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© raychan / unsplash.com

14.06.2021 / Andacht / Lesezeit: ~ 5 min

Autor: Hanna Willhelm

Bitte recht freundlich!

Warum Christen im Konfliktfall öfters mal nachgeben sollten. Eine Andacht.

Niemand wird gerne übers Ohr gehauen und doch passiert es leider manchmal. Als Familie haben wir das vor einigen Jahren erlebt, als wir für unseren Sohn einen hochwertigen Kinderschreibtisch samt Stuhl gebraucht gekauft hatten. Der Verkäufer wollte auf Ebay noch eine ordentliche Stange Geld dafür haben. Der Preis war für uns in Ordnung, weil wir überzeugt davon waren, ein gutes Produkt zu erhalten. Nachdem wir die Ware abgeholt und bezahlt hatten, entdeckten wir daran nach und nach allerdings Mängel, auf die der Verkäufer nicht hingewiesen hatte. Pech gehabt, könnte man sagen – es stand ja schließlich in der Anzeige „gekauft wie gesehen“. Trotzdem hat mich das Verhalten des Verkäufers verärgert. Sein freundliches Verhalten hat im Nachhinein einen ziemlich schalen Beigeschmack bekommen.

Zerstörtes Vertrauen schadet, und das nicht nur in Geschäftsbeziehungen. Auch im zwischenmenschlichen Bereich nehme ich eine Habachtstellung ein, wenn ich das Gefühl habe, dass der andere nicht vertrauenswürdig ist. Auf eine engere Beziehung mit einer solchen Person lasse ich mich nicht mehr ein. Schließlich will ich nicht übervorteilt werden, weder emotional noch finanziell.

Recht bekommen – um jeden Preis?

Ganz im Gegensatz zu dieser Selbstschutzreaktion steht eine Anweisung, die der Apostel Paulus den Christen in Korinth gegeben hat. Zwischen einzelnen Gemeindemitgliedern war es zu einem Rechtsstreit gekommen, weil einer den anderen betrogen hatte. In diese angespannte Situation hinein schreibt Paulus folgendes: „Dass ihr überhaupt gegeneinander vor Gericht zieht, ist schon eine Niederlage für euch alle. Warum seid ihr nicht bereit, euch Unrecht zufügen zu lassen? Warum könnt ihr es nicht ertragen, wenn jemand sich auf eure Kosten bereichert?“ (1. Korintner 6,7; NGÜ).

Wenn ich das lese, muss ich schlucken. Und ich fange an, mit Paulus zu diskutieren: „Das kannst Du nicht ernst meinen, Paulus! Wir sollen es ertragen, wenn sich jemand auf unsere Kosten bereichert? Das ist ein schlechter Witz, eine unmögliche Forderung! Wo kämen wir hin, wenn Betrüger nicht zur Rechenschaft gezogen werden! Soll ich denn alles mit mir machen lassen?“ Die letzte Frage würde Paulus wahrscheinlich mit Nein beantworten. Er ist selbst für sein Recht als römischer Staatsbürger eingestanden, wenn ihm - etwa von Seiten der Behörden - Unrecht getan wurde. In anderen Situationen hat der Apostel aber auch darauf verzichtet, Recht zu bekommen oder mit der ihm zustehenden Würde behandelt zu werden. Dass Menschen von Jesus hören und dass Gott geehrt wird, war ihm im Einzelfall wichtiger als sein Ruf oder sein Gerechtigkeitsempfinden.

Beim Lesen des Textes in seinem Zusammenhang stolpere ich über eine weitere Aussage des Apostels. Kurz bevor er die oben zitiere Anweisung gibt, schreibt er folgendes: „Wisst ihr denn nicht, dass die, die zu Gottes Volk gehören, einmal die Welt richten werden? Die ganze Welt muss im Gericht vor euch erscheinen! Und da gebt ihr solch ein unwürdiges Bild ab und seid nicht einmal imstande, über die kleinsten Kleinigkeiten zu urteilen?“ (1. Kor 6,2; NGÜ). Wow! Was für eine Perspektive! Selbst Engel gehören laut Paulus zu denen, die von der christlichen Gemeinde eines Tages gerichtet werden sollen. Kein Wunder, wenn der Apostel kein Verständnis dafür hat, wenn sich Christen wegen geringfügiger Sachverhalte in die Haare geraten.

