In einer Welt, die von ständigen Veränderungen, Krisen und Unsicherheiten geprägt ist, stellt sich die Frage: Wie können wir widerstandsfähig werden oder bleiben? Resilienz ist mehr als ein bloßes Ausharren. Es ist die innere Widerstandskraft, die uns dazu verhilft, konstruktiv mit Veränderungen und Unsicherheiten umzugehen. Wie können wir in unsicheren Zeiten also Mut fassen, den ungewissen Weg vor uns zu betreten?

Antworten finden wir beim Blick in die Bibel und der jüdischen Auslegung dieser Schriften. Im Zentrum dieser Überlegungen stehen biblische Figuren wie Noah, Abraham und Nachschon, deren Lebensgeschichten uns unterschiedliche Wege aufzeigen. An ihren Geschichten wird deutlich, was es bedeutet, „mit Gott“ oder „vor Gott“ zu leben. Diese Geschichten sind nicht nur religiöse Lehrstücke, sondern auch praktische Wegweiser für unseren Alltag.
Der pflichtbewusste Urahn
Zunächst schauen wir in zwei Bibeltexte. In der Beschäftigung damit ist mir etwas aufgefallen, das ich vorher noch nie gesehen hatte, und das mich hat staunen lassen. Diese Entdeckung ermutigt mich, fordert mich aber auch heraus. Den Hinweis darauf verdanke ich jüdischen Bibelauslegern. Es geht um Noah und Abraham. Beide spielen im Judentum und im Alten Testament eine wichtige Rolle. Lassen Sie uns diese beiden Männer einmal miteinander vergleichen.
Wir beginnen mit Noah. In 1. Mose 6,9 lesen wir: „Dies ist die Geschichte Noahs. Noah war ein gerechter Mann und vollkommen unter seinen Zeitgenossen; Noah lebte mit Gott.“ Noah lebte mit Gott – was das bedeutet, sehen wir, wenn wir einen Sprung machen zu Vers 22. Dort heißt es: „Und Noah tat es (gemeint ist der Auftrag zum Bau der Arche). Ganz wie Gott es ihm geboten hatte, so machte er es“ (1. Mose 6,22).
Mit Gott zu leben, kommt bei Noah dadurch zum Ausdruck, dass er sich exakt an das hält, was er von Gott hört und versteht. Den Auftrag, eine Arche zu bauen, erfüllt Noah genauso, wie Gott es ihm geboten hat. Das wird noch einmal wiederholt in 1. Mose 7,5: „Und Noah machte es, ganz wie der HERR es ihm geboten hatte“. Hier wird noch einmal ausdrücklich betont, dass Noah alles so tat oder umsetzte, wie Gott es ihm geboten hatte.
Später in der Geschichte, als es darum geht, die Arche zu verlassen, sehen wir diesen pflichtbewussten Gehorsam Noahs noch einmal. In Kapitel 8, als die Flut vorbei ist, wartet Noah, bis Gott ihm den Befehl gibt, die Arche zu verlassen. Er hat aus dem Dach der Arche gesehen, dass das Land abgetrocknet ist, dennoch wartet er auf Gottes Anweisung. Noah wandelte mit Gott – das steht wie ein Motto über seinem Leben.
Abraham – der Mann, der vor Gott lebte
Wir machen einen Sprung in 1. Mose 12, wo die Geschichte Abrahams beginnt. Sein Weg mit Gott sieht etwas anders aus. Wir lesen, wie Gott ihn beruft, aus seinem Land und seinem Vaterhaus auszuziehen. Und Abraham bricht auf.
Kaum ist er losgezogen, gibt es eine erste Schwierigkeit. Als Abraham in Ägypten ankommt, gibt er seine Frau Sarah als seine Schwester aus, denn er fürchtet, man könnt ihm etwas antun, um an seine schöne Frau heranzukommen. Der Pharao durchschaut das Manöver und rügt ihn dafür.
