Navigation überspringen
© Nikish H/stock.adobe.com

13.07.2026 / Andacht / Lesezeit: ~ 6 min

Autor/-in: Theresa Folger

1x Jesus, Größe M

Deine Bestellung „Jesus“ ist sofort verfügbar. Einschränkung: Nicht in deiner Wunschgröße.

Wenn du dir deinen Jesus selbst zusammenstellen könntest: Wie würde er aussehen?

Wäre er der verständnisvolle Seelsorger, der dich niemals überfordert, dir immer ein gutes Gefühl vermittelt und bei jedem Problem erst einmal einen Kamillentee aufsetzt? Oder wäre er eher der kompromisslose Wahrheitsprediger in Latschen, der endlich mal Klartext redet und in den Kirchen dieser Welt aufräumt?

Vielleicht wäre er ein wenig von beidem. Allerdings gibt es da ein Problem: Der biblische Jesus macht es uns schwer, ihn sauber in eine bestimmte Rolle zu pressen.

Denn wer die Evangelien aufmerksam liest, stößt schon nach ein paar Kapiteln auf eine Person, die sehr unterschiedlich agiert und schwer greifbar ist.

Warum wirkt Jesus in der Bibel oft so anders als die Bilder, die heute von ihm gezeichnet werden? Und was bedeutet das für unseren Umgang mit ihm?

Unsere kulturelle Brille

Im Neuen Testament ist an vielen Stellen wenig von der sanftmütigen Jesusfigur zu sehen, die in Predigten, Andachten oder christlichen Filmen vermittelt wird. Mehr noch, Jesus wirkt stellenweise richtig unsympathisch.

So verbietet er einem willigen Nachfolger, seinen Vater zu begraben, und verlangt von einem anderen, bettelarm zu werden, um in den Himmel zu kommen. Er weist seine eigene Mutter bei der Hochzeit zu Kana zurecht und vergleicht eine Ausländerin mit einem Hund.

Das ist krass und entspricht wohl kaum dem, wie wir uns Jesus gerne vorstellen. Allerdings müssen wir bedenken, dass wir die Texte durch unsere eigene kulturelle Brille lesen.

Jesus wiederum lebte in einer jüdisch geprägten Gesellschaft unter römischer Besatzung. Seine Zuhörer waren mit einer orientalischen Rhetorik vertraut, die viel stärker mit Übertreibungen und provokanten Bildern arbeitete, als wir es aus unserer mitteleuropäischen Perspektive gewöhnt sind.

Des Weiteren wurden die Evangelien erst Jahrzehnte nach Jesu Wirken verschriftlicht. Allein durch diese zeitliche Lücke wird viel Information verlorengegangen sein. Jeder der vier Autoren hat sich auf andere Aspekte der Geschichte konzentriert. Laut dem Jünger Johannes hat Jesus aber noch erheblich mehr getan und gesagt, als in der Bibel steht (vgl. Joh. 21,25). Daher können wir den Kontext seiner Worte auch immer nur eingeschränkt bewerten.

Vermutlich hat die ursprüngliche Zuhörerschaft manches anders aufgefasst als wir heute. Aber auch damals irritieren bereits viele seiner Worte.

In Johannes 6 fordert Jesus die Menschen nach einer wundersamen Brotvermehrung quasi zum Kannibalismus auf: „Wenn ihr nicht mein Fleisch esst und mein Blut trinkt...“ Natürlich ist das symbolisch gemeint, doch daraufhin laufen viele Menschen davon und wollen nichts mehr von ihm wissen. Jesus hält sie nicht zurück und sagt auch nicht: „Moment, das kam jetzt falsch rüber." 

Der freundliche Jesus unserer Zeit

Dass unser heutiges Bild von Jesus vor allem vom freundlichen Seelsorger geprägt ist, hängt viel mit unseren Lebensumständen zusammen. Im Mittelalter waren die Menschen beispielsweise in viel stärkerem Maß durch Seuchen, Hunger und Tod bedroht als heute. Dementsprechend suchten sie in Jesus vor allem Autorität und Erlösung vom Gericht.

Diese äußeren Nöte spielen in unserer heutigen westlichen Kultur eine viel geringere Rolle. Wir suchen stattdessen nach innerer Heilung, Zugehörigkeit und emotionaler Sicherheit. Serien wie The Chosen spiegeln genau diese Sehnsucht wider: Viele Menschen erleben dort zum ersten Mal einen Jesus, der menschlich nahbar wirkt.

Alle Darstellungen lassen sich auf gewisse Weise biblisch begründen. Aber alle greifen zu kurz, wenn man nur diese Aspekte von Jesus betrachtet.

Denn der Jesus der Evangelien lässt sich nicht auf wenige Attribute reduzieren. Wer die Evangelien ernst nimmt, begegnet keinem glatt polierten spirituellen Wohlfühlbegleiter, sondern einer Persönlichkeit mit enormer Autorität, Radikalität und Tiefe.

Der wahre Jesus ist nicht leicht zähmbar

Genau deshalb wirkt Jesus trotz aller Vertrautheit immer auch ein Stück weit fremd. Er entzieht sich jeder einfachen Einordnung. Er vergibt Menschen und spricht trotzdem vom Gericht. Er segnet Kinder und nennt religiöse Leiter „Schlangenbrut". Er lädt Belastete ein und fordert Menschen gleichzeitig dazu auf, alles loszulassen.

Wir sind versucht, diese Spannung aufzulösen, indem wir das in den Vordergrund stellen, was für uns am wichtigsten ist. Und das ist heute meistens unendliche Liebe und Vergebung, möglichst wenig Gericht und maximale emotionale Nähe. Ein individuell zusammenstellbarer Jesus aus dem Baukasten, am besten in Größe M: nicht zu klein, aber auch nicht zu mächtig.

