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© Allef Vinicius / unsplash.com

17.01.2022 / Andacht / Lesezeit: ~ 4 min

Autor/-in: Franziska Decker

(Kein) Entgegenkommen

Nah dran und doch weit weg – Ein Blick hinter die ehrbare Fassade.


Er ist stinksauer und versteht die Welt nicht mehr. Seine Welt. In seiner Wut trifft er die Entscheidung: So nicht. Nicht mit mir. Die Rede ist von dem Älteren der beiden Söhne aus dem 15. Kapitel des Lukasevangeliums.

Als er von der Arbeit nach Hause kommt, geht es dort so fröhlich zu wie schon lange nicht mehr. Allerdings ist der Grund für die Feierlaune aus seiner Sicht völlig unangebracht. Sein Bruder ist wieder aufgetaucht. Der hat Mut!
 

Verraten und verkauft

Nach allem, was er sich geleistet hatte: Sein Teil des Familienbesitzes verhökert, vermutlich weit unter Wert, weil er schnell wegwollte. Seinen Vater und die ganze Familie blamiert, so dass die Leute über sie getuschelt hatten. Wie kann sein Vater jetzt nur so tun, als sei das alles nie passiert!

Vielleicht erleben Sie gerade ähnliches: Eine Person, die es Ihrer Meinung nach gar nicht oder zumindest nicht so sehr verdient hat wie Sie selbst, bekommt eine neue Chance, vielleicht sogar eine zweite und eine dritte. Oder Aufmerksamkeit von Menschen, von denen auch Sie es sich wünschen. Dieser Person werden vielleicht bestimmte Kompetenzen übertragen oder eine Position, die nach Ihrem Verständnis von Gerechtigkeit nicht ihr zusteht.

Sie kümmern sich doch schon so lange um Ihre Eltern. Sie engagieren sich seit Jahren in der Gemeinde, damit es rundläuft. Sie sind im Verein eingesprungen, wenn es geklemmt hat. Sie haben für die Belange des Unternehmens, in dem Sie tätig sind, bisher immer Ihr Bestes gegeben.

Es kommt aber noch dicker. Diese Person, dieser Dorn in Ihrem Auge und in Ihrem Herzen, ist auch noch erfolgreich. Mitfreuen? Das ist schwer bis unmöglich. Manchmal finde ich mich in diesem Sohn wieder.
 

Ver-rannt

Wie reagiert der Vater, als er mitbekommt, dass sein älterer Sohn nicht mitfeiern will? Der Vater geht dorthin, wo sein Sohn ist: Vor die Tür. (V 28). Diese Reaktion hat mich sehr berührt. Zuvor war der Vater seinem jüngeren Sohn entgegengelaufen. Jemandem entgegenlaufen kann ich dann, wenn ich weiß, dass sie oder er auf dem Weg zu mir ist. Das war bei seinem Jüngsten der Fall und beide haben sich aufeinander zubewegt. Damit haben sie mit jedem Schritt den Abstand, der zwischen ihnen war, abgebaut. Bei seinem Ältesten ist es anders. Er hat sich eher ver-rannt und hängt fest an seinem Stand-Punkt. Vor der Tür. Bei ihm nehme ich keinerlei Entgegenkommen wahr. Dafür umso mehr Vorwürfe, gewürzt mit moralischer Überlegenheit, Bitterkeit und frommer Selbstgerechtigkeit. Die Wut in ihm bricht sich Bahn. 

Wie sieht er sich selbst? Als einen, der viel arbeitet! Er macht, was von ihm erwartet wird und tut seine Pflicht, ohne aufzumucken. Er ist, zumindest äußerlich, bisher immer nahe dran gewesen an seinem Vater. Hat sich ihm gegenüber noch nie so unverschämt verhalten wie sein Bruder.  
 

Keinen Bock gehabt

Wie nimmt er denn seinen Vater wahr? Als Spaßbremse, die ihn kurzhält und ihm das Fleisch auf dem Grill nicht gönnt. Eine ungerechte obendrein. Sein Bruder, dieser Taugenichts, müsste doch erst wieder ganz unten anfangen und wiedergutmachen, was er angerichtet hat. Unter Beweis stellen, dass er sich wirklich geändert hat. Wie gut ich diese Gedanken selbst auch kenne!

Wie kommt der Sohn zu diesem Vaterbild? Hatte sein Vater nicht auch ihm, dem Ältesten, sein Erbe zugeteilt? (V 12) Demnach hat der Sohn all die Jahre doch für sich selbst gearbeitet. Was er von seinem Vater noch erwartet, gehört ihm also schon die ganze Zeit. Dennoch scheint Mangel sein vorherrschendes Lebensgrundgefühl zu sein. 

Ich fühle mich schon wieder ertappt: Wenn ich mit der „Ich komme zu kurz-Brille“ durch die Gegend laufe, nehme ich in erster Linie das wahr, was offensichtlich fehlt. Warte noch auf etwas, was Gott mir bereits geschenkt hat. Ich sehe es nicht, weil meine innere Haltung einen anderen Fokus setzt.
 

(An-) gesehen

Was tut der Vater? Weder verteidigt er seinen Jüngsten noch rechtfertigt er sich selbst und sein Verhalten. Noch bittet er seinen Sohn, sich doch nicht so anzustellen und einfach mitzufeiern. Er nimmt seinen Ärger und seine Vorwürfe ernst. Dann schildert er ihm seine Sicht der Dinge und diese bedeutet sinngemäß: Mein Junge, warte nicht auf Lohn. Den bekommen nur meine Bediensteten. Beanspruche doch einfach all das für dich, was dir als meinem Kind schon längst gehört.  
 

Wer die Wahl hat …   

Wie entscheidet sich der ältere Sohn? Bleibt er in seiner Verbitterung hängen, im Verzicht und in seinem Gut-Sein? Behält er seine Sicht bei, der Benachteiligte zu sein? Die Geschichte lässt es offen. Damit gibt sie Ihnen und mir Raum, eine persönliche Entscheidung zu treffen. Als Mutter, Bruder, Kollegin, Vater oder Kind. Als Schwester, Freund, Vereinsmitglied oder Führungskraft.

Dabei kommt Gott uns Menschen durch Jesus Christus immer wieder entgegen und geht dorthin, wo wir uns vielleicht verrannt haben und festhängen. Aber er zwingt uns nicht, in Bewegung zu kommen. Was für eine Liebe vom Schöpfer des Universums mir und Ihnen gegenüber! Von dieser Liebe will ich mich wieder neu in Bewegung bringen lassen, damit Jesus meine Beziehung zu mir und zu den Menschen ändern kann, die mir gerade Mühe machen. 
 

 Franziska Decker

Franziska Decker

  |  Koordinatorin Online-Kurse und E-Coaching

Sie begleitet Kursteilnehmer/-innen und ehrenamtliche Mitarbeiter/-innen in den ERF Workshops und koordiniert das Online-Kursangebot.

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