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© Nathan Mcbride / unsplash.com

21.08.2021 / Andacht / Lesezeit: ~ 10 min

Autor: Steffen Brack

Leben mit dem Unsichtbaren (1)

Wie können wir Gott vertrauen, wenn wir ihn nicht einmal sehen?


Es waren Teenager, die dem Theologen Steffen Brack die Frage gestellt haben: „Wie können wir denn mit Gott leben, wenn er doch unsichtbar ist?“ Und weil er sich selbst diese Frage noch nie gestellt hatte, nahm er sich Zeit, um Antworten zu finden. Antworten, die so praktisch sind, dass sie auch wirklich helfen, dem unsichtbaren Gott zu begegnen.
 

Gott ist doch unsichtbar!

Ich sitze mit einer Gruppe von Teenagern zusammen. In den letzten zwei Jahren haben wir uns jede Woche getroffen und zusammen über Gott nachgedacht. In unserer Freikirche heißt das Biblischer Unterricht. Manche von Ihnen werden etwas ganz ähnliches als Konfirmandenunterricht kennen.

Als ich nun am Ende der zwei Jahre mit diesen Teenies zusammensitze, entwickelt sich ein richtig gutes Gespräch. Und schließlich sagt einer von ihnen: „Steffen. Wir haben jetzt zwei Jahre lang viel darüber gesprochen, wie wir mit Gott leben können. Aber was ich nicht verstehe: Wie können wir denn mit Gott leben, wenn wir ihn noch nicht einmal sehen? Gott ist doch unsichtbar!“

Wow. Was für eine Frage. Ich überlege eine Weile. Dann sage ich etwa folgendes: „Das ist eine echt gute Frage. Und ich habe sie mir so noch nie gestellt. Darüber muss ich erst einmal nachdenken.“ Und das tue ich dann auch. Ich nehme mir zuhause Zeit. Denn ich will Antworten finden. Gute Antworten, die so praktisch sind, dass sie den Teenagern auch wirklich helfen. Und sie dem unsichtbaren Gott begegnen können. Ihn ganz persönlich kennen lernen.

Aus den Antworten, die ich damals finde, mache ich dann die Predigt für den Abschlussgottesdienst zum Biblischen Unterricht für die Teenager. Und nach dem Gottesdienst kommt ein Vater zu mir und meint: „Das war ein ganz wichtiges Thema für unsere Kinder. Vielen Dank.“
 

Mit Gott leben – auch wenn wir ihn nicht sehen

Wie können wir mit Gott leben, wenn wir ihn doch nicht sehen? Das ist die Frage, die mir ein Teenager damals gestellt hat. Und diese Frage bewegt wohl auch viele andere Menschen. Und deshalb mache ich das jetzt hier zum Thema. Gott ist nicht sichtbar – zumindest für uns Menschen. Wie kann ich ihn dann trotzdem finden? Ihn kennenlernen? Und mit ihm leben?
 

Nicht sichtbar – und doch Wirklichkeit

Das allererste, worauf ich bei meiner Suche nach Antworten gestoßen bin, ist die Tatsache: wenn etwas nicht sichtbar ist, kann es trotzdem absolut real sein – also wirklich da sein. Existieren. Deshalb überschreibe ich das Thema auch so: Nicht sichtbar – und doch Wirklichkeit.

Jesus selbst hat schon darauf hingewiesen. Nikodemus war ein hochgebildeter Mensch. Er war Regierungsmitglied der damaligen jüdischen Selbstverwaltung. Und zu diesem klugen Mann sagt Jesus:

Es ist damit wie beim Wind. Er weht, wo er will. Du spürst ihn auch, aber du kannst nicht erklären, woher er kommt und wohin er geht. So kann man auch nicht erklären, wie diese Geburt aus Gottes Geist vor sich geht, obwohl jeder ihre Auswirkung spürt (Johannes 3,8).