Es gibt allerdings einen Haken: Ein Jesus, der nie widerspricht, irritiert oder herausfordert, wird irgendwann zur Projektion eigener Wünsche.

Umgekehrt wird ein Jesus, der nur fordert, droht und Druck macht, zu einer religiösen Last, die Menschen innerlich zerbrechen lässt.

Warum dann Jesus?

Trotzdem bleibt die Frage: Warum sollte man sich auf jemanden einlassen, der so schwer zu verstehen ist? Und wie kann diese persönliche Beziehung zu Jesus konkret aussehen, wenn wir Jesus immer wieder neu und anders wahrnehmen?

Ich glaube, dass diese Beziehung ebenso im Fluss ist wie unser Bild, das wir von Jesus haben. Meine zusammenfassende Antwort auf „Warum Jesus" hat drei Dimensionen: Wo er mich hält, was er mit mir macht, und was er mir gibt.

Wo er mich hält

Für mich ist es eine große Entlastung, dass ich nicht für alles vor Gott selbst geradestehen muss. Wenn irgendwann die himmlische Abrechnung kommt und Gott der Vater Luft holt, um alle Brüche meines unperfekten Lebens aufzuzählen, steht Jesus auf und ruft: „Ist alles nicht mehr relevant. Das habe ich schon abgegolten!"

Aber auch in meinem irdischen Leben ist es eine beruhigende Gewissheit, dass ich nicht allein durch alles hindurchmarschiere. Das zeigt sich manchmal in kleinen Dingen, die man als Zufall abtun könnte, aber die ich als kleines Zeichen von oben wahrnehme. Beispielsweise fügte sich neulich eine ärztliche Untersuchung für meine Tochter wie von allein, als ich schlicht nicht die Energie hatte, mich intensiv darum zu kümmern. Ich hätte es nicht besser organisieren können.

Oder vor ein paar Tagen konnte ich wegen einer wichtigen Veranstaltung, die ich zu organisieren hatte, nicht gut schlafen. Mitten in der Nacht hatte ich auf einmal den Satz im Herzen: „Christ will hold me fast" – Christus hält mich fest. Es ist eine Liedzeile aus einem Lied, das ich schon länger nicht mehr gesungen hatte. Dass Jesus mich festhält – daran habe ich mich wiederum festgehalten.

Was er mit mir macht

Außerdem merke ich, dass eine Beziehung zu Jesus mich verändert, auch wenn das auf den ersten Blick nicht angenehm ist. Es gibt Momente, in denen ich etwas tue oder denke und dann spüre: Das passt nicht zu dem, wie ich leben möchte.

Auch scheint es, dass mir immer wieder bestimmte Themen aufs Herz gelegt werden, die gerade „dran" zu sein scheinen: Selbstwert, Ungeduld, Perfektionismus – alles Dinge, an denen ich wohl selbst ungern arbeiten würde. Aber wer nie von außen korrigiert wird, entwickelt sich in der Regel nicht weiter. Er wird nur konsequenter in dem, was er ohnehin schon ist.

Was er mir gibt

Jesus gibt mir einen moralischen Maßstab, der sich nicht am Zeitgeist orientiert. Unsere Gesellschaft ist sich in der Frage nach richtig und falsch selten einig, und die Antworten verändern sich im Lauf der Zeit immer wieder. Auch die Bibel ist von einer zeitgenössischen Interpretation in vielen Punkten nicht ausgenommen. Doch das zentrale Gebot Jesu gilt immer: Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst. Das kann so manche Entscheidung vereinfachen.

Manchmal erlebe ich auch einen göttlichen Fingerzeig, der mich zu einer bestimmten Entscheidung führt. Zum Beispiel wurde ich vor Jahren dreimal von unterschiedlichen Seiten auf einen missionarischen Kurzzeiteinsatz aufmerksam gemacht. Ich habe teilgenommen, und er hat meinen beruflichen Werdegang komplett verändert.

Zusammengefasst heißt das für mich: Jesus gibt mir eine Perspektive, die ich nirgendwo sonst finde.

Eine Beziehung braucht nicht vollständiges Verstehen

Die Beziehung zu Jesus setzt nicht voraus, dass wir ihn vollständig verstehen. Das ist auch in keiner Partnerschaft der Fall.

Wer behauptet, seinen Partner nach zwanzig Jahren in- und auswendig zu kennen, ist entweder ein außergewöhnlicher Mensch oder hat zwei Jahrzehnte lang nicht besonders gut zugehört.

Die tiefsten Beziehungen unseres Lebens beruhen deshalb nicht auf vollständigem Verstehen, sondern auf Vertrauen. Und auf der Bereitschaft, eine Person immer wieder neu kennenzulernen.

Wenn du also feststellst, dass Jesus anders ist als erwartet, musst du deswegen nicht Abstand von ihm nehmen. Du kannst die Entdeckung auch als Einladung verstehen, ihn neu kennenzulernen. Und zwar als die manchmal irritierende, manchmal herausfordernde und oft überraschende Person, die uns in den Evangelien begegnet.

Autor/-in

Theresa Folger

  |  Produktmanagerin

Theresa Folger ist Produktmanagerin und Redakteurin mit Schwerpunkt mentale Gesundheit. Sie schreibt über Glaube, Psychologie und Alltag. Ihr Herzensthema ist innere Freiheit – im Glauben wie im Leben.

Deine Meinung zählt!

Was hat dich inspiriert, berührt oder zum Nachdenken gebracht?

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.
Dein Kommentar wird zunächst geprüft. Wir behalten uns Kürzungen und Nichtveröffentlichung vor. Bitte beachte beim Schreiben unsere Netiquette.

Das könnte Sie auch interessieren