Unrecht ertragen lernen

Paulus stellt das Leben eines Christen in einen größeren Zusammenhang als das, was menschlich sichtbar ist. Er vertraut darauf, dass Gott sein Leben in der Hand hält und für ihn sorgt. Der einflussreiche Verkündiger des christlichen Glaubens weiß: „Mein Leben hier auf dieser Erde ist nicht alles. Was ich jetzt erlebe und durchleide, muss zu meinem Besten dienen. Und nach dem Tod geht es weiter – in einer Welt, in der ich nicht mehr unter Ungerechtigkeit leiden muss und in der Gott mich rechtfertigen wird.“ Das gibt dem Apostel die Kraft es auszuhalten, wenn andere ihn unfair behandeln oder wenn er den Kürzeren zieht.

Auch Jesus hat so gelebt. In der berühmt gewordenen Bergpredigt fordert er seine Nachfolger zu folgendem Verhalten auf: „Setzt euch nicht zur Wehr gegen den, der euch etwas Böses antut. Im Gegenteil: Wenn dich jemand auf die rechte Backe schlägt, dann halt ihm auch die linke hin.“ (Mat 5,39; NGÜ) Ob Paulus diese Worte im Hinterkopf hatte, als er den Christen in Korinth den Rat gab, sich lieber betrügen zu lassen, als Streitigkeiten juristisch auszutragen?

Verzicht als Lösung

Beide Aufforderungen stellen mein Gerechtigkeitsempfinden und mein Bedürfnis, mich zu wehren und mich zu schützen aufs Äußerste in Frage. Mir fällt es manchmal schon nicht leicht, anderen zu vergeben, wenn sie mich mit Kleinigkeiten verletzt haben. Und spätestens beim Geld hört die Freundschaft bekanntermaßen sowieso auf. Aussagen wie diese machen mir neu klar, dass es im Alltag eine ganze Menge von mir fordern kann, wenn ich Jesus nachfolgen möchte: Kann ich zurückstecken, wenn mir Unrecht getan wird? Im Vertrauen darauf, dass Gott die Dinge in Ordnung bringt?

Wie das praktisch aussehen kann, zeigt eine alte biblische Geschichte, die sich lange vor Jesus und Paulus abgespielt hat: Die beiden Patriarchen Lot und Abraham besitzen im landwirtschaftlich geprägten Kanaan jeweils große Viehherden. Als die vorhandenen Weideplätze deswegen knapp werden, kommt es unter ihren Hirten zum Streit. Abraham ist der ältere der beiden und hätte nach damaligem Brauch den Vortritt gehabt. Lot hätte umgekehrt nachgeben und sich mit den schlechteren Weideflächen begnügen müssen. Aber Abraham handelt anders. Die Beziehung zu seinem Neffen ist ihm wichtiger als der wirtschaftliche Gewinn. Aus diesem Grund lässt er dem Jüngeren den Vortritt und nimmt die schlechteren Bedingungen für sich und seine Angestellten in Kauf (nachzulesen in 1. Mose 13,1-12).

Die Pastorin und Seelsorgerin Astrid Eichler leitet aus dieser Erzählung in ihrem Buch „Friede, Freude, Pustekuchen!“ einige Denkanstöße und Handlungsanweisungen ab, die ich beeindruckend finde. Deswegen möchte ich sie zum Schluss hier in Ausschnitten zu Wort kommen lassen. Frau Eichler schreibt: „Haben wir Angst, zu kurz zu kommen? Was ist, wenn wir verzichten? Großmut und Verzicht sind überraschende, aber sehr wirksame Wege der Konfliktlösung. Die Frage „Was ist besser?“ kann sehr hilfreich sein, wenn es um Verzicht geht. Lohnt es sich wirklich weiter zu kämpfen? Was verliere ich, wenn ich verzichte? Ist der Gewinn beim Verzicht nicht doch größer? Diese Art von Konfliktlösung braucht Gottvertrauen als Basis. Sonst ist es verrückt. Aber wie gut, wenn wir ver-rückt werden. Da werden Konflikte anders lösbar.“

 Hanna Willhelm

Hanna Willhelm

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