 

Jesus erklärt seinem Gegenüber in diesem Gespräch: Nikodemus, du bist klug, gebildet, erfolgreich – aber dir fehlt etwas ganz Entscheidendes. Wenn du wirklich zu Gott gehören willst, musst du noch einmal ganz neu gemacht werden. Du brauchst im Grunde genommen eine neue Geburt. Du musst mit Gott versöhnt werden. Und zwar durch den Glauben an mich. An Jesus, den lebendigen Gottessohn. Durch den Glauben daran, dass ich am Kreuz mein Leben als Opfer hingebe – und so die Schuld jedes Menschen tilge. Denn wer das glaubt, der erfährt diese neue Geburt – hervorgebracht durch den Geist Gottes.

Er oder sie wird eine neue Schöpfung. Und dieses neue Leben von Gott, das kannst du einem Menschen nicht ansehen von außen. Aber das neue Leben durch den Glauben an mich, an Jesus, das wirkt sich aus. Es verändert Menschen zum Guten – von innen heraus. Dieses neue Leben ist ganz real. Absolut wirklich. Und die Auswirkungen davon merkt jeder. Auch wenn dieses neue Leben nicht sichtbar ist.
 

Der Wind – nicht sichtbar, aber wirksam

Und nun kommt der entscheidende Punkt für die Frage: Wie kann ich mit Gott leben, wenn ich ihn gar nicht sehe. Denn Jesus vergleicht die neue Geburt, das neue Leben durch den Glauben an ihn – dieses neue Leben vergleicht Jesus mit dem Wind: „Es ist damit wie beim Wind. Er weht, wo er will. Du spürst ihn auch, aber du kannst nicht erklären, woher er kommt und wohin er geht.“

Der Wind ist für unser menschliches Auge nicht sichtbar. Aber jeder weiß natürlich, dass der Wind wirklich da ist, wenn er weht. Denn ich kann sehen, was er bewirkt. Ein leichter Sommerhauch bewegt das Gras und die Blumen auf der Wiese ganz sachte. Frischt der Wind etwas auf, dann höre ich die Blätter in den Bäumen leise rauschen. Nimmt der Wind noch weiter zu, dann biegt er kleinere Äste. Aber bei allem können Sie und ich den Wind selbst nicht sehen. Sondern wir nehmen nur das wahr, was er in Bewegung setzt.

Mit meiner Tochter war ich neulich mit dem Fahrrad unterwegs. Und gleich am Anfang unserer üblichen Runde geht es etwas bergauf. Und ganz erfreut stelle ich an diesem Abend fest: das geht ja heute viel einfacher als beim letzten Mal. Doch das liegt nicht etwa daran, dass ich jetzt schon wesentlich fitter bin. Nein. Wir haben Rückenwind. Das kann ich an den Grashalmen am Straßenrad eindeutig ablesen.

Es ist verblüffend, wieviel das ausmacht, ob ich Rückenwind oder Gegenwind habe. Und das gilt nicht nur beim Fahrradfahren. Auch beim Fliegen ist der Unterschied gewaltig. Je nach Strecke kann ein modernes Verkehrsflugzeug eine Stunde früher oder später am Ziel abkommen. Und das hat mit dem Wind zu tun. Und der ist nicht sichtbar, aber seine Auswirkungen sind enorm.
 

El Niño

Vor Jahren entdeckten Wetterforscher ein Phänomen, das sie später El Niño nennen. Der Luftdruck über dem südasiatischen Kontinent nimmt zu, über dem Pazifik sinkt er. Die Meeresströmung von Ost nach West nimmt ab. Und der Monsun über Indien führt viel mehr Niederschlag mit sich als normalerweise. Mit schlimmen Folgen für die betroffenen Küstenregionen, auf die der Sturm trifft.

Die Meteorologen haben mittlerweile viel über El Niño gelernt, aber warum sich manchmal der Luftdruck über Südostasien erhöht und gleichzeitig über dem Pazifik sinkt, das bleibt ein Rätsel. Das meint Jesus, wenn er über den Wind sagt: „Er weht, wo er will. Du spürst ihn auch, aber du kannst nicht erklären, woher er kommt und wohin er geht.“ Der Wind ist unsichtbar, aber absolut real. Und er kann sich gewaltig auswirken.
 