Später in Kapitel 16 ergibt sich erneut eine schwierige Situation: Das Warten auf den von Gott verheißenen Sohn zieht sich in die Länge, Sarah wird nicht schwanger und Abraham zeugt kurzerhand mit seiner Sklavin Hagar einen Sohn. Kurz drauf lesen wir in 1. Mose 17,1: „Als Abram neunundneunzig Jahre alt war, erschien der Herr dem Abram und sprach zu ihm: Ich bin El-Schaddai. Wandle vor mir und sei vollkommen.“
„Sei vollkommen“ kann man verschieden übersetzen mit „sei ganz“ oder „sei ungeteilt“. Hier aber geht es mir um den ersten Teil von Gottes Aufforderung: „wandle vor mir“. In Kapitel 24, Vers 40 sagt Abraham am Ende seines Lebens genau das von sich selbst, dass er nämlich vor Gott gewandelt ist. Bei Noah wurde etwas anderes betont, nämlich, dass er mit Gott gewandelt ist. Ist dieser Unterschied belanglos oder will er uns auf etwas Wichtiges hinweisen?
Ein mutiger Stammvater
Die jüdische Auslegungstradition sagt dazu Folgendes: Es ist gut, dass nicht Noah unser Stammvater ist, sondern Abraham. Denn Noah tat immer nur das, was Gott ihm ausdrücklich auftrug und erlaubte. Abraham aber ging mutig voran.
Als die globale Flutkatastrophe drohte, bat Noah Gott nicht darum, die Menschen zu verschonen. Abraham jedoch wehrte sich vor Gott und sagte zu ihm: „Das kannst du doch nicht ernst meinen! Wenn es doch nur 10 oder nur 5 Gerechte gibt, dann musst du sie doch verschonen…!“ (vgl. 1. Mose 18,22-33). Noah nahm Gottes vernichtendes Urteil über die Menschheit ohne Widerrede hin, Abraham hingegen feilschte mit Gott.
Doch Abraham war nicht bloß mutig. Er riskierte auch etwas und beging einige Fehler.
Das wird an der Episode mit dem Pharao deutlich, aber auch daran, wie Abraham bei der Geschichte mit Hagar die Dinge selbst in die Hand nahm und Gottes Verheißung nach seinen Vorstellungen zu erfüllen versuchte. Dennoch blieb er trotz seiner Unzulänglichkeiten Gott sein ganzes Leben lang treu.
Im Unterschied zu Abraham beging Noah scheinbar keine Fehler. Die jüdischen Ausleger drücken es so aus: Der einzige Vorwurf, den man Noah machen kann, ist der, dass man ihm keinen Vorwurf machen kann!“ Er hat alles richtig gemacht. Er hat aber auch nichts gewagt. Er hat kaum gestaltet – er hat einfach nur Gottes Auftrag ausgeführt.
In Abrahams Fußstapfen treten
Das jüdische Volk hat sich in seiner Geschichte eher an Abraham und seiner Haltung orientiert als an Noah: In dieser Tradition gestalten sie ihren Weg mit Gott und vor Gott. Sie sehen sich berufen, Initiative zu ergreifen, etwas zu wagen und Risiken nicht aus dem Weg zu gehen.
Robert Frost hat das schöne Gedicht „The Road Not Taken“ geschrieben. Dort heißt es im letzten Vers im übertragenen Sinn: Nimm den Weg, der noch nicht ausgetreten ist, die Straße, die noch nicht befahren ist. Sprich: nimm nicht die Autobahn, sondern geh den Weg durchs Gebüsch, denn dort entdeckst du Spannendes.
Abraham war ein solcher Mensch. Er hatte den Mut, ungewohnte Wege zu gehen. Gerade dafür rühmt ihn das Judentum. Es hat wohl mit dieser Geisteshaltung zu tun, dass wir in der Geschichte des Judentums allein in den letzten 100 bis 150 Jahren eine Fülle von bemerkenswerten Entwicklungen und Innovationen finden.
Sie waren teilweise bahnbrechend und haben mitgeholfen, diese Welt besser zu machen: In der Psychologie, in Technologie, Medizin und Technologie und darüber hinaus. In ihrer Gesamtheit hat keine andere Nation dieser Welt eine solche Fülle von Innovation und Erfindungsgeist hervorgebracht. Es lässt sich vermuten, dass Juden mutiger und rascher Dinge umsetzen als es andere Menschen tun.
Noch ein Mutiger
Die zweite Geschichte, die ich besprechen möchte, steht nicht in der Bibel. Wir finden sie im Talmud und in der Midrasch, zwei wichtigen jüdischen Schriften. Sie spielt im Kontext des Exodus, der Auszugsgeschichte des Volkes Israel aus Ägypten.
