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24.09.2021 / Andacht / Lesezeit: ~ 9 min

Autor: Steffen Brack

Wie gewonnen ... (1)

Wenn der Hunger nach mehr das Wichtigste verdrängt.

 

 

Das Bedürfnis, unser eigenes Leben irgendwie abzusichern, ist offenbar tief in unserer menschlichen Natur verwurzelt. Doch der Versuch, das durch mehr Geld, mehr Besitz und mehr Erfolg zu erreichen, ist trügerisch. Deshalb sagt Jesus: „Was hat ein Mensch denn davon, wenn er die ganze Welt gewinnt, er selbst dabei aber seine Seele verliert?“
 

Traumjob Lottogewinner

Es war vor etwa 10 oder 15 Jahren. Der Lottojackpot ist auf 38 Millionen Euro angewachsen. Und halb Deutschland befindet sich plötzlich im Lottofieber. Jede Woche wird in den ganz normalen Nachrichten gemeldet: Der Jackpot ist wieder nicht geknackt worden. Und damit wächst die Geldsumme für den Hauptgewinn erneut an – um weitere 1 bis 2 Millionen.

Ein Freund sagt damals zu mir: Du Steffen. Wir wollen uns ja ein Häuschen kaufen. Und ich habe doch tatsächlich jetzt auch einmal einen Lottoschein ausgefüllt. Das habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gemacht. Aber bei 38 Millionen Euro. Ich probiere es jetzt einfach mal.

Gewonnen hat er nicht - mein Freund. Soweit ich mich erinnere, ist ein Krankenpfleger aus Hessen damals der Glückliche. Als einziger hat er die 6 Richtigen getippt – plus Zusatzzahl. Und deshalb geht die gesamte Summe an ihn. Doch der gute Mann meldet sich nicht bei der Lottogesellschaft. Tagelang. Und wieder fiebert Deutschland mit. Denn auch das bringen die Nachrichten jeden Tag. Erst nach einer Woche löst sich die Anspannung im Land.

Der Gewinner des bis dahin größten Lottojackpots in Deutschland hat sich gemeldet. Von dem Krankenpfleger heißt es später: Er ist erst einmal jeden Tag weiter zur Arbeit gegangen. Denn er wollte das alles in Ruhe verarbeiten. Nach ein paar Tagen hat er dann mit seiner Frau gesprochen. Die wusste bis dahin nichts von der neuen Situation. Und erst danach hat er dann Kontakt aufgenommen mit der Lottogesellschaft.

Ich selbst habe zwar noch nie einen Lottoschein ausgefüllt. Aber ich träume auch hin und wieder davon, dass ich einmal viel Geld gewinne und deshalb nicht mehr arbeiten muss. Das würde ich in vollen Zügen genießen und hätte finanziell ausgesorgt. Das stelle ich mir immer wieder einmal vor. Dass ich kein Lotto spiele, das hat einen ganz anderen Grund. Ich bin nämlich in diesem Punkt sehr rational veranlagt. Die Chance, dass jemand beim Lotto den Jackpot gewinnt – die ist extrem gering. Nämlich 1 zu 140 Millionen! Das bedeutet: Die Wahrscheinlichkeit, dass ich vom Blitz getroffen werde, ist 23-mal größer als dass ich den Jackpot im Lotto knacke.
 

Ausgesorgt – ein für alle Mal

Das Bedürfnis, dass ich mir keine Sorgen mehr machen muss um irgendwelche Finanzen, das kenne ich auch. Obwohl ich nicht Lotto spiele. Ich vermute sogar, dass das ganz typisch ist für die meisten Menschen. Und deshalb hat Jesus das Thema immer wieder aufgegriffen. Einmal erzählt er dazu eine Geschichte. Und wie vieles andere, was Jesus gesagt und getan hat, können Sie diese Geschichte in der Bibel nachlesen. Lukas, ein griechischer Arzt, hat einen Bericht über das Leben von Jesus verfasst. Das Lukasevangelium. Und dort heißt es im Kapitel 12, ab Vers 16:

Jesus erzählte ihnen dazu eine Beispielgeschichte: »Ein reicher Mensch hatte eine besonders gute Ernte gehabt. ›Was soll ich jetzt tun?‹, überlegte er. ›Ich weiß gar nicht, wo ich das alles unterbringen soll! Ich hab's‹, sagte er, ›ich reiße meine Scheunen ab und baue größere! Dann kann ich das ganze Getreide und alle meine Vorräte dort unterbringen und kann zu meiner Seele - zu mir selbst - sagen: Liebe Seele! Jetzt bist du auf viele Jahre versorgt. Gönne dir Ruhe, iss und trink nach Herzenslust und genieße das Leben!‹ (Lukas 12,16-19).

 

Solche Geschichten hat Jesus immer wieder erzählt. Es sind Geschichten, mit denen er Wahrheiten über Gott veranschaulicht. Und zwar dadurch, dass Jesus sie mit ganz alltäglichen Erlebnissen „vergleicht“. Deshalb werden diese Geschichten manchmal auch „Gleichnisse“ genannt. Es sind „Beispielgeschichten“. Und mit ihnen will Jesus uns erklären, wie Gott ist. Und wie er sehr er sich um uns Menschen sorgt.