Was ist das denn?

Als unsere Kinder noch klein waren, fuhren wir jedes Jahr ein oder zweimal nach Hamburg. Von Hessen aus. Das ist jetzt so ungefähr 20 Jahre her. Einmal sehe auf dem Rückweg vor mir einen Tieflader – das sind die LKW-Anhänger für ganz schwere Lasten. Ich sehe also vor mir einen LKW mit so einem Tieflader dran. Und darauf ist ein riesiger Ring, aus Stahl, hochkant aufgestellt. Durchmesser vielleicht 3 oder 4 Meter. Als wir vorbeifahren erkenne ich noch mehr: der Ring ist von der Seite gesehen etwa 3 Meter tief. Ich verstehe nicht, was das sein soll.

Nach einer Weile sehe ich wieder einen LKW mit Tieflader. Und darauf seht der nächste riesige Stahlring. Wie der erste. In den nächsten Minuten kommen wir an weiteren LKWs mit solchen gewaltigen Ringen vorbei. Und mir fehlt jede Erklärung, was das sein könnte. Das Rätsel löst sich aber am Ende doch noch. Wir kommen an einem letzten LKW mit Schwerlastanhänger vorbei. Und auf dem steht diesmal kein Ring aus Metall. Sondern darauf liegt ein ungeheuer langer Gegenstand. Vielleicht 10 Meter oder noch mehr.

Weil wir nicht viel schneller als der LKW sind, kann ich mir das alles ganz in Ruhe ansehen. Das gigantische Teil hat an einem Ende eine abgerundete Spitze, die rot lackiert ist. Der Rest erstrahlt in reinem Weiß. Dazu ist das eher flache Gerät in sich irgendwie verwunden. Und dann weiß ich, was ich da vor mir habe. Das ist das haushohe Rotorblatt eines Windrades. Mit dem Strom aus Wind gewonnen wird. Und die Stahlringe, die ich davor gesehen habe, sind die einzelnen Bauelemente des Mastes, an dem oben der Stromgenerator befestigt wird. Und die drei Rotorblätter. Jedes davon etwa 10 Meter lang.

Als ich an diesem gewaltigen Rotorblatt langsam vorbeifahre, wird mir bewusst: der Wind kann unfassbar große Kräfte entwickeln. Damit lassen sich sogar derart monströse Rotorblätter in Bewegung setzen. Und das alles mit einem Wetterphänomen, das absolut unsichtbar ist. Aber ohne irgendwelche Zweifel ganz und gar Wirklichkeit. Und mit dieser unsichtbaren Kraft vergleicht Jesus auch das Wirken, mit dem Gott in unser Leben eingreifen will. Wie beim Wind, so ist das auch mit Gott: er ist zwar unsichtbar, aber er wirkt trotzdem. Und das, was er bewirkt, kann ebenso gewaltig sein wie beim Wind. Ja im Grunde genommen sogar noch gewaltiger. Wenn Gott das will.
 

Kyrill – Sturm über Deutschland

Es war im Januar 2007. Ich fahre mit dem Mountainbike durch die Wälder im Taunus. Mit einem Mal stehe ich vor einem Hindernis. Fichten, vom Orkan Kyrill wie Streichhölzer umgeknickt, versperren mir den Weg. Und sie türmen sich vor mir derart hoch auf – ich würde es nicht glauben, wenn ich es nicht selbst gesehen hätte. 4 bis 5 Meter waren das.

Nun ist Wind an sich überhaupt nicht sichtbar. Auch nicht ein Orkan wie Kyrill. Doch die Auswirkungen von Winden und Stürmen, die sind total wirklich. Und manchmal auch gewaltig.