Das Volk verlässt Ägypten, steht schließlich vor dem Schilfmeer und stellt auf einmal mit Erschrecken fest, dass es von der ägyptischen Armee verfolgt wird. Die Situation ist ausweglos: Vor den Israeliten liegt das Schilfmeer – hinter ihnen prescht die ägyptische Armee heran.
Diese Situation wird in 2. Mose 14 geschildert. In manchen Bibelübersetzungen wird zwischen Vers 14 und Vers 15 eine Lücke angezeigt. Das deutet darauf hin, dass es an dieser Stelle eine textliche Unsicherheit gibt. Und tatsächlich sagen Midrasch und Talmud, dass dort etwas fehlt.
Doch schauen wir zuerst, was da steht: „Mose aber sprach zum Volk: Fürchtet euch nicht! Bleibt stehen und seht, welche Hilfe der Herr euch heute erweisen wird. Denn wie ihr die Ägypter heute gesehen habt, werdet ihr sie niemals wieder sehen. Der Herr wird für euch kämpfen, ihr aber sollt euch still verhalten“ (2. Mose 14,13-14).
Im Anschluss an diese Worte finden wir den besagten Zeilenumbruch, der auf eine Lücke hinzuweisen scheint. In Vers 15 geht es dann so weiter: „Und der Herr sprach zu Mose: Was schreist du zu mir? Sage den Israeliten, sie sollen aufbrechen.“ Hier, zwischen den Versen 14 und 15 hat sich etwas ereignet, dass keine Aufnahme in den biblischen Text gefunden hat. Der Talmud und Midrasch in Sotah 37 a füllen diese Lücke und erzählen folgendes:
Als Israel vor dem Schilfmeer stand und der Befehl zum Vormarsch gegeben wurde, zögerte jeder der Stämme und sagte: „Wir wollen nicht als erste ins Meer springen.“ Nachschon sah, was geschah, und er sprang ins Meer. In diesem Moment stand Mose da und betete.
Gott sagte zu ihm: „Meine Lieben ertrinken in der stürmischen See, und du stehst da und betest?“ Mose antwortete: „Herr der Welt, was soll ich tun?“ Und Gott sprach: „Du erhebst deinen Stab und streckst deine Hand über das Meer, das sich teilen wird, und Israel wird auf dem Trockenen ins Meer kommen.“ Und so geschah es. Die Israeliten folgten dem Beispiel Nachschons und fuhren ins Meer und wurden gerettet.
Nachschon ist der erste, der den Sprung ins Wasser wagt, während alle anderen noch zögern. Und Gott rügt den betenden Mose und sagt: „Mein Volk ertrinkt in der stürmischen See, während du betest!“ Tatsächlich ist ja nur einer im Wasser, aber dieser Nachschon steht hier für das ganze Volk.
Das ist eine weitere Geschichte, die etwas aufzeigt, das in der jüdischen Tradition und Bibelauslegung wichtig ist, und die auch uns dabei helfen kann, die Frage „Was heißt eigentlich Glaube?“ zu beantworten.
Dieser Nachschon ist wie Abraham ein Mann, der vor Gott lebt. Er wartet nicht auf das Wunder. Er wartet auch nicht auf Mose. Mose hat ein Wunder angekündigt und denkt, sie müssten jetzt nichts anderes tun als auf Gott zu warten. Nachschon aber springt im Vertrauen auf Gott ins Wasser und tut damit mehr als die anderen den Willen Gottes.
Unter jedem Dach ein Ach
Was haben uns diese Beobachtungen heute zu sagen? Was haben sie mit dem Thema Resilienz zu tun? Sowohl Noah und Abraham als auch das Volk Israel stehen zu dem Zeitpunkt, an dem diese Geschichten geschehen, vor großen Verunsicherungen. Bei Noah droht die globale Flutkatastrophe und die Vernichtung der gesamten Zivilisation.
Bei Abraham ist die Verunsicherung eher eine persönliche, die vermutlich auch damit zu tun hat, dass ihn das Verlassen seiner Herkunftsfamilie völlig entwurzelt. Im alten Orient spielt die Familie eine viel wichtigere Rolle, als wir es uns vorstellen können. Um dem Ruf Gottes folgen zu können, muss Abraham diese schutzgebende Einbindung aufgeben. Das ist ein sehr verunsichernder Schritt und wir können verstehen, dass er sich in manchen Situationen unsicher fühlte.
