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© Sixteen Miles out / unsplash.com

24.12.2021 / Gedicht / Lesezeit: ~ 2 min

Autor: Katrin Faludi

Marien Schoß im Tiefgeschoss

Ein weihnachtliches Gedicht von Katrin Faludi.

 

 

In Betlehem die Gäste rennen
Ein die Hotelbuden
Frischvermählt und abgequält
Sind auch zwei junge Juden.

Sind fast zu dritt nach langem Ritt
Die Frau ist in den Wehen
Doch weit und breit kein Mensch bereit
Die beiden aufzunehmen.

Eine Pension in der Region
Das Pärchen noch versucht
„Ein Raum für drei, ham‘ Sie was frei?“
Der Mann am Tresen flucht.

„Bin halb belegt!“, er sich aufregt
„Mehr darf ich nicht vermieten
Und ohne 2G-Kontrollé
Ist Einlass zu verbieten!“

„Wir sind geimpft!“, die Schwangre schimpft
„Und obendrein geboostert!“
Der Hotelier erwidert jäh:
„Boah, is die aufgeplustert!“

„Dies ist die Frucht im heil’gen Leib“
Der Mann interveniert
„Von meinem hochnotschwangren Weib
Das gerade jetzt gebiert!“

„Was, jetzt?“, der Hotelier, entsetzt
„Doch nicht bei mir am Tresen!“
Fluchend und nach Fassung suchend
Sieht man ihn dann pesen.

Der Hotelier rast durchs Foyer
Und in die Tiefgarage
„Entbindet dort an diesem Ort
Erspart mir die Blamage!“

Er kehrt zurück, denkt „Was’n Glück!“
Zum Nickerchen bereit
Doch bald darauf nimmt seinen Lauf
Was lange prophezeit:

Ein lauter Schall, ein Donnerhall
Der Hotelier erschrickt
„Ist ja’n Ding, die Englein sing‘!
Ich werd hier noch verrückt!“

Und dann – verdammt! – ein Licht aufflammt
Über der Tiefgarage
„Was soll der Lärm? Woher der Stern?“
Der Hotelier in Rage.

Dingdong die Tür, „Pardon mein Herr!“
„Ach, Mensch, wat issn nu?“
Dem Hotelier ist‘s ach und weh
Heut wird’s nichts mit der Ruh‘.

Am Empfang, mit Schaf und Lamm
Fünf halbzeriss’ne Typen
Der Hotelier sagt: „Nee, nee, nee!
Ich kann euch nichts vermieten!“

„Musst du nicht“, ein Hirte spricht
„Die Engel ham’s geschworen
Unser Held, der Retter der Welt
Wurd heute Nacht geboren!

„Und wo?“ der Hotelier dann so
„Doch ganz bestimmt nicht hier!“
„Oh doch“, der eine Hirte sproch
„Garagenstellplatz vier!“

„Wir geh’n runter“, die Fünf so munter
„Kommst du mit gratulier‘n?“
„Okay, okay“, der Hotelier
Besinnt sich der Manier‘n.

Er folgt dem Tross ins Tiefgeschoss
Was kommt, das ahnt er nicht
So schreitet er unvorbereitet
geradewegs ins Licht.
 

 Katrin Faludi

Katrin Faludi

  |  Redakteurin

Ihr Kommentar

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Kommentare (3)

Christa T. /

Liebe Katrin, dachte zuerst - oh je, was ist denn das. Hab aber dann immer mehr geschmunzelt und wollte dir *danke* sagen, für dies wundervolle Gedicht.
Viele Grüße und ein wunderbares Weihnachtsfest

Holzblockhaus be /

Herzl. Dank für die moderne, aktuelle Interpretation der weihnachtsbotschaft. Ich habe das gedicht gleich an liebenswerte menschen weitergeschickt, die jedoch leider die frohe botschaft so nicht vernehmen möchten, also eher nicht so gläubig sind.

Helmut R. /

Passt genau in unsere Zeit.
Danke Helmut

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