Das Beispiel von Jesus mit dem Wind ist genial. Auch wenn ich ihn mit meinen Augen nicht sehen kann: er ist absolut real. Und die Kraft des Windes setzt alles Mögliche in Bewegung: vom kleinsten Grashalm bis zum riesigen Mammutbaum. Und das ist bei Gott genauso:

Gott ist für uns Menschen unsichtbar. Ja. Aber er ist trotzdem da. Ist dennoch Wirklichkeit. Und Gottes Macht wirkt in unserem Universum. Und wer es zulässt, der erfährt, wie Gott auch in seinem eigenen Leben handelt.

 

Überführt vom Unsichtbaren

Zu dem Thema: Wie kann ich mit einem Gott leben, den ich nicht einmal sehen kann? – Zu diesem Thema gibt es in der Bibel eine weitere Aussage, die eine Menge Licht ins Dunkel bringt. Dieser Satz steht im Neuen Testament, dem zweiten Teil der Bibel. Und zwar im Hebräerbrief. Da heißt es im Kapitel 11, Vers 1:

Was aber heißt: Glaube? Der Glaube ist die feste Gewissheit, dass sich erfüllt, was Gott versprochen hat; er ist die tiefe Überzeugung, dass die unsichtbare Welt Gottes Wirklichkeit ist, auch wenn wir sie noch nicht sehen können.

 

Wörtlich kann ich es auch so übersetzen: Der Glaube ist ein Unterpfand für Gehofftes und ein Überführtsein von Dingen, die man nicht sieht.“

Es gibt außer unserer sichtbaren Wirklichkeit noch eine weitere. Und das ist die unsichtbare Realität Gottes. Eine Welt, die für unsere menschlichen Sinne nicht wahrnehmbar ist. Die aber ebenso wirklich ist. Genau so wahr. Und gleichermaßen existent. Diese unsichtbare Wirklichkeit Gottes ist so real, dass Menschen davon regelrecht überführt werden können. Selbst wenn diese Welt normalerweise unserer Wahrnehmung verborgen ist. So ist es hier formuliert im Hebräerbrief.

Zu den ersten Menschen im Weltall gehörten auch der russische Kosmonaut Jurij Gagarin und der amerikanische Astronaut John Glenn. Einmal fragte Gagarin seinen amerikanischen „Kollegen“ Glenn: „Haben Sie bei ihrem Raumflug den lieben Gott gesehen?“ Darauf Glenn: „Der Gott, an den ich glaube, ist nicht von der Art, dass ich ihn von der Luke einer Raumkapsel sehen könnte.“

Überführt von einem Gott, der nicht sichtbar ist. Aber dennoch da. Und der will, dass Menschen ihn finden. Vor ein paar Jahren hörte ich von einem ungewöhnlichen Ereignis auf Sumatra. Die Trommeln dröhnen durch die Nacht. Bewaffnete Männer machen sich auf den Weg durch den Urwald. Im Norden Sumatras. Sie gehören zum Stamm der Batak. Ihr Ziel: das Häuschen von Ludwig Nommensen. Der Ausländer, der sie mit der Liebe Gottes bekannt machen will.

Laut johlen sie und schreien, während sie sein Zuhause umstellen. Vom Gebrüll erwacht, ist dem Jesusmann die Gefahr sofort bewusst. Er kniet sich hin und bittet Gott, ihn zu beschützen. Dann legt er sich wieder ins Bett.

Was danach geschieht bekommt Nommensen gar nicht mit. Die Batakkrieger stürmen los. Jetzt werden sie den Missionar ermorden. Aber im selben Augenblick sehen sie Soldaten, die aus der Haustür treten. Allesamt starke Männer und bewaffnet. Später fragen die Bataks Nommensen: „Woher kamen die denn?“ Darauf Ludwig Nommensen: „Bei mir gab es nie Soldaten. Aber offensichtlich hat der lebendige Gott in dieser Nacht seine Engel geschickt, um mich zu bewachen. Und ihr habt sie jetzt mit euren eigenen Augen gesehen.“

Der Artikel wird in Teil 2 fortgesetzt.

 

 Steffen Brack

Steffen Brack

  |  Redakteur und Theologe
Theologe und Redakteur, verheiratet, drei Kinder. Begeistert von Gottes unerschütterlicher Liebe.

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