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© Kyle Sudu / unsplash.com

22.01.2024 / Andacht / Lesezeit: ~ 4 min

Autor/-in: Katrin Faludi

Ermutigung undercover

Auch in schlechten Situationen steckt Ermutigungspotenzial. Eine Andacht.

Motivationsprobleme am Montagmorgen – wer kennt sie nicht? Ich war noch geschlaucht vom Weihnachtsmarathon, schlug mich mit einem Infekt herum und hatte obendrein schlecht geschlafen. Dieser Montagmorgen hauchte mich so richtig faulig an. Ich hatte nicht die geringste Lust, in den Tag zu starten und zu arbeiten. Also betete ich: „Gott, ich könnte heute früh wirklich eine Ermutigung gebrauchen.“

Ich habe schon mal die Erfahrung gemacht, wie Gott ein solches Gebet prompt beantwortet („Ich sollte beten – aber wofür?“). Vielleicht würde er ja so freundlich sein, das zu wiederholen. Ausprobieren schadet nicht.

Ich öffnete das Mailprogramm. Zuoberst gleich eine Mail vom Verlag mit einer deftigen Leserbeschwerde zu meinem Roman „Schattenwald“. Was denn bitte Themen wie Rache und Vergeltung in einem Buch aus einem christlichen Verlagshaus zu suchen hätten, mokierten sich die Leser, und überhaupt, diese unanständige Wortwahl! Ich schüttelte verwundert den Kopf. Warum kaufen sich Menschen ein Buch mit der Aufschrift „Thriller“, wenn sie mit Thriller-Stoff nicht klarkommen?

„Nee, Gott“, sagte ich, „das hab ich mir jetzt nicht unter ‚Ermutigung‘ vorgestellt!“
Gott äußerte sich dazu nicht.

Na ja, vielleicht würde sie noch kommen, die erhoffte Ermutigung. Ich wollte mich von der Beschwerde nicht runterziehen lassen, weil mir klar ist, dass man nicht alle Leser glücklich machen kann (und die allermeisten waren es bisher). Trotzdem beschäftigte mich die Sache. Offensichtlich waren diese Leute unglücklich darüber, dass ich keinen christlichen Happy Clappy-Roman geschrieben habe, in dem alles eitel Sonnenschein ist. Sondern, dass ich meine Leser mit unschönen Realitäten unserer Welt konfrontiere.

Warum schreibe ich „so was“?

Im Laufe des Tages dachte ich immer wieder darüber nach und ärgerte mich. Warum hing ich dieser negativen Mail so nach? Warum konnte ich das nicht gut sein lassen? Ich wiederholte meine „Bestellung“ bei Gott: „Etwas Ermutigung, bitte!“ Aber diesmal bekam ich nicht das serviert, was ich mir gewünscht hatte.

Am Abend formulierte ich meine Gedanken zu der Beschwerde in einem Post auf meinem Instagram-Kanal mit der Frage: „Warum schreibe ich ‚so was‘?“ Warum mute ich Menschen mit meinen Texten lieber das Herausfordernde, das Unschöne und auch gerne mal das Verstörende zu? Warum beschäftige ich mich als Christin mit „so was“, statt von Blumenwiesen zu träumen?

Dann kam mir ein Gedanke. Wozu dient eigentlich Literatur? Warum schreiben wir – auch hier bei ERF – der Sinnsender – Texte?

Unsere Aufgabe als Schreibende ist es, für euch Leserinnen und Leser den Realitäten dieser Welt nachzuspüren, das Wahre darin begreifbar zu machen und Empathie zu wecken. Die Realität ist: Gott hat diese Welt gut gemacht und er wird sie zu einem guten Ende bringen. Aber was dazwischen passiert – unser menschliches Leben auf dieser Erde – ist eben nicht nur „schön“, sondern oft das genaue Gegenteil. Doch inmitten dieses Unschönen und Verwerflichen ist Gott zu finden. Drei kurze Beispiele:

Jesus wurde im Dreck geboren, nicht auf dem Golfplatz. Josef wurde Opfer eines Komplotts seiner Brüder, lebte aber gerade dadurch ein erfülltes Leben unter Gottes Segen. Paulus ermahnt die Christen in Rom, nicht selbst Rache zu üben – denn er hat selbst erlebt, wie sehr Vergeltungsgedanken das Denken vernebeln können. Nur wenige Sätze weiter schreibt er: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“ (Römer 12,21).

Über Sünden als Teil unserer Realität zu schreiben, bedeutet nicht, sie gutzuheißen oder gar zu „feiern“. Es bedeutet, von dort aus weiterzudenken. Romanstoff besteht im Wesentlichen daraus, dass Menschen erst schlechte Entscheidungen treffen und im Laufe der Geschichte lernen, was sie tatsächlich brauchen.

Dort lässt sich einhaken und vom Guten erzählen. Denn nichts anderes ist die Geschichte, die Gott immer wieder im Leben von Menschen schreibt: Wie wir nach vielen schlechten Entscheidungen lernen, wenigstens die eine Gute zu treffen.

Ermutigung schaut auch mal böse drein

Davon erzähle ich gerne: Wie Böses mit Gutem überwunden wird, wie Paulus es so episch formuliert hat. Einer seiner besten Sätze, wie ich finde. So durch und durch ermutigend in unserer oft unschönen Welt.

Nachdem ich meine Gedanken fertig formuliert hatte, ist mir selbst zum ersten Mal so richtig bewusst geworden, wofür ich als Schreibende eigentlich stehe. Dazu hat mich diese pickige Mail herausgefordert. Das Ergebnis meines Gedankengangs erfüllte mich mit Zufriedenheit: Ich will nicht die Augen vor der Realität verschließen, weil in jeder Sünde, die uns umgibt, das Potenzial steckt, dass sie von Gutem überwunden werden kann. Klingt ein bisschen träumerisch, nicht wahr? Aber ich bin davon überzeugt, dass das wahr ist.

Mir dämmerte, dass Gott mein Gebet um Ermutigung schon mit dem nächsten Mausklick beantwortet hatte: Mit eben jener übellaunigen Beschwerdemail, die so gar nicht süß und knuddelig daherkam, sondern erst mal meinen Blutdruck ansteigen ließ. Ich bin den Leuten jetzt richtig dankbar für ihren Beitrag. Er hat mich ins Nachdenken gebracht und das im positiven Sinne, denn so wurde die Beschwerde sogar noch zu einer Bestätigung dessen, was ich tue. Sie hat mich ermutigt.

Ermutigung ist nicht immer happy-clappy. Manchmal kommt sie gut versteckt daher, regelrecht böse dreinschauend. Mit Gutem überwunden aber wird daraus etwas Beflügelndes. Wenn du dich das nächste Mal ärgerst und es dich nicht loslässt, dann überlege doch mal, ob darin nicht vielleicht sogar etwas steckt, das dir mit der Mühe des Nachdenkens plötzlich Flügel verleiht. Denn manches Glück, das Gott für uns bereithält, müssen wir uns erst erarbeiten.
 

Autor/-in

Katrin Faludi

  |  Redakteurin

Katrin Faludi hat Medienwissenschaft und Amerikanistik studiert. Hauptberuflich arbeitet sie seit vielen Jahren als Radioredakteurin, nebenberuflich ist sie Buchautorin. Zu ihren Themen gehören Lebenshilfe und seelische Gesundheit, denen sie mit einer Prise Humor sehr gerne die Schwere nimmt. Sie ist verheiratet, hat zwei Kinder und mag alles, was mit Sprache(n) zu tun hat.

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