Auch beim Exodus des Volkes Israel aus Ägypten geht es letztlich um das Thema Verunsicherung: Das Volk Israel lässt nach mehreren hundert Jahren die Versklavung hinter sich und geht einer ungewissen Zukunft entgegen. Keiner dieser Menschen weiß, was Freiheit heißt. Niemand von ihnen hat je gelernt, durch die Wüste zu wandern und darin zu überleben. Der Weg in die Freiheit ist für diese Menschen eine einschüchternde Erfahrung voller Schwierigkeiten und Herausforderungen.
In all diesen Geschichten haben wir also Menschen vor uns, die mit enormen Verunsicherungen konfrontiert sind. Und das kennen wir auch. Wir leben in verunsichernden Zeiten: Die Kriege im Nahen Osten und in der Ukraine. Das Machtgebaren Chinas. Die rasante Entwicklung von künstlicher Intelligenz. Die Zunahme von Cyberkriminalität. Die sich weiter verschärfende Klimakrise.
Hinzu kommen die politischen Entwicklungen in den USA und in Europa. Die gesellschaftlichen Unsicherheiten zum Beispiel in Bezug auf geschlechtliche Identitäten.
Wir können uns in verschiedenster Hinsicht viele Sorgen machen und uns fragen: Was geschieht hier gerade? Wo führt das alles hin?
Obendrauf können wir unsere ganz persönlichen Verunsicherungen setzen. Vielleicht sind diese für uns persönlich sogar die dringendsten und drängendsten. Einer meiner Freunde sagt oft das Sprichwort: „Unter jedem Dach ein Ach“. Ich finde, das ist ein sehr treffender Satz.
In jeder Wohnung, in jeder Familie, in jeder Lebensgeschichte gibt es eine Last, die jemand trägt. Nach außen mag sie nicht sichtbar sein, aber sie ist dennoch da. Jeder von uns kennt sein persönliches Ach und es kann sein, dass uns dieses manchmal viel stärker belastet als das Geschehen in der Welt.
Die Angst vor dem Verlust
Was tut ein Mensch, wenn er mit Unsicherheiten konfrontiert ist? Forschende haben beobachtet, dass wir in Zeiten von Verunsicherung, Angst und Gefahr selten bedacht reagieren. Entweder stürzen wir uns in hilflose, hektische Selbstrettungsversuche und treffen übereilt folgenschwere Entscheidungen, die wir später bereuen.
Oder es geht uns wie dem Kaninchen vor der Schlange: Wir erstarren in Hilflosigkeit, sind gelähmt und handlungsunfähig. Manchen gelingt es, alles zu verdrängen, was ihr privates Glück trüben will. Sie blenden alles aus, was sie daran erinnert, dass ihnen gerade das Paradies eines behüteten Lebens geraubt wurde. Hektik, Widerstand, Rückzug – zu einer dieser Optionen neigen verunsicherte Menschen. Manchmal auch zu einer Kombination von mehreren dieser Möglichkeiten.
Der Akademiker Ronald Heifetz ist Experte für Leiterschaft und Führung und hat die Frage, wie Menschen auf Unsicherheit und Veränderungen reagieren, zum Schwerpunkt seiner Arbeit gemacht. Seine Erkenntnisse lassen sich gut auch auf „das Ach unter unserem Dach“ anwenden, also auf alles, was uns persönlich betrifft in Partnerschaft, Familie oder der ehrenamtlichen Arbeit in einer Kirche.
Ganz grundsätzlich stellt Heifetz fest, dass jede Krise nach Veränderung ruft. Immer, wenn eine Krise eintritt, steht irgendeine Art von Veränderung an. Krisen sind oft Weggabelungen, die in eine neue Phase hineinführen.
Jede Krise ruft nach Veränderung. Krisen sind oft Weggabelungen, die in eine neue Phase hineinführen.
Das Problem dabei besteht darin, dass wir uns nicht nur mit Krisen an sich schwertun, sondern auch mit dem Gedanken, dass unser Leben nachher nicht mehr so sein wird, wie es vorher war. Wir tun uns schwer mit Veränderungen.
