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© St. Martini Gemeinde

23.05.2022 / Aktuell / Lesezeit: ~ 4 min

Autor/-in: Regina König

„Platter Biblizismus“

Warum die Kirchen den Freispruch Olaf Latzels kritisieren.

 

 

Bundesweit hatte der Prozess um den Bremer Pastor Olaf Latzel große Aufmerksamkeit auf sich gezogen, der am Freitag, den 20.05.2022, mit einem Freispruch für Olaf Latzel endete. Zuvor war der Pastor in erster Instanz wegen Volksverhetzung verurteilt worden, weil er sich abfällig gegenüber gelebter Homosexualität geäußert hatte. Führende Repräsentanten der Evangelischen Kirche kritisieren nun den Freispruch. Regina König vom Team ERF Aktuell hat den Prozess beobachtet.


ERF: Regina, noch einmal grundsätzlich - warum stand Olaf Latzel vor Gericht?

Regina König: Latzel hatte sich in einem Eheseminar, das er in seiner Bremer St. Martini-Gemeinde 2019 gehalten hatte, abfällig über Homosexualität geäußert. Monate später wurde dieses Eheseminar online gestellt und so einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Daraufhin wurde von der Bremer Staatsanwaltschaft Anklage erhoben wegen Volksverhetzung. Anklagepunkt: Latzel stachele zu Hass gegenüber Homosexuellen auf.


ERF: Diesem Vorwurf folgte in erster Instanz das Bremer Amtsgericht und verurteilte Latzel wegen Volksverhetzung zu einer 3-monatigen Freiheitsstrafe, die zu einer Geldstrafe umgewandelt wurde von 90 Tagessätzen zu je 90 Euro.

Regina König: Richtig, aber gegen dieses Urteil ist der Pastor in Berufung gegangen, und am Freitag kam nun in 2. Instanz vom Bremer Landgericht der Freispruch.
 

Gericht: Biblische Argumentation

ERF: Wie sieht die Urteilsbegründung für den Freispruch aus?

Regina König: Das Landgericht konnte keinen Vorsatz in Latzels Handeln erkennen. Außerdem habe er mit seiner Kritik keine konkreten Personen angegriffen, sondern gesellschaftliche Konzepte. Der Theologe stachele nicht zum Hass auf, er argumentiere von der Bibel her, so das Gericht. Latzel selbst hat immer wieder vor Gericht betont, dass ihm die missverständlichen Formulierungen leidtun, und er entschuldigte sich mehrfach.

Homosexuelle Menschen gehörten selbstverständlich zu seiner Gemeinde, so Latzel. Er sehe sich aber an das Wort Gottes gebunden, das Homosexualität verurteile. Die Staatsanwaltschaft hatte jetzt in der zweiten Instanz dennoch die Bestätigung des Schuldspruchs gefordert.
 

Kirche: Platter Biblizismus

ERF: Einige Vertreter der Evangelischen Kirchen sind mit dem letztinstanlichen Urteil nicht zufrieden und sehen es kritisch.

Regina König: Die Kirchenpräsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche, Susanne Bei der Wieden, twitterte, das Bremer Urteil würde einem „platten Biblizismus“ recht geben. Sie verurteilt Latzels Äußerungen zur Homosexualität und betont, die biblische Theologie bezeuge Gott als den Schöpfer aller Lebensformen.

Zum Freispruch äußerte sich auch der Landesbischof der hannoverschen Landeskirche, Ralf Meister. Er wandte sich gegen die Diskriminierung queerer Menschen. „Alle Menschen aller geschlechtlichen Identitäten und vielfältiger sexuellen Orientierungen“ seien willkommen. Auch sein Amtskollege, der Oldenburger Bischof Thomas Adomeit, bedauert den Freispruch Latzels. Dennoch beugt er sich dem Freispruch. „Das Gericht hat einen weiten Rahmen für die Meinungsfreiheit gezogen. Das ist zu akzeptieren“, so Bischof Thomas Adomeit laut einer Meldung des Evangelischen Pressedienstes, epd. Dennoch heiße er die Äußerungen Pastor Latzels nicht gut.
 

EKD: liberale Grundhaltung

ERF: Auch die Evangelische Kirche in Deutschland, EKD, bekräftigte noch einmal ihre liberale Haltung zum Umgang mit Homosexualität.

Regina König: Ja, auf dem EKD-Instagram Account und auf Twitter ist zu lesen, die EKD lehne jede Form der Diskriminierung aufgrund einer sexuellen Orientierung oder Identität aus theologischen und ethischen Gründen ab. Wörtlich: „Das gilt unabhängig von allen Gerichtsurteilen.“
 

Redefreiheit gewahrt

ERF: Was denkst du über das Urteil? In erster Instanz hast du die Gerichtsverhandlung vor Ort im Gerichtssaal beobachtet.    

Regina König: Als Beobachterin hatte mich im November 2020 ehrlich gesagt das Urteil des Bremer Amtsgerichts überrascht, denn den Tatbestand der Volksverhetzung konnte ich nicht bestätigt sehen. Ich selbst lehne die Art und Weise, wie sich Pastor Latzel über Homosexualität äußert, scharf ab – dennoch begrüße ich, dass das Bremer Landgericht mit seinem Urteil deutlich macht, dass in unserem Land eine konservative, kritische Haltung zum Thema gelebte Homosexualität öffentlich geäußert werden darf. Das ist für mich eine Bestätigung der Religionsfreiheit in Deutschland – egal, welche Grundhaltung man zu diesem Thema hat.


ERF: Trotz Freispruch durch ein weltliches Gericht – ein Verfahren ist noch anhängig gegen Olaf Latzel.  

Regina König: Ja, denn die Bremische Evangelische Kirche hat gegen ihren Pastor ein Disziplinarverfahren angestrengt, das unabhängig vom Urteil des Landgerichts weiterläuft. Dieses Verfahren ruht, bis die Entscheidung des Landgerichts rechtskräftig ist. Wie die Kirche abschließend entscheiden wird, ist also noch offen.


ERF: Danke Regina, für deine Einschätzungen.

Weiterentwicklung: Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft Bremen nach dem Freispruch Revision eingelegt, meldet der Evangelische Pressedienst (epd) am 25.05.2022. Für eine Begründung müsse zunächst die schriftliche Urteilsbegründung abgewartet werden. Erst dann sei eine Kontrolle auf Rechtsfehler möglich. Über die Revision entscheidet das Hanseatische Oberlandesgericht in Bremen.

 Regina König

Regina König

  |  Reporterin

Für ERF Plus in Mitteldeutschland unterwegs. Sie ist verheiratet und hat vier Kinder.

Ihr Kommentar

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Kommentare (2)

HJW /

Leider wurde in dem Beitrag kein Bezug auf mögliche Bibelstellen genommen und auch nicht, dass seine Gemeinde weiter fest hinter ihm steht, die ihn wahrscheinlich am besten kennen. Auch zeigt dies deutlich, dass bibeltreue Christen in der Kirche unerwünscht sind.

Michael /

Ich verstehe unsere evangelischen Kirchen nicht! Olaf Latzel spricht ausschließlich Dinge an, die er mit der Bibel belegen kann. Homosexualität ist nun mal anhand der Bibel Sünde. Das muss man doch mehr

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