beides.

„Sicherheit und Unsicherheit: Zu einem reifen Glauben und Leben gehört offensichtlich beides.“

 

Ein unsicherer Start ins Leben

Welches Potenzial in dieser Spannung liegt, zeigt ein genauerer Blick auf das Leben von Mose. Schon sein Start ins Leben war überaus herausfordernd und alles andere als sicher – nicht zuletzt für einige Frauen in seinem unmittelbaren Umfeld. Zu der Zeit sollten auf Befehl des Pharao, des Herrschers von Ägypten, alle männlichen Nachkommen der Israeliten direkt nach ihrer Geburt getötet werden (2. Mose 1,8-22). So wurde schon die Schwangerschaft mit Mose zur heiklen Sache. Nach der Geburt versteckte ihn seine Mutter drei Monate lang. Vielleicht mit der täglichen Angst im Nacken, dass jemand sein Schreien hörte, wenn er Hunger oder Schmerzen hatte. Nicht zuletzt ging die Tochter des Pharao ein großes Risiko ein, als sie Mose als ihren Sohn adoptierte. Gleichzeitig erlebte Mose Sicherheit und Geborgenheit. Durch das mutige Verhalten seiner Schwester konnte er weitere Monate in seiner Familie leben und die Nähe seiner Mutter spüren (2. Mose 2,4-9).

Die gerade geschilderte Atmosphäre voller Unsicherheit hat Mose tief geprägt. Auch seine Erziehung am Hofe des Pharao. Er genoss Bildung im Zentrum der ägyptischen Kultur und führte vermutlich ein Leben in Wohlstand. Gleichzeitig bekam er mit, wie es seinen Landsleuten ging. Gut möglich, dass er hin- und hergerissen war und sich fragte: „Wer bin ich: ein Ägypter, ein Israelit? Wohin gehöre ich eigentlich?“

Mutig werden – und Neues wagen

Doch Gott fordert Mose trotz aller Unsicherheit heraus. Als er 80 Jahre alt ist, begegnet ihm Gott im brennenden Dornbusch und eröffnet ihm seinen langfristigen Plan mit dem Volk Israel. Gleichzeitig gibt er Mose den Auftrag, zum Pharao zu gehen und ihn zu bitten, die Israeliten ziehen zu lassen. Damit nicht genug. Er selbst, Mose, soll sie aus Ägypten führen. Was für eine Herausforderung!

Mose begegnet ihr mit Selbstzweifeln, Angst und Unsicherheit – was sich in seinem Einwand widerspiegelt: „Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehen und die Söhne Israel aus Ägypten herausführen sollte?“ Es folgen weitere Fragen an Gott: „Was soll ich ihnen sagen?“ „Und wenn sie mir nicht glauben?“ „Ich bin kein redegewandter Mann.“ (2. Mose 3,11 – 4,17). Wie reagiert Gott auf die Unsicherheit von Mose? Er begegnet ihr. Nimmt sie ernst und sagt ihm zu, dass er mit Mose ist. Gleichzeitig gibt er ihm Bestätigung durch Zeichen und Wunder. Dann fasst Mose Mut und setzt sich in Bewegung.

„Wie reagiert Gott auf die Unsicherheit von Mose? Er begegnet ihr. Nimmt sie ernst und sagt ihm zu, dass er mit Mose ist.“

 

Seine Besuche beim Pharao bleiben erst erfolglos. Es kostete ihn sicher eine dicke Portion Mut, jedes Mal wieder neu hinzugehen. Doch er packt es an. Es folgt der Auszug aus Ägypten. Endlich. Zusammen mit einem ängstlichen Volk, das ihn anklagt. Immer wieder im Laufe der nächsten 40 Jahre. Einmal hat es Hunger, ein anderes Mal Durst. Dann wiederum betet es ein goldenes Kalb an oder will Fleisch essen statt Manna.

So ist auch der weitere Weg von Mose immer wieder von Ängsten, Zweifeln und Rückschlägen geprägt. Gleichzeitig gelingt es ihm, neuen Situationen und Herausforderungen zu begegnen und sie zu meistern. Mose entwickelt sich zu einem reifen Mann und ist in der Lage, Menschen zu führen (2. Mose 15,22), sogar durch das Rote Meer (2. Mose 14,21-22). Er genießt Autorität (2. Mose 14,31), gibt klare Anweisungen (2. Mose 36,6). Er wird mehr und mehr fähig, Verantwortung für ein wachsendes Volk zu übernehmen und tritt vor Gott für dessen Fehlverhalten ein (2. Mose 32,11).

Entwicklung durch Vertrauen

Am Ende seines Lebens macht die Bibel eine, wie ich finde, beeindruckende Aussage über Mose: „Nach Mose hat es in Israel keinen Propheten mehr gegeben, dem der HERR von Angesicht zu Angesicht begegnet ist. Nie wieder sind so große Wunder durch einen Menschen geschehen; nichts lässt sich mit dem vergleichen, was Mose im Auftrag des HERRN in Ägypten vollbracht hat, um dem Pharao, seinen Hofbeamten und seinem ganzen Land Gottes Macht zu beweisen. Niemand hat seitdem so schreckliche und gewaltige Dinge vor den Augen aller Israeliten getan wie er.“ (5. Mose 34,10-12, HfA)

Das Neue Testament beschreibt Mose zudem als einen Mann, der „mächtig in Worten und Werken war“ (Apostelgeschichte 7,22). Unglaublich, welche Entwicklung eine Person nehmen kann, die noch Jahre zuvor bis in die Tiefen ihrer Identität verunsichert war!

Was uns Mose lehrt

Was lerne ich aus der Lebensgeschichte von Mose? Mir wird eine Menge deutlich. Erstens lebte Mose in einer engen Beziehung zu Gott. Sie standen im ständigen Dialog miteinander, wie gute Freunde (2. Mose 33,11). In dieser Gemeinschaft mit Gott fand Mose mit der Zeit Sicherheit und Bedeutung. Zweitens scheute sich Mose nicht, vor diesem Freund alles ehrlich auszusprechen, was ihn bewegte. Seine Unsicherheit, seine Zweifel, seine Angst. Manchmal schrie er es gar hinaus. (2. Mose 17,4).

Drittens ging Gott immer wieder auf die Unsicherheit von Mose ein und nahm ihn ernst. Er gab ihm Antworten, versprach Hilfe und ließ ihn Zeichen und Wunder sehen. Gleichzeitig lehrte Gott Mose, mehr auf göttliche Macht zu vertrauen und loszugehen und weniger auf menschliche Kraft und Können zu setzen. All das zusammen genommen machte Mose mutig und zum Anführer eines ganzen Volkes. Er konnte seine Ängste überwinden und Neues wagen.

Diese Beziehung zu Gott ist auch mir und jedem Menschen im 21. Jahrhundert durch Jesus Christus möglich. Ich will sie pflegen. Mich auf diesen Gott einlassen. Damit zunehmend Gestalt gewinnt, was er in mich hineingelegt hat. Wie bei Mose. Damit ich meinen Platz in seinem Plan ausfüllen kann. Weil er der „Ich bin, der ich bin“ ist (2. Mose 3,14), darf auch ich sein. Er gibt mir meinen unumstößlichen Wert. Mehr Sicherheit geht nicht!


Franziska Decker ist Koordinatorin der ERF Workshops und begleitende Seelsorgerin. Sie liebt es, Menschen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu fördern.
 

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