Als ich Schülerinnen und Schüler einer 8. Klasse einmal fragte, was sie werden wollten, sagten einige ohne zu zögern: „Influencer“. Die Gründe lagen auf der Hand. Alltagsroutine in bürgerlichen Grautönen oder ein Leben als selbst gemachter Medien-Held? Coole Klamotten überziehen, die dunkelsten, hintersten Winkel der eigenen Seele vor laufender Kamera entleeren und dafür Follower sammeln? Das wär‘s doch!
Die Allgegenwärtigkeit des Internets bietet erstmals eine Bühne für alle Menschen, mit dem eigenen Kamerateam in der Hosentasche, frei nach dem Motto: „Ich mach mir die Welt widiwidiwie sie mir gefällt.
Ich muss nur das zeigen, was die anderen beeindruckt. Pickel, Falten und schlechte Laune wegretuschieren, die Haare färben, die Wimpern künstlich in eine verführerische Länge ziehen, ein aufgespritzter Schmollmund oder ein Waschbrettbauch dazu – und schon bin ich mein eigener Do-it-yourself-Superstar. Ob als Mann oder Frau, als junger oder alter Mensch.
Christliche Influencer – Selbstdarstellung in fromm?
Gott sei Dank gibt es viele Christen im Medienbereich, die ihren Stammplatz vor der Kamera dafür einsetzen, das Evangelium zu verkünden! Aber auch in der christlichen Media-Welt wimmelt es nur so von Möchtegern-Stars: Sorgfältig kuratierte Selbstdarstellung auf fromm und Gott steht als Statist im Hintergrund. Das aufgeschlagene Andachtsbuch mit einer glatten, edlen Lederhülle. Hochwertige Markierstifte und einen grün-organischen Matcha Latte dazu. Stilvolle Sandtöne mit sanft wehenden beigefarbenen Gardinen als Kulisse im Hintergrund. Zwischendrin der Rabattcode für einen Edel-Lippenstift.
Oder der Prediger, der auf der Bühne in einer dramatischen Pose der Anbetung vor einem Massenpublikum kniet, von rotem Nebel umhüllt, die Hände erhoben – die intimsten Momente in der Gegenwart Gottes geprobt und auf Kameratauglichkeit getestet. Das Kämmerlein mit verschlossener Tür gehört der Vergangenheit an, während wir in eine Generation von Performern und Voyeuren mutieren.
Jesus, der Anti-Influencer
Eine suchtartige Fixierung auf Image ist nichts Neues. Auch zu Jesu Zeit tobte schon die Diskussion um die alte „Schein-oder-Sein“-Frage. Die fromme Elite stand eindeutig auf Schein. Es herrschte eine toxische Atmosphäre des Wetteiferns um Ansehen und Profil für eine erfolgreiche Frömmigkeit.
Toll gefunden zu werden, steht auf dem Regelkatalog an oberster Stelle. Rednerlisten und Sitzordnungen bei Konferenzen deuten auf Status und Level der Prominenz (vgl. Matthäus 23,5). Die Geschliffenheit der liturgischen Rhetorik (vgl. Lukas 18,11) wie auch die Eleganz der geistlichen Gewänder (vgl. Markus 12,38) werden großspurig zur Schau gestellt, um vom Fußvolk bewundernden Beifall zu ernten.
Kein Wunder, dass die Auftritte von Jesus für Skandale sorgen. Ein trotzigeres Kontrastprogramm zur Kultur der Selbstinszenierung gibt es nicht. So entsteht der Spannungsbogen, der das biblische Narrativ zu einer fesselnden und manchmal humorvollen Lektüre werden lässt:
Er hatte keine Gestalt und keine Pracht. Und als wir ihn sahen, da hatte er kein Aussehen, dass wir Gefallen an ihm gefunden hätten (Jesaja 53,2).
Schon hier wäre Jesus bei jedem Casting durchgefallen, nicht mal für die Maske tauglich.
Provokant statt diplomatisch
Das größere Problem für Imageberater und Kamerateams aber wäre sein Verhalten – unbequem und unberechenbar. Demonstrativ lässt Jesus so manches Fettnäpfchen nicht aus, sondern springt mit Anlauf hinein, um etwas klarzustellen und absichtlich zu provozieren. Er bringt seinen Gastgeber Simon von Bethanien ins Schwitzen, als er vor gesammelter Mannschaft dessen hochnäsiges Gehabe anmahnt (vgl. Johannes 12).
Nie biedert er sich vor der frommen Elite an. Stattdessen rügt er sie im Matthäus-Evangelium als Heuchler, Hunde und Schweine, Wölfe und Otternbrut. Er schlägt lukrative Gelegenheiten zur Imagepflege eiskalt ab und boykottiert öffentlichkeitswirksame Versammlungen (vgl. Markus 1,38).
Jesu ganzes Leben ist ein einziges Statement, gerichtet gegen eine Welt aus Image und Schein, deren Vertreter er als „getünchte Gräber“ bezeichnet – außen schön gestrichen, innen stinkend nach vermodernden Knochen und Leichenresten (vgl. Matthäus 23,27). Einem modernen Eventmanager würde dieser Mann Kopfschmerzen bereiten.
