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„Scheitern – hart für´s Ego!“

Wie zwei Männer aus Ostdeutschland im Scheitern neue Lebensziele entdeckten.

 

 

Vor 30 Jahren fiel die innerdeutsche Grenze. Der Mauerfall brachte Freiheit, stellte aber auch das Leben der Ostdeutschen auf den Kopf. Viele versuchten ihr Glück in der Selbstständigkeit, wie z.B. Holger Weiß und Thomas Zeschke aus Sachsen. Als die Mauer fiel, war der eine NVA-Offizier, der andere Bausoldat. Beide scheiterten als Unternehmer. Regina König erzählt ihre Geschichte.
 

Holger Weiß (Foto: Regina König / ERF Medien)
Holger Weiß (Foto: Regina König / ERF Medien)

„Wenn man scheitert, dann ist das natürlich für das eigene Ego sehr hart. Und ich war immer so ein Typ, der voran gegangen ist und Erfolg gewohnt war. Alles, was ich angefasst habe, das hat geklappt.“ 200 Mann hörten auf seinen Befehl in der NVA, der Streitkraft der ehemaligen DDR. Als Ingenieur trug Holger Weiß Verantwortung für das Militärbauwesen, war beteiligt an sensiblen Projekten wie dem Bau eines Fährhafens oder einer unterirdischen Raketenabwehranlage. Als die Mauer fiel, war er 30 Jahre alt. „Das war schon ein einschneidendes Erlebnis, plötzlich zu wissen, der Tag wird kommen, an dem es die DDR nicht mehr geben wird. Aber wir haben gedacht, es wir schon weitergehen.“
 

„Gott hat mich hängengelassen!?“

Thomas Zeschke (Foto: Regina König / ERF Medien)
Thomas Zeschke (Foto: Regina König / ERF Medien)

Auch Thomas Zeschke war zum Zeitpunkt des Mauerfalls stationiert in einer Kaserne, allerdings als regimekritischer Bausoldat. Als Christ durfte er im DDR-System weder Abitur machen noch studieren, jetzt mit der Wiedervereinigung will der der junge Familienvater durchstarten. Zeschke studiert BWL und übernimmt eine Firma, die Fußböden herstellt. Einige Jahre geht das gut, doch in den Betriebsschubladen ruhen Altlasten, hohe Schuldenberge. Die Banken gewähren keine Kredite mehr. Das Unternehmen geht pleite und Thomas Zeschke muss Privatinsolvenz anmelden. „Dann stehst du da und hast erst einmal kein Einkommen. Manche Freunde haben die Nase gerümpft und auch in der Familie gab es unterschiedliche Ansichten. Aber die größte Enttäuschung für mich war: Gott hat mich hängengelassen.“

Beruflich kommt Thomas Zeschke schnell wieder auf die Beine, er arbeitet im Vertrieb und verkauft Fußbodenbelag. Doch innerlich braucht er Zeit, um die Niederlage zu verarbeiten: „Letztendlich war mein Akku leer und ich brauchte Zeit, in der mich auch zurückgenommen hatte von allen ehrenamtlichen Ämtern und Aufgaben in der Gemeinde; ich musste erstmal wieder mit mir und mit Gott ins Reine kommen.“

In der Zwischenzeit hat der ehemalige NVA-Offizier Holger Weiß fünf Firmen gegründet und führt zeitgleich verschiedene Betriebe. Er versucht, zwischen Sachsen, Russland und Tschechien wirtschaftliche Beziehungen zu knüpfen, ist unterwegs u.a. als Dozent und Wirtschaftsberater. Doch seine Pläne gehen schief, Holger Weiß muss in die Insolvenz gehen. „Wenn man so eine Insolvenz hat, dann kann man auch nicht mehr ruhig schlafen, ich bin aufgestanden und habe mir Notizen gemacht, um alles zu rekonstruieren. Dabei habe ich festgestellt, dass ich blauäuig an die Sache herangegangen war und von den Menschen um mich herum viel zu viel erwartet hatte. Dann habe ich auch manchmal auf diese Menschen geschimpft, aber dann kam der Zeitpunkt, wo ich gemerkt habe: vielleicht sollte ich mich selbst ändern?“
 

Die Insolvenz raubt den Schlaf

In dieser Zeit knüpft seine Frau Kontakt mit einer christlichen Gemeinde in Chemnitz. Und auch Holger Weiß lässt sich darauf ein, über den Glauben nachzudenken. „In Jesus habe ich meinen festen Grund gefunden“, sagt er heute. Vor 10 Jahren hat er sich taufen lassen. Beruflich hat sich Holger Weiß seit der Wende 16mal verändert, jetzt hat er seinen Platz gefunden als Angestellter in einer Firma, die Schaumglas herstellt. 60 Jahre ist er heute und bis zur Rente will er in diesem Job bleiben. Neu entdeckt hat er für sich das ehrenamtliche Engagement in der Gemeinde. Holger Weiß arbeitet mit im Kindergottesdienstteam, bereitet im Hauskreis Bibelarbeiten vor und organisiert  Nachbarschaftsfeste: „Wichtig ist es heute für mich, dass ich nicht mehr meine Ideen umsetzen will, dass nicht mehr `mein Wille geschehe`, sondern, so wie es im Vaterunser steht: ´Dein Wille geschehe´. Deshalb bete ich vor Entscheidungen und frage Gott, ob diese oder jene Aufgabe für mich die richtige ist.“
 

Im Scheitern Berufung gefunden

Für Thomas Zeschke eröffnet sich nach 11 Jahren als Angestellter im Vertrieb eine ganz neue berufliche Perspektive: eigentlich hätte er gern nach der siebenjährigen Privatinsolvenz noch einmal das Wagnis angepackt, sich selbstständig zu machen. Aber Freunde und Weggefährten sprechen ihn immer wieder darauf an, dass er die Gabe habe, Pastor zu werden. So entscheidet sich Zeschke für eine theologische Weiterbildung und arbeitet heute als Pastor im Sächsischen Gemeinschaftsverband, einem selbstständigen Verein innerhalb der evangelischen Kirche. „Hier habe ich meine Berufung gefunden“, sagt er. Und er weiß heute: die Erfahrung des Scheiterns war zwar ein Umweg, aber einer, der zum Ziel geführt hat: „Ich bin überzeugt, dass dies genau der Weg Gottes für mich gewesen ist. Durch mein eigenes Scheitern habe ich Verständnis gewonnen für Menschen, die auch in Problemlagen stecken. Diese Zeit damals war eine Vorbereitungszeit für meinen Beruf heute als Gemeinschaftspastor.“


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