Wichtig dabei: Nicht die Veränderung an sich macht uns zu schaffen, sondern die Erfahrung von Verlust. Nicht dass sich etwas verändert, ist das Problem, sondern die Ahnung, dass wir im Zuge dieser Veränderung etwas verlieren könnten, dass uns Sicherheit und Orientierung gab.
Heifetz ist überzeugt, dass wir Menschen uns intuitiv gegen Verlusterfahrungen wehren. Und so starten wir, wenn eine Veränderung ansteht, ein Verhinderungsmanöver. Wir versuchen dabei gar nicht so sehr die Veränderung an sich zu verhindern, sondern den damit einhergehenden Verlust.
Die Hoffnungsformel: Loss-Win
Nun kommt ein wichtiger Punkt für jeden, der irgendeine Art von Verantwortung für andere Menschen hat: Menschen zu führen heißt, sie durch diese Verlusterfahrungen hindurchzuführen. Viele Personen in Leiterschaft suggerieren gegenüber den ihrer Führung anvertrauten Menschen, dass Krisen immer eine Chance sind und es keinen Verlust geben wird. Sie versprechen, dass alles besser wird. Aber das ist nicht wahr. Wenn man uns so etwas verspricht, die Realität uns aber mit Verlusten konfrontiert, dann fühlen wir uns doppelt betrogen.
Die Hoffnungsformel lautet also nicht Win-Win, sondern Loss-Win. Das heißt, um etwas zu gewinnen, geht manchmal ein Verlust voraus. Wir müssen vorher etwas loslassen, uns von etwas verabschieden, was uns lieb geworden ist. Es ist eben nicht so, dass die Vergangenheit nur schlecht war. Es stimmt nicht, dass in der Zukunft nur das Gute der Vergangenheit plus eine noch bessere Version davon auf uns wartet.
Das aber unterschlagen viele, die Verantwortung für andere Menschen haben. Sie versprechen, dass es nur besser werden kann und wir das Beste aus der Vergangenheit mitnehmen und noch etwas Gutes obendrauf geben. Deshalb heißt Führung oder auch Begleitung, Menschen gnädig nach vorne zu führen; ihre Verunsicherung und ihre Ängste ernst zu nehmen.
Auch für uns selbst ist es hilfreich, dass wir uns selbst gegenüber ehrlich sind und dazu stehen, dass es in Krisen und Veränderungsprozessen immer um einen Verlust geht. Es hilft uns anzuerkennen, dass es uns schwerfällt, mit diesem Verlust umzugehen. Das sollten wir nicht verdrängen und uns selbst und anderen Menschen den Raum lassen, diesen Verlust auch angemessen zu betrauern.
Mut statt Rückzug
Erst wenn wir das erkannt haben, sind wir bereit für den nächsten Schritt: Anstatt dass wir uns zurückziehen oder in den Verhinderungsmanövern stecken bleiben, können wir nun den Weg nach vorne suchen. Manchmal müssen wir hierbei einfach mutig sein und uns nicht von äußeren Umständen und Verunsicherung zurückhalten lassen.
Ich formuliere jedes Jahr am Jahresbeginn ein persönliches Jahresgebet. Das ist ein Gebet, das in der Regel einen oder zwei Sätze umfasst, die ich ein Jahr lang bete. Mein Gebet im Jahr 2024 hieß: Gib mir den Mut zum offenen Wort, dass ich Dinge klar und mutig und zugleich liebevoll ansprechen und einbringen kann. Nicht als mürrischer Besserwisser, sondern als weiser und unerschrockener Perspektiven-Erweiterer.
Warum habe ich dieses Jahresgebet gewählt? Ich habe festgestellt, dass ich mich öfters in Situationen wiederfinde, in denen ich mir meinen Teil denke, aber nichts sage. Ich bin anderer Meinung und halte damit hinter dem Berg. Es kann auch sein, dass ich etwas sage, aber nicht den richtigen Ton treffe. Ich will also meine Feigheit, aber auch mein fehlendes Gespür überwinden. Nun ist das wahrlich kein weltveränderndes Mutprojekt. Dennoch ist es für mich persönlich ein fundamental wichtiger Schritt raus aus der Starre.