Ankunft ohne Glamour-Faktor
Schon Jesu Geburt ist eine Zumutung. Der Tempel in Jerusalem, leuchtend aus der Ferne wie ein Edelstein mit seinen golden verkleideten Außenmauern: Das wäre doch die Kulisse für die Ankunft des Messias. Zentral, bekannt, geistliches Symbol par excellence. Wo sind Jesu Image-Leute geblieben, als er stattdessen in einem kleinen Kaff auf die Welt kommt, dessen Name es nicht mal auf die Landkarte zu finden ist, umgeben von Schafkot und modrigem Heu? Die Aussage ist klar: Hier ist Heimat für Gebrochene, nicht für die, die auf der Überholspur des Lebens sind.
Die ersten Zeugen seiner Ankunft sind keine Priester in edlen Gewändern, sondern bettelarme Saisonarbeiter, erschöpft von zermürbenden Nachtwachen bei den Schafen. Nicht gerade geistliche Überflieger. Keine sanfte LED-Beleuchtung, keine Duftöle oder gesalbte Lobpreisballaden für den geistlichen Gänsehautmoment. Pech für eine Glaubenswelt, die so gerne einen Gott vorzeigen will, der etwas darstellt, auf den man stolz sein kann. Zu dessen Veranstaltungen man gerne einlädt, weil die Stimmung dort so cool ist.
Aber Bescheidenheit und Authentizität lassen sich nicht günstig in Szene setzen.
Die Jünger schreiben ihr eigenes Drehbuch
Es geht im gleichen Stil weiter. Jesus marschiert an den Torhütern von Politik, Kirche und Kultur schnurstracks vorbei und holt seine Leute aus der Fischerei. Keine Doktortitel weit und breit. Sie stinken nach Algen und nach dem Schweiß langer Stunden körperlicher Schwerstarbeit.
Nachdem er mit seiner Verkündigung ihr Herz erobert hat, fangen seine Jünger an, ihr eigenes Drehbuch zu schreiben: Jesus als Held auf der Weltbühne, Jesus an der Spitze einer Eroberungskampagne, die Römer auf der Flucht, Israel in einem neuen goldenen Zeitalter. Brainstorming und Personalentscheidungen für die erste Vorstandssitzung: Wer sitzt rechts, wer links? Wer wird Vizekönig? Sie schmieden Pläne, glatt am Narrativ des ,Protagonisten selbst vorbei. „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“, lehrt er sie (Johannes 18,36). „Unseres aber sehr wohl“, ist ihre unausgesprochene Antwort.
Hinter den Kulissen wird es echt
Dann verwandelt sich der Traum binnen weniger Stunden in einen Albtraum: Die Neider und Hasser rücken näher. Plätze rechts und links gibt es, aber keine Throne, sondern Holzbalken, auf die Verbrecher grausam aufgespießt werden. Jesus wird in einer Nacht-und-Nebel-Aktion verhaftet. Das erste Blut fließt.
Seine Freunde hoffen auf ein sensationelles Spontanwunder wie bei ihrem Freund Lazarus. Mit einem Fingerschnippen könnte Jesus seine Feinde in die Flucht treiben und vor einem globalen Publikum beweisen, dass er der Messias ist. Stattdessen schluchzt er: „Doch nicht mein Wille, sondern der deine geschehe“ (Lukas 22,42). Eine Bühne ja, aber blutverschmiert. Ein Massenpublikum ja, aber voller johlender Schaulustiger statt treuer Fans. Ein Folterinstrument statt eines Seminars über spirituelle Selbstoptimierung. Selbstverlust statt Selbstfindung.
Die Auferstehung – das wäre jetzt die große Chance. Raus in die Öffentlichkeit, Jesus! Beeil dich – Pressekonferenz auf dem Tempelberg, wo die ganze Welt für das Passahfest versammelt ist! Wir sorgen für Ästhetik und Klangfarbe!
Jesus ist aber mit Wichtigerem beschäftigt, nämlich hinter den Kulissen. Er reicht einer weinenden Frau ein Taschentuch (vgl. Johannes 20,15). Tränen – nicht Aktien und Investments – sind sein Betriebskapital. So kennen wir ihn schon: Gott mit der Schürze um die Lenden (vgl. Johannes 13), Gott bei den Kindern (vgl. Mattthäus 19,14), Gott am Seeufer, wo er ein Frühstück für seine Freunde zubereitet (vgl. Johannes 20).
Hinter den Kulissen wird die eigentliche Geschichte geschrieben. Wir dürfen als Jesu Nachfolger diese Momente einfangen, mit unserem eigenen Leben ihre Authentizität ausstrahlen. Uns jeden Tag fragen:
Was würde Jesus tun? Die Menschen beachten, die er beachten würde. Andere in den Blick nehmen, nicht uns selbst. Die beste Nachricht der Welt verkündigen – in den kleinen Begegnungen des Alltags und mit allen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen.
Nicola Vollkommer ist Musikpädagogin, Referentin und erfolgreiche Buchautorin. Sie wuchs zur Zeit der Unabhängigkeitskriege in Nigeria auf. Zusammen mit ihrem Mann leitet sie die selbst gegründete Christliche Gemeinde Reutlingen. Das Ehepaar hat vier erwachsene Kinder.
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