Jesus erzählt diese Beispielgeschichte von dem reichen Menschen vor rund 2.000 Jahren. Damals gehört die Landwirtschaft, mit Säen und Ernten, noch ganz unmittelbar zum Alltag für die meisten Leute. Heutzutage sind ja – zumindest in den Industrieländern – nur noch die wenigsten direkt damit beschäftigt und bauen selbst Nahrungsmittel an. Die meisten von uns gehen vermutlich in einen Supermarkt und bedienen sich dann aus den vollen Regalen. Und zwar mit all dem, was andere irgendwo auf der Welt angebaut haben. Es sei denn, Sie kommen, wie ich, manchmal erst kurz vor Geschäftsschluss in den Markt. Dann sind die Regale meistens nicht mehr so voll. Und ich muss mich mit dem begnügen, was noch übrig ist.

Die Geschichte von dem reichen Menschen, der diese Spitzenernte hat, klingt für unsere Ohren deshalb vielleicht ein wenig fremd. Denn die Landwirtschaft gehört für viele von uns ja nicht mehr unmittelbar zu unserem alltäglichen Leben. Deshalb würde Jesus die Geschichte heute vielleicht etwas anders erzählen. Vielleicht wäre es die Geschichte von einem Menschen, der im Lotto den Jackpot geknackt hat. Denn in der Erzählung von Jesus fällt mir eines ganz besonders auf: der Mensch in der Geschichte zeigt genau die gleichen Bedürfnisse, die ich auch von mir selbst kenne. Nämlich der Wunsch, mein eigenes Leben irgendwie abzusichern. Und das ist offenbar tief in unserer menschlichen Natur verwurzelt.

Die Hauptperson der Geschichte nennt Jesus einfach „Mensch“: „Ein reicher Mensch hatte eine besonders gute Ernte gehabt.“ (Vers 16). Und ich gehe davon aus, das macht Jesus nicht zufällig. Nein. Ich denke, Jesus spricht hier von einem „Menschen“, weil die Sehnsucht und das Bedürfnis des reichen Menschen in der Geschichte auch in jedem anderen Menschen schlummert. Dieses Bedürfnis ist tief verankert in der Natur von jedem von uns. Deshalb fragt sich der Reiche in der Beispielgeschichte:

›Was soll ich jetzt tun? … Ich weiß gar nicht, wo ich das alles unterbringen soll! Ich hab's. … Ich reiße meine Scheunen ab und baue größere! Dann kann ich das ganze Getreide und alle meine Vorräte dort unterbringen und kann zu meiner Seele – zu mir selbst – sagen: Liebe Seele! Jetzt bist du auf viele Jahre versorgt. Gönne dir Ruhe, iss und trink nach Herzenslust und genieße das Leben!‹ (Lukas 12,17-19).

 

Was der Mensch in der Geschichte hier zu sich selbst sagt, das ähnelt doch auch meinen Tagträumen von einem unbeschwerten Leben. Und zwar verblüffend genau. Das gibt doch im Grunde genommen auch mein Bedürfnis absolut treffend wieder: „Dann kann ich zu meiner Seele – zu mir selbst – sagen: Liebe Seele! Jetzt bist du auf viele Jahre versorgt. Gönne dir Ruhe, iss und trink nach Herzenslust und genieße das Leben!‹“
 

Menschsein im Ausnahmezustand

Woher kommt diese scheinbar unausrottbare Sehnsucht? Das Bedürfnis, dass ich einmal endgültig ausgesorgt haben will – für den Rest meines Lebens? Ich meine, dahinter steht zunächst einmal ein ganz menschliches Verlangen: nämlich das Bedürfnis nach Sicherheit. Die Sicherheit, dass ich gut versorgt bin. Dass ich mit meinem ganzen Leben in Sicherheit bin. Denn wir leben in einer Welt, in der manches ganz und gar nicht sicher ist.

Wenn ich das richtig verstehe, dann hat das viel mit der Tatsache zu tun, dass wir als Menschen eigentlich für eine Welt geschaffen wurden, in der wir tatsächlich sicher sind. Sicher vor all den Unwägbarkeiten, die in dieser Welt auf uns zukommen, in der wir jetzt leben.

Das mag vielleicht etwas merkwürdig klingen. Aber so wie ich Gott verstehe, macht er uns auf den ersten Seiten der Bibel deutlich: die Welt, so wie wir sie jetzt erleben, ist nicht das ursprüngliche Zuhause, das Gott für uns Menschen vorgesehen hatte. Sie und ich, wir wurden für eine Welt geschaffen, in der alles gut ist. Wirklich alles.