Ein anderes Beispiel: Ich werde bald 60 Jahre alt und merke, dass meine letzten Jahre von einer gewissen Konstanz geprägt waren, was meine Aufgaben betraf. Obwohl sehr viel los war, konnte ich aus der Fülle meiner beruflichen Erfahrung schöpfen. Nun an der 60er-Schwelle empfinde ich, dass Gott mir immer wieder sagt: „Mensch, jetzt tu nochmal etwas Mutiges, ruh dich nicht aus, sitz die kommenden Jahre nicht einfach aus!“
Mir gefällt das nicht – es beunruhigt mich. Denn sofort meldet sich nicht nur meine Angst vor Veränderung, sondern auch meine Angst vor dem Verlust. Welche Risiken sind damit verbunden, wenn ich loslasse, was mir bis heute Konstanz und Sicherheit gibt? Was ich mit diesen persönlichen Beispielen sagen will: Mut beginnt nicht dort, wo es spektakulär wird.
Mutig sein heißt, den Verlust nicht zu fürchten und die Starre zu überwinden.
Das schließt es mit ein, Fehler zu machen. Fehler sind zum Wachsen da. Wer Fehler vermeiden will, bleibt stehen – und das ist ein Fehler! Ich will also mutiger werden. Aber wie?
Chuzpe wagen
Auch an dieser Stelle hilft mir das Judentum. Das jüdische Volk hat für das, was es in einer solchen Situation braucht, einen Begriff: Chuzpe. Er leitet sich aus dem hebräischen „Chuzpa“ ab und meint Frechheit, Unverfrorenheit, Wagemut, Unverschämtheit und Sturheit. Dieser Begriff kann negativ, aber auch positiv konnotiert sein.
Wir sehen dies bei Abraham, der den Mut hatte vor Gott zu wandeln und nicht nur mit ihm. Das heißt, er eilte Gott hier und da wohl auch einen Schritt voraus, um sich dann später zu entschuldigen, wenn er sich seines voreiligen Handelns bewusst wurde.
Das ist Chuzpe: Nicht mit der ängstlichen Zurückhaltung zu leben, die befürchtet, bei einem allzu mutigen Vorstoß von Gott direkt auf unsanfte Weise wieder auf den Rücksitz verwiesen zu werden. Viele Menschen haben aber genau dieses Bild von Gott. Wie bei vielem ist auch hier Ausgewogenheit wichtig. Es geht nicht darum, bewusst in die verkehrte Richtung zu laufen. Es geht um den Mut, Gott auch mal einen Schritt vorauszugehen.
Mit Blick auf den Glauben könnte man es auch so formulieren: Es geht um ein risikobereites Vertrauen.
Ich muss eben nicht ständig ängstlich fragen, ob ich alles richtig mache, bevor ich den nächsten Schritt gehe – aus lauter Angst, Gott könnte nicht einverstanden sein. Stattdessen können, dürfen und sollen wir auch ruhig mal mutig vorangehen. In 2. Timotheus 1,7 heißt es: „Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“
Nach vorne leben
Das meint, dass wir uns nicht dauernd von der Furcht leiten lassen müssen, etwas falsch zu machen, wenn wir nach vorne leben. Wir brauchen keine extra Einladung von Gott, um unser Leben zu gestalten und Probleme anzugehen. Und wir müssen auch nicht darauf warten, bis der sprichwörtliche Brief vom Himmel kommt. Wenn wir mit Chuzpe wie Nachschon ins Wasser springen und wie Abraham vor Gott wandeln, ist das eine Art von spiritueller Resilienz.
Spirituelle Resilienz lebt aus dem Wissen um die Gnade Gottes, die uns auch dort gilt, wo uns unser Mut auch mal in die falsche Richtung treibt.
Es scheint, als käme Gott mit seinen mutigen Kindern nicht weniger gut zurecht als mit denen, die aus lauter Angst vor einem Fehler nichts wagen. Das Gleichnis von den anvertrauten Talenten in Matthäus 25 lässt sogar darauf schließen, dass das Gegenteil der Fall ist.
Unsere Sicherheit liegt eben nicht darin, dass wir immer die Gewissheit haben, nichts Falsches zu tun. Sie besteht darin, dass wir auch in unsicheren Zeiten mutig und vertrauensvoll nach vorne leben dürfen. Solchen Mut brauchen wir heute ganz besonders.
Dies ist die Verschriftlichung eines Vortrags.