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© Herder

29.03.2021 / Rezension / Lesezeit: ~ 3 min

Autor: Vera Nölke

„Ich bin Jesus und ich wohn jetzt hier“

Autor Jonas Goebel versetzt Jesus in eine Wohngemeinschaft von heute.

 

 

Es klingelt. Jonas öffnet die Tür. „Ich bin Jesus und ich wohn jetzt hier“, sagt Jesus, geht an Jonas vorbei durch die geöffnete Tür und rein ins Pastorat in Hamburg. Nun sitzt Jesus auf einem blauen Sofa, neben ihm liegt ein Stück Pizza und in der Hand hält er ein Smartphone – ein bekanntes Bild aus einer Wohngemeinschaft.

In Jesus, die Milch ist alle erzählt Pastor Jonas Goebel die fiktive Geschichte, wie Jesus mit Martin Luther zu Jonas und dessen Freundin Trixi in eine Wohngemeinschaft zieht. Sie teilen die Milch im Kühlschrank, aber auch Sehnsüchte und Wünsche in Gesprächen und berufliche Tätigkeiten wie das Gestalten der Seniorenrunde in der Kirchengemeinde. Eine Rezension von Vera Nölke.
 

Jonas Goebel schreibt seine alltäglichen Geschichten auf – mit der besonderen Frage: Wie würde diese Situation eigentlich ablaufen, wenn Jesus wirklich mit dabei wäre?
 

Maximal nahbar und verständnisvoll

Der Autor möchte Jesus als nahbar darstellen. Das gelingt Goebel sehr gut, wie in dieser Szene: Er sitzt mit Jesus auf dem Balkon. Sie reden über Jonas‘ persönlichsten Moment, in dem er Gottes Gegenwart ganz deutlich gespürt hat. Auch durch weitere Geschichten will der Autor sagen: Jesus ist zum Greifen nah und ist Teil seiner Alltagswelt.
 

Luther reformiert wieder

Mit dabei ist auch Martin Luther. Anders als Jesus ist der Reformator in den sozialen Netzwerken sehr aktiv: Auf seinem YouTube-Kanal postet Luther fleißig Videos, etwa wie er aus Protest gegen das Verhalten des Internetanbieters den Router verbrennt. Der Reformator kommuniziert mit dem Vatikan über dessen Kirchenverständnis und ist Jesus beim Bibel-Wissen weit voraus.
 

Was würde Jesus an dieser Stelle sagen?

Im Buch übersetzt der Autor biblische Geschichten in die heutige Bildsprache. Inspiriert wurde der Pastor durch seine Arbeit mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden. Die können mit Bildern aus der Bibel, wie zum Beispiel „Quelle des Lebens“, kaum etwas anfangen, wie Goebel als Pastor festgestellt hat. Zur Vorbereitung für diese Übersetzungsleistung hat der Theologe die Evangelien nochmal sehr aufmerksam gelesen und die Bibel lag beim Schreiben aufgeschlagen neben seinem Laptop.
 

Beten ist wie ein Energydrink!

Ein Beispiel für solch eine Übersetzung: Auf einer Fahrt im Nachtbus kommt Jesus mit Jugendlichen ins Gespräch. Sie trinken Alkohol mit Energydrinks gemischt und bieten auch Jesus einen Schluck an. So entsteht ein Gespräch zwischen den jungen Leuten und Jesus, den sie als „Jesus von Weihnachten“ bezeichnen. Nach und nach lassen sie sich auf Jesu Botschaften ein und geben zu, dass der eine oder die andere auch manchmal betet. Am Ende begreifen die Jugendlichen: Reden mit Jesus gibt neue „Energy“!
 

Jesus soll anecken – tut er das auch?

Der Autor möchte durch seine Geschichten ebenfalls zeigen, dass Jesus heute noch aneckt. Ähnlich, wie es auch in den Begegnungen vor 2.000 Jahren berichtet wird. Aber wo eckt Jesus an in dem Buch? Die Begegnungen lesen sich positiv: Die Senioren „finden ihn einen Hit“, die Jugendlichen lassen sich auf ihn ein und werden zugänglicher – aber wer stört sich an Jesu Verhalten in diesem Buch?

Genau solche Geschichten fehlen mir: Jesus holt Menschen auch heute raus aus ihrer bequemen Komfortzone. Wie reagiert Jesus auf die rassistischen Bemerkungen, die er erlebt (und die der Autor nur durch Nacherzählen mitteilt)? Und wie reagieren diese Menschen auf den Jesus, den Jonas Goebel darstellt: Ein Jesus, der zutiefst mitempfindet und den das Leid der Menschen auf dieser Welt selbst so sehr schmerzt?
 

Vorsicht: Humor

Vielleicht eckt der von Jonas Goebel dargestellte Jesus eher bei den Leserinnen und Lesern an. Auch die Neckereien Luthers, die sich auf Jesu Bibelwissen beziehen, können sicherlich nicht alle mit Humor lesen. Doch es gelingt dem Autor immer wieder, dass sich alltägliche Kurzgespräche mit Witzen und Neckereien und ein tiefgehender Austausch über Träume, Vorstellungen und Sehnsüchte abwechseln. Es ist ein Buch mit Humor und Geschichten, die zum Nachdenken anregen.
 

Wer ist Jesus für mich?

Das Versprechen „Stoff zum Diskutieren“ hält das Buch auf jeden Fall ein. Durch die Erlebnisse, die der Autor teilt, wird sein Bild von Jesus deutlich – und auch sein Verständnis von manchem theologischen Sachinhalt wird manch einer aufmerksamen Leserin durchscheinen. Und doch regt seine Art zu schreiben mich zum Nachdenken an: Erlebe ich Jesus auch als „Energy“? Und ist Jesus nur der Weg zum Vater oder noch viel mehr? Welches Bild eckt bei mir an – und warum?

Kurz gesagt: Fürs erste Kennenlernen und einen Lacher zwischendurch geeignet. Sich selbst als Christ mal nicht so ernst zu nehmen, hilft bei der Dialogbereitschaft mit den Mitmenschen in jedem Fall. Und: Humor kann uns verbinden.


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 Vera Nölke

Vera Nölke

  |  Redaktions-Volontärin

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