In der Bibel wird diese Welt gleich auf den ersten Seiten beschrieben (1. Mose 2,5-25). Es ist der Garten, den Gott selbst auf der Erde gepflanzt hat. Und in dem die ersten beiden Menschen lebten: Adam und Eva. Für Essen war bestens gesorgt. Von allen Bäumen des Gartens konnten die beiden essen. Sie konnten sich einfach bedienen. Und sie mussten sich ihren Lebensunterhalt nicht mühevoll erarbeiten. Und nichts Böses konnte dieser guten Welt etwas anhaben. Die Menschen waren dort sicher. Vollkommen sicher.

Jener Garten wird auch häufig das „Paradies“ genannt. „Paradies“ ist das altpersische Wort für Garten. Und oft bezeichnet es in der deutschen Sprache diese vollkommen gute Welt, die Gott am Anfang geschaffen hat. Und ich meine: auch heute tragen wir alle immer noch diese Sehnsucht in uns – die Sehnsucht nach jener Welt. Denn auch wenn wir sie schon lange verloren haben: wir wurden von Gott für jene Welt erschaffen. Und deshalb ist auch die Sehnsucht in mir wie in jedem anderen Menschen so groß: die Sehnsucht danach, dass ich gut versorgt bin. Dass ich sicher bin. Dass mein Leben nicht bedroht ist.
 

Hunger nach mehr

Deshalb kann ich den reichen Menschen in der Beispielgeschichte von Jesus auch gut verstehen. Vermutlich würde ich an seiner Stelle das gleiche denken:

Dann kann ich das ganze Getreide und alle meine Vorräte dort unterbringen und kann zu meiner Seele sagen: Liebe Seele! Jetzt bist du auf viele Jahre versorgt. Gönne dir Ruhe, iss und trink nach Herzenslust und genieße das Leben!‹ (Verse 18-19).

 

Und das ist ja wohl auch der Grund, warum Jesus diese Geschichte erzählt. Weil er genau weiß: die meisten von uns ticken ganz ähnlich. Es ist wohl nur allzu menschlich ist, was der Reiche denkt und was er vorhat. Und durch was er sein Leben absichern will: nämlich durch seine gute Ernte und durch größere Scheunen. Also durch mehr Besitz und durch mehr Wohlstand. Und genau hier irrt er, der reiche Mensch.

Auch wenn die Sehnsucht ganz menschlich ist – die Sehnsucht danach, dass ich in Sicherheit leben kann, gut versorgt bin und nicht bedroht werde – auch wenn diese Sehnsucht so gut nachvollziehbar ist: der Glaube, dass ich durch mehr und immer noch mehr Besitz mein Leben absichern kann. Dass ich durch immer noch größere Vorratshäuser und immer noch mehr Geld und Rücklagen das verlorene Paradies zurückbekommen kann. Dieser Glaube ist ein Irrtum. Ein Denkfehler. Ein Trugschluss. Und schon viele haben das in ihrem Leben erfahren.

Noch einmal ein Beispiel von einem Lottogewinner. Genauer gesagt vom ersten großen Jackpotgewinner in Deutschland. Das ist Walter Knoblauch gewesen, ein Artist ohne Arbeit aus Norddeutschland. 1956 gewinnt er 500.000 Mark. Damals eine ungeheure Summe. Umgerechnet nach der damaligen Kaufkraft wären das heute auch fast 2 Millionen Euro. Seine Glückszahlen, die er auf dem Lottoschein ankreuzt: 15, 17, 20, 23, 31, 35 und die Zusatzzahl 26. Doch das unverhoffte Vermögen überfordert den Mann, der bis dahin seinen Lebensunterhalt damit verdient hat, dass er Bürsten verkauft. So feiert er eine gigantische Hochzeit. Mit dickem Mercedes. Und das Brautkleid seiner Frau ziert eine Schleppe, die dreieinhalb Meter lang ist. 20.000 Mark kostet der Spaß.

Frisch verheiratet kauft das Paar ein Hotel. Doch nach nur drei Monaten geben sie es wieder auf. Immer hemmungsloser werfen die beiden mit ihrem Geld um sich. Und so ist es kein Wunder, dass eines Tages von dem Lottogewinn nichts mehr übrig ist. Und das, obwohl sie tatsächlich noch einmal 300.000 Mark gewinnen. Walter Knoblauch denkt dabei noch nicht einmal nur an sich. Er leiht jemandem eine große Summe, schenkt seiner Frau kostbaren Schmuck und teure Kleidung – bis dann mit einem Mal alles weg ist: das ganze Geld. Das Ehepaar Knoblauch landet in einer Unterkunft für Obdachlose. Und bis zu ihrem Lebensende kommen sie nicht mehr aus der Armut heraus.

So verständlich der Wunsch auch ist, das eigene Leben durch Geld und Besitz abzusichern: Es ist ein Trugschluss, dass das gelingen kann. Und immer wieder erliegen Menschen diesem Irrglauben.

Dieser Artikel wird in Teil 2 fortgesetzt.

 

 Steffen Brack

Steffen Brack

  |  Redakteur und Theologe
Theologe und Redakteur, verheiratet, drei Kinder. Begeistert von Gottes unerschütterlicher Liebe.

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